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Meine Stadt Experte Boris Zizek über Chancen und Risiken der digitalen Herausforderung
Hannover Meine Stadt Experte Boris Zizek über Chancen und Risiken der digitalen Herausforderung
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10:56 12.06.2019
NETZWERKER: Erziehungswissenschaftler Boris Zizek in seinem Büro an der Leibniz-Universität. Quelle: Petrow
Hannover

Digitale Medien durchdringen heute fast alle Lebensbereiche. Für junge Menschen birgt das nicht nur Chancen, sondern auch Risiken: Cybermobbing, populistische Mobilisierung in sozialen Netzwerken oder Kostenfallen bei Apps. Vom 12. bis 14. Juni diskutieren internationale Experten in Hannover auf der „Digital Youth“, wie soziale Medien Jugendliche beeinflussen. Die NP sprach mit dem Initiator, Erziehungswissenschaftler Boris Zizek aus Hannover. Er ist Professor an der Leibniz-Uni.

Wie beeinflussen digitale Medien die Sozialisation von Jugendlichen?

Die digitalen Medien beeinflussen Kinder und Heranwachsende, weil sie neuartige soziale Räume erzeugen und dadurch auch neue Formen der Interaktion, die es vorher so nicht gab. Vorher war es etwa nicht vergleichbar möglich, anonym mit Fremden in Kontakt zu treten oder „Privates“ zu veröffentlichen. Das birgt natürlich Chancen und Risiken zugleich. Man kann dadurch leicht Gleichgesinnte finden, ganz gleich für welchen Bereich, ob für Hobbys, Schulthemen, aber auch politische Überzeugungen. Das kann Jugendliche bestärken und sie dadurch in ihrer Entwicklung fördern. Aber man kann auch Gefahr laufen, in sozialen Medien nur noch Gleichgesinnte zu suchen. Das wird dann problematisch, wenn man keine anderen Stimmen mehr zulässt.

Lieber texten als thematisieren

Und wie verändern digitale Medien die Kommunikation und das Miteinander?

Da muss man verschiedene Ebenen betrachten. Im beruflichen Kontext bieten die digitalen Medien gewaltige Rationalisierungsmöglichkeiten, man kann in kürzester Zeit, selbst über weite Distanzen, Dinge klären. Das ist eine große Veränderung im Vergleich zur Kommunikation mit Briefen, aber auch dem Telefon. Das beschleunigt enorm, kann aber auch zu Stress und Entgrenzung von Arbeit führen. Die andere Ebene ist, dass man durch digitale Medien eine Form der Kommunikation findet, in der man sich gleichsam zurückziehen kann. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen texten lieber über Probleme, anstatt sie in direkten Gesprächen zu thematisieren. Da geht viel soziales Miteinander verloren. Texting scheint aber auch Verbindlichkeit abzubauen. Es gibt inzwischen Sportvereine, wo man telefonisch absagen muss. Seitdem ist das Fehlen stark zurückgegangen. Digitale Medien verführen dazu, wichtige Erfahrungen, eben das direkte Absagen beispielsweise, nicht mehr selbst zu machen. Digitale Medien haben viele Vorteile, aber es wird einem dadurch auch vieles abgenommen, wodurch wichtige Kompetenzen nicht mehr erworben werden.

Sind soziale Medien mehr Chance oder doch Risiko?

Das kann man nicht pauschal beantworten, sondern hängt stark vom Individuum ab und wie dieses an das Thema herangeführt wird. Das Handy kann zur Dauerverinselungsmöglichkeit werden, digitale Medien können aber auch viel kreatives Potenzial freisetzen. Es gibt da keine einfache Antwort.

Besteht bei der Dauerjagd nach Klicks und Likes nicht auch die Gefahr, zum Selbstdarsteller zu werden?

Durch digitale Medien tendieren wir stark zur Außenlenkung – weg vom inneren Kompass hin zum äußeren Radar. Jugendliche lernen, mehrere Dinge gleichzeitig im Blick zu behalten, Hausaufgaben bei Musik und Beantwortung von Whatsapps, viele lernen aber nicht mehr, sich mit etwas vertieft auseinanderzusetzen. Trotz digitaler Medien ist es nämlich nicht obsolet geworden, auch 20 bis 30 Seiten Text zu lesen. Aber es läuft nicht gleich jeder Gefahr, ein Selbstdarsteller zu werden.

Cyber-Mobbing als Spiegel der Gesellschaft

Mobbing verlagert sich immer stärker von der analogen Welt in die digitale. Wie sozial sind soziale Medien eigentlich?

Cyber-Mobbing ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Nicht die Technik als solche ist das Übel, hier sind digitale Medien auch ein Vergrößerungsglas von Problemen. Gleichwohl ist die soziale Wirkung etwa eines unerlaubt veröffentlichten Nacktfotos katastrophal. Außerdem erwerben Heranwachsende, die digitale Medien als Möglichkeit zur Filterung ihrer sozialen Interaktionen nutzen, keine belastbare „soziale Dickhäutigkeit“ und werden verletzbarer durch Mobbing.

Wie schätzen Sie den Suchtfaktor sozialer Medien ein?

Problematisch ist eine Nutzung, die andere Aspekte, beispielsweise Freundschaften oder Hobbys, so stark einschränkt, dass diese darunter leiden. Und wenn man merkt, dass etwa das Gaming dazu benutzt wird, um sich nicht mehr mit einem Problem zu beschäftigen. Das beobachten wir leider sehr oft, dass freie Zeit gleichsam „totgespielt“ wird, weil freie Zeit natürlich anstrengend ist, wenn ein Konflikt da ist.

„Am besten ist der anstrengende Weg“

Und wie sollten Eltern am besten auf eine exzessive Nutzung reagieren?

Am besten ist der anstrengende Weg: Auseinandersetzung und Gegenwirken. Leider reagieren viele Eltern oft völlig gegensätzlich. Ein Beispiel: Im Englischen gibt es das Verb „passback“. Das bedeutet, dass Medium wird den Kindern im Auto nach hinten gereicht, damit sie Ruhe geben. Statt sich also Gedanken zu machen, wie man die Situation angemessen und kindgerecht verändern könnte, wird eine weniger anstrengende Lösung gewählt.

Digitale Medien halten zunehmend auch in Schulen Einzug. Ist das wirklich eine gute Entwicklung?

Die Digitalisierung ist sicherlich nicht mehr aus der Welt zu räumen. Aber es ist schon interessant, dass gerade im Silicon Valley oder in einigen wohlhabenden Gegenden in den USA die digitalen Medien wieder aus den Schulen herausgenommen werden oder die Nannys keine Smartphones mitbringen dürfen. Wichtig ist immer ein Blick hinter die Bühne, man muss das Medium verstehen. Die Jugendlichen sollten das Medium beherrschen und nicht durch es berieselt und beherrscht werden.

„Youtube-Tutorials ersetzen keine Lehrer“

Eine aktuelle Studie zeigt, dass für viele Schüler Youtube das Leitmedium ist. Fast 90 Prozent nutzen die Video-Plattform demnach als eine Art Nachhilfelehrer.

Man merkt, dass sich wirklich etwas verändert. Youtube-Clips sind zum Teil richtig gut, dagegen ist erst mal nichts zu sagen. Das Positive ist, dass Youtuber eine Sprache finden, die bei der Jugend ankommt. Ich finde es aber wichtig, dass wir trotz lehrreicher Clips andere Formen der Auseinandersetzung nicht komplett hinter uns lassen. Dass man beispielsweise auch weiterhin Texte liest, weil auch das nach wie vor sinnvoll bleibt. Selbst gute Youtube-Tutorials ersetzen keinen echten Lehrer.

Vervollständigen Sie zum Schluss bitte diesen Satz: Digitale Medien sind ...

... eine Herausforderung mit großen Potenzialen und Risiken, die traditionelle, bewährte soziale Formen auszuhebeln oder aufzulösen vermögen und an die man deshalb durchdacht herangeführt werden sollte.

Von Britta Lüers

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