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Meine Stadt Hannover: Hoffnung für Chico
Hannover Meine Stadt Hannover: Hoffnung für Chico
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11:00 09.04.2018
BEWEGT TAUSENDE: Chico, der Staffordshire-Terrier-Mischling, der seine Halter durch Bisse tötete und der jetzt im Tierheim untergebracht ist. Quelle: Foto: Dröse
Hannover

Sehr ruhig steht Chico am, Gitter seines Käfigs im Tierheim Krähenwinkel. Nähert sich ein Besucher, bellt er – „eher aufmerksam, als aggressiv“, findet Tierheim-Chef Heiko Schwarzfeld. Und eigentlich hatten die Mitarbeiter des Veterinäramts der Stadt Hannover entschieden, der acht Jahre alte Staffordshire-Terrier sei „zeitnah“ einzuschläfern, weil er seine Halter mit Bissen tötete. In einer Petition an die Stadt wenden sich inzwischen mehr als 240 000 Menschen dagegen. Und das scheint zu wirken: Der Tierschutzverein Hannover hat der Stadt offenbar einen Vorschlag unterbreitet, um Chico auf einem Gnadenhof unterzubringen. Die Stadt wolle den Vorschlag prüfen, kündigte ein Sprecher an.

Am Dienstag Abend hatte die Polizei nach Hinweis einer Hinterbliebenen deren Mutter (52) und Bruder (27) mit tödlichen Verletzungen in einer Mietwohnung am Roderbruch gefunden. Am Freitag Nachmittag stand fest, dass Chico Herrchen und Frauchen zu Tode biss.

Das Drama wäre vermeidbar gewesen. Schon 2011 hatten sich Betreuer und später eine Richterin ans Veterinäramt gewendet. Hundetrainerin Wiltrud Remstedt hatte zuvor den Terrier beobachtet und als bissig und mangelnd sozialisiert erlebt, Führung nur mit Maulkorb und Überprüfung des Tieres empfohlen.

Doch passiert ist nichts – bis auf einen Brief der Stadt. Sprecher Udo Möller: „Der Hundehalter wurde zur Vorstellung des Hundes aufgefordert, kam dieser Aufforderung aber nicht nach.“ Verständlich, denn ein genauerer Blick in die Akten hätte ergeben, dass eine Vorstellung unmöglich gewesen wäre. Halter Liridon K. war kleinwüchsig, krebskrank, kaum 40 Kilogramm schwer und nicht im Besitz eines Autos. Wie hätte er einen 30 Kilogramm schweren Rüden, der längst als aggressiv aufgefallen war, mit Bus oder Bahn zur Begutachtung bringen sollen? Seine Mutter Lezime saß im Rollstuhl, seit ihr Ex-Mann mit einer Axt auf sie losgegangen war.

Mit durch das „gravierende Versäumnis“ der Stadt wurde aus dem Vertreter eines Rasse, die in Amerika zur Therapie von Kindern eingesetzt wird, ein Killer. Eingesperrt in einen Stahlkäfig im Kinderzimmer, oft nur nachts ausgeführt, tagsüber zur Notdurft auf den Balkon gelassen. Das und eine möglicherweise schmerzhafte Geschwulst am Kiefer haben den Vierbeiner vom Opfer zum Täter gemacht.

Dass er sterben sollte, „stört das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen, auch meins“, sagt Schwarzfeld. „In Deutschland gibt es keine Todesstrafe“, argumentiert er. „Sollen wir dann nicht auch Chico lieber lebenslänglich geben?“ Das hieße in dem Fall Unterbringung auf einem Gnadenhof in einem anderen Bundesland. An eine Familie sei Chico „nicht vermittelbar“. Aber die Alternative mit dem Gnadenhof scheint nun zu funktionieren.

Mit darüber entscheiden müssten nach Ansicht von Rechtsanwalt Andreas Hüttl (der die Hinterbliebenen vertritt) die Töchter, beziehungsweise Schwestern der Opfer als neue Eigentümerinnen des Hundes. Bisher aber hat sich die Stadt nicht bei ihnen gemeldet.

Interesse in aller Welt

Online-Medien in und außerhalb Europas haben über den Fall Chico und seine toten Besitzer berichtet. Sogar in Pakistan, Indien, USA, Nigeria, Bahrain, Ecuador und Guatemala wissen die Menschen, dass der Staffordshire-Terrier zwei Menschen totgebissen hat.

Screenshots: Mahrholz

Nie zuvor hatte eine Polizeimeldung aus Hannover rund um den Globus so viel Beachtung gefunden. Die meisten Medien verwenden Symbolfotos für die Berichterstattung: Der „Independent“ aus Nigeria zeigt zum Beispiel einen zähnefletschenden Hund als Illustration für das Drama. Das „Algemeen Dagblad“ aus den Niederlanden stellt einen sogenannten Kampfhund mit blutiger Schnauze zum Bericht mit der Überschrift: „Vechthond doodt moeder en zoon in Hannover“ ("Kampfhund tötet Mutter und Sohn in Hannover"). „BT“ aus Dänemark bebildert den Artikel „Muskelhund gik amok: Tysk mor og son bidt ihjel“ (,Muskelhund verrückt geworden: Deutsche Mutter und Sohn getötet’) mit einem Hundegebiss in Großaufnahme.

„Pulse“ aus Nigeria titelt „Mother and son killed by family dog turned enemy“  ("Familienhund wird zum Feind, Mutter und Sohn getötet"). Die Journalisten vergleichen den tragischen Fall aus Groß-Buchholz mit dem Tod eines Tierpflegers in einem Vergnügungspark im Norden des Landes. Der Zoo-Mitarbeiter war von einem Löwen zerfleischt worden, der aus seinem Käfig entkommen war.
Eher befremdlich mutet die Berichterstattung der  „Khallej Times“ aus Dubai an. Das Medium  zeigt zum Bericht „Dog kills mother, son inside their home in Germany“ ("Hund tötet Mutter, Sohn in ihrem Haus in Deutschland") einen hechelnden Mischlingshund, der keine Ähnlichkeit mit einem Staffordshire-Terrier hat. 72 Prozent der Benutzer bewerteten den Bericht mit einem traurigen Smiley, acht Prozent aber auch mit  einem lachenden Emoji.

Spontane Demo vor dem Veterinäramt

Zu einem spontanen Einsatz für Chico kam es am Sonntagnachmittag vor dem Veterinäramt der Stadt. Dort demonstrierten rund 60 Menschen. Tenor des Treffens: Chico soll nicht eingeschläfert werden.

Die städtische Behörde in der Leinstraße (City) war geschlossen, doch Demo-Initiator Guillermo Schwiete wollte ein schnelles Zeichen setzen – um zu verhindern, dass Chico eingeschläfert wird. „Free Chico“ ("Befreit Chico"), ruft der 48-jährige Tierschützer aus Dortmund um 15.20 Uhr am Behördeneingang. „Free Chico“, stimmen zahlreiche Demo-Teilnehmer ein.

„Es ist so traurig – für das Fehlverhalten der Besitzer soll jetzt der Hund bü­ßen“, kritisieren Jennifer Kielhorn (31) aus Seelze und Jennifer Borcherding. „Free Chico“ steht in roten Buchstaben auf dem weißen Shirt der 28-Jährigen aus Langenhagen.

Marcel (13) ist mit seinen Eltern Isabell (35) und An­dreas Holz (45) extra aus Seesen zur Demo gekommen. Mit Celina (11) und Ailina (15) aus Hannover hält der Junge vom Harz Schilder mit bunten Buchstaben in die Höhe. Aufschriften: „Wir kämpfen für Chico“ und „Chico soll leben“.

Schwiete hält auf den Waschbetonplatten vor dem Amt eine kurze Ansprache: „Es bestehen berechtigte Zweifel, dass der Hund Chico tatsächlich der Täter war.“ Der 48-Jährige fordert eine Untersuchung, wie „sie bei jedem Kriminalfall stattfindet“.

Von Vera König, Britta Mahrholz und Andreas Körlin