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Meine Stadt Ein letztes Mal ein Lächeln zaubern
Hannover Meine Stadt Ein letztes Mal ein Lächeln zaubern
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00:18 08.07.2018
IM Wünschewagen: Marc-Oliver Berndt (hinten) und Maik Döhring machen den Transporter so gemütlich wie möglich.
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Die erste Liebe. Der erste Schluck Bier. Die erste Fahrstunde. Der erste Tag in der Uni. Es gibt immer ein erstes Mal – für fast alle von uns. Für Brayn gab es nur ein letztes Mal. Ein letztes Mal eine Reise machen, nur eine kurze – von Hildesheim nach Hamburg. Ein letztes Mal das inhalieren, was an Seeluft, an unbeschwerte Tage am Strand erinnert. Ein nächstes Mal gibt es für den 14-jährigen Jungen aus Uelzen nicht. Er wird sterben. Es ist nur eine Frage der Zeit. Seit Brayn vor drei Jahren beim Spielen im Sand verschüttet worden war, ist aus dem lebhaften Kind ein Pflegefall geworden. Bewegungslos, sprachlos, er benötigt künstliche Beatmung, hat immer wieder heftige epileptische Anfälle und eine nur noch kurze Lebenserwartung.

Glück für kurze Zeit

Ein letztes Mal war Brayn kürzlich am Hamburger Hafen. Als zugleich jüngster und 50. Gast des niedersächsischen Wünschewagens. Der Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) hat dieses 120. 000-Euro-Fahrzeug im November 2017 angeschafft und damit mehr als diese 50 Sterbenden, auch ihre Begleiter – zumindest für eine kurze Zeit – glücklich gemacht. Und irgendwie auch jene Menschen, die den Wagen fahren.

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Einen wie Marc-Oliver Brandt (37), hauptamtlicher Mitarbeiter des ASB, der in seiner Freizeit ehrenamtlich Sterbende an ein letztes Ziel bringt. „Es erfüllt mich, etwas für Menschen zu tun“, sagt Berndt lächelnd. Mehr als 20 Fahrten hat er schon hinter sich und wenn er erzählt, dann merkt man, dass er dabei auch für sich Dinge gerade gerückt hat. „Wenn man darüber nachdenkt, was man sich selbst so alles wünscht, was man auch ganz einfach umsetzen kann und sieht, wie es anderen geht, dann relativiert sich vieles.“ Sagt er und erzählt von einer „eher unspektakulären Fahrt, die mich aber sehr berührt hat“. Eine Dame aus der Region Hannover, schwerst lungenkrank, „wollte in der Weihnachtszeit einfach noch einmal ins Leine Einkaufszentrum“. Im Rollstuhl, beatmet durch eine Maschine, vom Wünschewagen gebracht und begleitet von ihrem Lebensgefährten, „kaufte sie noch zwei bis drei Sachen“. Es war Berndts erste Tour.

Abschied ist schwierig

Die erste Fahrt mit dem niedersächsischen Wünschewagen machte ein 22-jähriger Göttinger, „dessen größter Wunsch es war, einem Eisbären so nahe wie möglich zu kommen“. Projektkoordinator und ehrenamtlicher Wünsche-Fahrer Nermin Besic erfüllte ihm diesen Wunsch im Zoo Hannover, wo der Sterbenskranke bei der Fütterung dabei sein konnte. „Man fühlt sich zwar gut, weil man ihm den Wunsch erfüllen konnte“, sagt Besic. „Aber der Abschied ist schwierig. Was soll man sagen: Bis bald? Alles Gute?“ Für eine kurze Zeit baue man eine Beziehung mit dem Fahrgast auf „und das macht es auch schwierig“, erzählt er ganz ehrlich.

Eine bereits lange Beziehung hatte ASB-Mann Maik Döhring (38) aus Bad Gandersheim mit seinem ersten Fahrgast. „Ich durfte meinen Freund begleiten, den ich seit der Orientierungsstufe kenne.“ Der gleichaltrige Freund hat einen irreparablen Hirntumor. „Und er ist ein riesiger Werder-Bremen-Fan.“ In mit Absprache mit der Frau und den Kindern „haben wir ihn überrascht und zu einem Werder-Spiel abgeholt. Er konnte es erst gar nicht fassen“. Das war im November. Seit einigen Tagen ist der Freund im Hospiz. „Es war echt ein Traum, das für ihn machen zu können“, sagt Döhring, der seitdem weitere fünf Fahrten durchgezogen hat.

Der Fahrgast Brayn hat alle Begleiter bis ins tiefste berührt. „Der ist erst 14 Jahre, da denke ich sofort an meine eigenen Kinder im Alter“, sagt Nermin Besic, der zwei Söhne im Alter von 15 und 18 Jahre hat.

Und was würden sich die Begleiter wünschen, wäre es ihre letzte Fahrt? „Eine Tour mit meinen besten Freunden, gern ans Meer, um noch Zeit mit ihnen zu verbringen“, meint Marc-Oliver Berndt. „Ich glaube, ich würde gern nach Fehmarn“, sagt Maik Döhring. „Das war meine Kinderinsel, da war ich jedes Jahr mit meinen Eltern. Noch einmal den Südstrand sehen.“

Ein Wunsch, den Brayn sehr gut verstehen könnte. Der zeigte am Morgen nach der Fahrt das erste Lächeln nach vielen Jahren, erzählte seine Bezugspflegerin im Hildesheimer Pflegeheim. „Ich bin sehr froh, dass er diese Reise noch machen konnte.“

Wünschewagen, ASB erfüllt letzten Wunsch Sterbenskranker, Arbeiter-Samariter-Bund, Quelle: Nancy Heusel

Noch einmal nach Marburg, zurück in ein Stück Kindheit zurück. So wollte es eine 99-Jährige. Zur Hochzeit die Oma zu sich holen können, das erbat eine junge Frau aus Leipzig. Nur einmal noch zum Steinhuder Meer. Oder einfach zum nächsten See.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) schickt in jedem Landesverband Wünschewagen los, Ende des Jahres werden es insgesamt 20 Fahrzeuge sein. Ein extra für diesen Zweck konzipierter Krankentransporter hat einen Wert von 120 000 Euro. Eine Fahrt mit dem Wünschewagen kostet durchschnittlich 1000 Euro – den ASB, die Schwerstkranken und ihre Angehörigen zahlen natürlich nichts, die Krankenkassen allerdings auch nicht. Während der Tour werden Medikamente, möglicherweise Sauerstoff, Magensonde und das Pflegepersonal benötigt. Die Fahrer des niedersächsischen Wagens hätten für ihre Fahrgäste gern eine weichere Matratze, weil die vorhandene für Sterbenskranke zu hart ist. Eine Spezialmatratze kostet aber 1300 Euro.

Benötigt werden für das Projekt auch ehrenamtliche Helfer, möglichst aus dem medizinischen Fachbereich. Das Projekt ist rein ehrenamtlich und wird zu 100 Prozent aus Spenden finanziert.rue

Wer für den Wünschewagen spenden möchte:

Bank für Sozialwirtschaft

IBAN: 

DE12 2512 0510 0007 4570 00

BIC: BFSWDE33HAN

Wer den Wünschewagen für sich oder einen nahen sterbenskranken Menschen in Anspruch nehmen möchte, wende sich an Wünschewagen Niedersachsen, Arbeiter-Samariter-Bund Hannover, Peterstraße 1-2, 0511/358 54 36

www.wuenschewagen.de

Von Petra Rückerl