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Meine Stadt Hannover: Ein clownesker Raub
Hannover Meine Stadt Hannover: Ein clownesker Raub
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00:21 30.03.2018
Hannover - Gericht 1, Landgericht, Nutzungshinweis: Der Angeklagte muss UNKENNTLICH gemacht werden! - es geht um einen knapp zehn Jahre alten Fall, der Angeklagte wurde aufgrund eines europäischen Haftbefehls im Oktober 2017 nach Deutschland ausgeliefert / er soll sich 2008 zusammen mit Mittätern mit einem Ehepaar an der Hildesheimer Straße 84 getroffen haben. Das Paar sollte für ein Immobiliengeschäft 250.000 EUR erhalten, gleichzeitig wollte es sich an einem Immobilienbüro in Cannes beteiligen, wofür es 111.000 EUR zahlen wollte. Es gelang dem Angeklagten, sich von dem Ehemann 111.000 EUR in bar zeigen zu lassen; als dieser sich in das Auto des Angeklagten beugte, soll er von einem gesondert Verfolgten geschlagen worden sein, während der Angeklagte mit dem Geld davonfuhr, 18. Große Strafkammer, (wahrscheinlich) Saal H2 - Foto Tim Schaarschmidt
Der Angeklagte Sinisa B. Quelle: Tim Schaarschmidt
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 Viele Jahre lebte Sinisa B. (46) im Untergrund. Er wurde mit europäischem Haftbefehl gesucht. Als er sich aus seinem Versteck in Bochum herauswagte und 2017 nach Slowenien einreiste, klickten die Handschellen. Seit Dienstag muss sich der Angeklagte wegen Raubes und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr im Landgericht verantworten.

Und die Masche, die Sinisa B. abgezogen haben soll, trägt slapstickartige Züge. Eine Bauingenieurin (61) aus Sachsen-Anhalt suchte einen Käufer für das väterliche Grundstück. Ein Makler namens „Waldmann“ meldete sich bei ihr. „Es ging alles telefonisch“, erzählte die Frau im Landgericht. Von Anfang an hatte sie ein komisches Gefühl. Doch die Aussicht auf 250 000 Euro verdrängten das schlechte Bauchgefühl. Man traf sich auf dem Flughafen Hannover. Dort übergab „Fräulein Bellmann“, die „Tochter“ des zweiten „Maklers“, der Bauingenieurin und ihrem Mann 10 000 Euro aus. In der Bank auf dem Airport überprüfte der Ehemann (58) das Geld auf Echtheit. Nun gut das Geld war echt. Das Bauingenieur-Ehepaar überreichte „Fräulein Bellmann“ seinerseits 9000 Euro, um zu demonstrieren, dass man auch über echtes Geld verfüge.

Denn mittlerweile wollte sich die Bauingenieurin in ein Immobilienbüro in Cannes (Frankreich) einkaufen. Das Büro sollte dem ominösen Käufer des väterlichen Grundstücks in Sachsen-Anhalt gehören. „Eigentlich wollten wir die Geschäfte über eine Bank abwickeln, aber der Makler bestand auf Bargeld“, sagte die Zeugin.

Staßfurt (Sachsen-Anhalt) wurde als Geldübergabe-Ort abgelehnt. Das sei zu abgelegen, sagte der Makler. Also traf man sich in Hannover, Hildesheimer Straße 84, vor einer Bank. Der 2. Oktober 2008 war ein windiger Tag. Makler „Bellmann“ fuhr in einem silbernen Audi A 3 um 8.20 Uhr vor. Das Ehepaar wartete schon ungeduldig. Die Ehefrau des Angeklagten, „Fräulein Bellmann“, führte die Beiden zum Audi A 3. „Bellmann“ klappte seinen Geldkoffer auf der Rückbank kurz auf. Der Ehemann, ein Hüne von zwei Metern, bückte sich die offene Beifahrertür und zeigte seinen Geldkoffer mit 111 000 Euro. „Als sich das Fräulein plötzlich ins Auto drängte, da wusste ich, hier passiert etwas“, sagte die Bauingenieurin.

Was sich nun abspielte, könnte aus dem Drehbuch einer Krimikomödie stammen: Das „Fräulein“ zwängte sich ins Auto. Der Ehemann hielt das Geld fest und klammerte sich an die B-Säule des Autos. Während dessen schlug „Bellmann“ immer wieder auf ihn ein. Die Bauingenieurin hielt ihren Mann an der Jacke fest. Bei offener Beifahrertür startete der Audi A 3 und schleifte das Ehepaar auf der Hildesheimer Straße mit. „Irgendwann konnte ich mich nicht mehr festhalten“, erklärte der Ehemann. Mit aufgeschrammten Knien und zerrissener Kleidung lagen sie auf der Hildesheimer Straße. Ein clownesker Raub.

„Fräulein Bellmann“ ging für diese Räuberpistole zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Zwei weitere Mittäter erhielten Bewährungsstrafen. Sinisa B. sagte am Dienstag noch nicht aus. Weil die Tat so lange zurückliegt, liegt auch für ihn eine Bewährungsstrafe im Bereich des Möglichen. Zurzeit steht er in Essen vor dem Schöffengericht. Da soll er mit einer ähnlichen Masche einen Juwelier um Schmuck im Wert von mehr als 400 000 Euro erleichtert haben.

Das Opfer des Raubes ist nachhaltig beeindruckt. Sie hat erst 55 000 Euro von der Beute zurückerhalten. Der Angeklagte gehöre zu einem international agierenden Clan, sagt sie. Seit dem Überfall leidet sie unter Herzbeschwerden.

Von Thomas Nagel