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Meine Stadt Inklusion im Unterricht: Für Lehrer eine Herausforderung
Hannover Meine Stadt Inklusion im Unterricht: Für Lehrer eine Herausforderung
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06:00 14.03.2019
ALLEIN GELASSEN: Nils Nordmann, Lehrer an der Leonore-Goldschmidt-Schule, muss in seinen Stunden ohne Unterstützung auskommen. Quelle: Fotos: Behrens
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Hannover

Nils Nordmann ist Musik- und Englischlehrer an der Leonore-Goldschmidt-Schule. In diesem Schuljahr hat er eine eigene fünfte Klasse. Von den 26 Jungen und Mädchen haben vier einen Förderbedarf. Wenn der Lehrer vor seiner Klasse steht, hat er keine Unterstützung: „In meinen Unterrichtsstunden ist keine Förderschullehrkraft dabei. Die kommt nur in den Deutsch- und Mathestunden dazu. Auch um eine Schulbegleitung für die Kinder mit Förderbedarf haben wir uns vergeblich bemüht.“ Nordmann gibt zu: „Ich kann nur mit Mut zur Lücke unterrichten. Natürlich werde ich dabei nicht immer jedem gerecht. Leider kann ich so aktuell meinem Bildungsauftrag nicht gerecht werden.“

Inklusion braucht Ressourcen

Der Musiklehrer glaubt nicht, dass die Inklusion gescheitert ist: „Das ist auch die falsche Aussage. Vielmehr muss gefragt werden: Was bräuchten wir, damit Inklusion richtig gelingt? Lange Zeit ist diese Frage gar nicht gestellt worden, sondern die Verantwortlichen sind davon ausgegangen. dass das schon alles so klappt. Ein falscher Gedanke.“ Was braucht Inklusion? „Ressourcen! Wir brauchen mehr Personal. In jeder Stunde müsste es einen weiteren pädagogischen Mitarbeiter geben, das muss nicht zwangsläufig eine Förderschullehrkraft sein.“

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Was Nils Nordmann damit meint, wird deutlich, wenn man ihn im Unterricht begleitet. Musik steht in der fünften und sechsten Stunde auf dem Stundenplan. Taktlehre. Der Pädagoge hat im Vorfeld gleich drei verschiedene Arbeitsblätter zum selben Thema vorbereitet: leicht, mittel und schwer. „Das kostet mich abends eine Stunde mehr Arbeit“, sagt er. Zieldifferenter Unterricht, heißt das in der Fachsprache.

Tempo und Leistung variieren

Der Klassenlehrer teilt die Arbeitsaufträge aus. Mehrere Minuten sind von der Musikstunde bereits verstrichen. Allein fünf Minuten, bevor alle Schüler überhaupt an ihrem richtigen Platz sitzen. „Dann können wir ja zur Abwechslung mal über Musik reden“, sagt Nordmann. Er sagt es nett, freundlich, seine „Jungen und Mädchen“ sind ihm nicht egal, das hört man. Die Kinder sollen Takte neu ordnen und auf diesem Weg ihren eigenen Rhythmus komponieren. „Kompostieren?“, fragt Elena. Vereinzelt wird gelacht. Nordmann hört darüber hinweg: „Ich kann nicht auf jede Störung reagieren, da würden wir nie weiterkommen.“

Während einige sofort zur Schere greifen und mit der Arbeit beginnen, dreht ein zehnjähriges Mädchen seinen Zettel wild mit dem Finger auf der Tischoberfläche. Steht auf, läuft durch den Musikraum, unterhält sich mit einem Klassenkameraden. Nordmann bemerkt es: „Was machst du da?“ Das Mädchen hat seine Schere vergessen. Weitere fünf Minuten vergehen, bis auch diese Schülerin langsam zu schneiden beginnt. Andere sind da längst fertig. Nordmann: „Ich habe Kinder in meiner Klasse, die erst mit einem Arbeitsauftrag beginnen, wenn ich neben ihnen stehe und sie motiviere. Ich muss von Moment zu Moment entscheiden, wer meine Aufmerksamkeit bekommt. Und dabei in Kauf nehmen, dass einige gar nicht mit ihren Aufgaben anfangen. Aber ich setze mich nicht unter Druck, wenn es offenbar politisch gewollt ist, uns unterbesetzt zu halten. Ich weiß aber, dass wir so nicht alles, was wir laut Curriculum machen müssten, abbilden können.“

Förderkinder sind nicht die einzige Herausforderung

Drei Stuhlreihen weiter beleidigt Victory einen Mitschüler. Für Nils Nordmann ein Tabu. Er bleibt gelassen: „Ich vermute, dass du das nur als Scherz gemeint hast. Wir klären das nach der Stunde“, sagt er. Die Schülerin reagiert beleidigt, liegt den Rest des Unterrichts mit dem Gesicht auf dem Tisch. Für IGS-Lehrer Nils Nordmann ist das alles normaler Alltag. Und fügt zum Abschluss hinzu: „Die vier Förderkinder in meiner Klasse sind heute gar nicht aufgefallen. Manchmal sind sie sogar die leisen. Wir haben es im Klassenraum mit vielen Herausforderungen zu tun.“

Hamburger Sozialindex schafft Chancen

Nach dem Brandbrief der hannoverschen Gesamtschulleiter hat sich IGS-Schulformsprecher Michael Bax erneut für einen Sozialindex nach dem Beispiel Hamburgs ausgesprochen. Die Hamburger Schulbehörde beantwortet dazu die wichtigsten Fragen:

Was ist der Sozialindex für Hamburger Schulen?
Seit 1996 ist er sozusagen das Maß für die soziale Belastung aller staatlichen Grundschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien. Er beschreibt die soziale und kulturelle Zusammensetzung der Schülerschaft und die daraus resultierenden unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Wenn die meisten Schüler aus bildungsfernen Schichten kommen, hat die Schule einen Sozialindex von eins. Wenn sie hauptsächlich aus bildungsnahen Schichten kommen, einen Sozialindex von sechs.

Warum gibt es den Sozialindex?
Hamburg ist eine Stadt mit großen sozialen Unterschieden: In manchen Wohngebieten leben vor allem Menschen mit hohen Einkommen und Bildungsabschlüssen. In anderen Regionen treten vermehrt soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Kinderarmut auf. Das spiegelt sich auch in den Schulen wider. Damit haben die Hamburger Schüler ungleiche Chancen auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Kinder aus sozial schwachen Familien sind dabei doppelt benachteiligt: Erstens bekommen sie zu Hause weniger Unterstützung. Zweitens besuchen sie oft Schulen, an denen viele Schüler aus schwierigen Verhältnissen miteinander lernen. Der Sozialindex wirkt den Ungleichheiten entgegen.

Welche Folgen haben ein hoher oder niedriger Sozialindex?
Der Sozialindex teilt die Hamburger Schulen in sechs Belastungsgruppen ein. Diese Einteilung wird für verschiedene Zwecke genutzt, zum Beispiel bei der Festlegung von finanziellen Mitteln oder bei der Ermittlung des Personalbedarfs von Schulen. Die Mittel werden also nicht gleichmäßig mit der Gießkanne verteilt, denn das würde bestehende Ungleichheiten vergrößern. Außerdem gewährleistet der Sozialindex einen fairen Vergleich bei den sogenannten Lernstanderhebungen. Es werden nur Schulen verglichen, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen arbeiten.

Welche sechs Belastungsgruppen gibt es?
Personalbedarf für den Unterricht, allgemeine Sprachförderung. Je niedriger der Sozialindex ist, desto mehr Personalstunden gibt es für die Sprachförderung. Ganztagsangebote: Je niedriger der Sozialindex, desto mehr Mittel und Personal stehen für das Ganztagsangebot in Grund- und Stadtteilschulen bis Klasse vier zur Verfügung. An Grundschulen stehen für die Inklusion umso mehr Mittel und Personal zur Verfügung, je niedriger der Sozialindex ist. Auch die Ausstattung des Sekretariats bemisst sich am Sozialindex, ebenso bekommen Grundschulen mit einem niedrigen Sozialindex mehr Ausgleich für die Vorstellung der Vierjährigen.

Aus welchen Daten wird der Sozialindex berechnet?
Die Variablen, aus denen der Index errechnet wird, stammen aus vier Bereichen. Den ersten drei dieser Bereiche liegt das soziologische Modell von Pierre Bourdieu zugrunde: das „soziale Kapital“, also soziale Beziehungen und Netzwerk, das „ökonomische Kapital“, etwa das Einkommen, sowie das „kulturelle Kapital“, also die Bildungsabschlüsse der Eltern sowie mögliche Migrationsgeschichten. Daneben gibt es Variablen, die von Arbeitslosigkeit im Wohngebiet, der Anzahl der Bücher im Haushalt und der Häufigkeit von Museumsbesuchen bis zum Verhalten der Eltern bei guten Schulnoten des Kindes reichen.

Von Britta Lüers