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Meine Stadt Ein Ex-Querulant gesteht
Hannover Meine Stadt Ein Ex-Querulant gesteht
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00:25 27.04.2018
Einsicht: Anwalt Matthias Waldraff mit seinem Mandanten.
Einsicht: Anwalt Matthias Waldraff mit seinem Mandanten. Quelle: Foto: Franson
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lehrte

Karl-Heinz H. (68) war ein Querulant. In seinem Hass auf Behörden und Polizei ließ er am 1. September 2017 eine Bombendrohung gegen den City-Lauf in Lehrte los. Mit einem beeindruckenden Sinneswandel konnte der Rentner gerade noch eine Gefängnisstrafe abwenden.

Mit Halstuch vor dem Mund, Sonnenbrille und einer Prinz-Heinrich-Mütze betrat H. nahezu vermummt das Amtsgericht Lehrte. Die Scham sitzt tief. Sein Anwalt Matthias Waldraff verliest für den Angeklagten eine Erklärung: „Mein Mandant hat tatsächlich geglaubt, dass alle Polizeibeamten gegen ihn waren. Er erlebte seinen Alltag als Kampf ich gegen den Rest der Welt.“

Karl-Heinz H. nahm am Dienstag drei Berufungen gegen Verurteilungen vor dem Amtsgericht Lehrte zurück. Er war 2017 wegen Beleidigung, Nötigung und versuchten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verurteilt worden. Immer von Amtsgerichtsdirektor Robert Glaß. Jetzt trafen sie sich wieder. Dieses Mal ging es um Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung einer Sprengstoffexplosion. Die Gesamtstrafe: acht Monate Haft auf Bewährung, 1500 Euro Geldstrafe und zwei Monate Führerscheinentzug. „Ich bin in der Vergangenheit in ein Loch geraten. Ich habe viele Fehler gemacht“, bekannte der Rentner. Richter Glaß zeigte sich beeindruckt: „Einen solchen Wandel im positiven Sinne habe ich noch nie erlebt.“

Das Schicksal hatte H. einiges zugemutet. Anwalt Waldraff erzählt von einer „schmutzigen Scheidung“. 2015 habe der Angeklagte erfahren, dass sein Sohn aus erster Ehe ein Kuckuckskind ist. Die zweite Ehefrau sei seit Jahren schwer krank. Unter diesen Belastungen verrannte sich der Angeklagte. Er legte sich mit Nachbarn und Behörden an. So kam es 2016 zum ersten Eklat. Der Angeklagte kam mit seiner Frau aus der Klinik, sie konnten nicht nach Hause. Während des City-Laufs waren Straßen gesperrt. H. rastete aus, fuhr auf Beamte zu. Und drohte beim nächsten Mal mit einer Bombe. 1. September 2017 ging eine Bombendrohung im Rathaus, der Polizei und beim Lehrter Anzeiger ein. 45 Polizisten waren 320 Stunden mit der Sicherung des Laufs beschäftigt.

Sprengstoff wurde nicht gefunden, dafür war der Täter wegen seiner Drohung aus 2016 schnell überführt. Anwalt Waldraff hatte H. in stundenlangen Gesprächen zur Einsicht gebracht. „Sonst wäre er auf dem direkten Weg in den Knast gewesen.“

Von thomas nagel