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Meine Stadt Diese Menschen träumen vom Öko-Dorf in Hannover
Hannover Meine Stadt Diese Menschen träumen vom Öko-Dorf in Hannover
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09:25 12.02.2019
Das Interesse an dem Projekt in Hannover ist groß: Mehr als 300 Leute kamen im Januar zusammen, um sich über die Vision des „Ecovillage“ zu informieren. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Bisher sorgte der Verein „Transition Town“ für kleine, feine Dinge wie den Anbau von Gemüse in Kitas, Schulen und auf freien Plätzen wie am Ihme-Zentrum. Das neue Projekt aber heißt „Ecovillage“. Die Vision: Die größte Tiny-House-Siedlung Europas, als Ökodorf mitten in der Stadt. Dabei sind Menschen mit Realitätssinn und Verantwortungsbewusstsein. Wir stellen einige vor.

Die Macherin

ERFOLGSFRAU: Glück ist für Daria Kistner heute etwas anderes als gute Quartalsergebnisse. Quelle: Florian Petrow

Für Daria Kistner (37) ist das Ecovillage „eine Herzensangelegenheit“. Aufgewachsen in einem Dorf in Russland mit großer Familie, mit eigener Schlachtung, Plumpsklo und enger Anbindung an die Natur studierte sie erst einmal Molekularbiologie und machte dann in der Wirtschaft Karriere. „Vertriebsentwicklung für innovative Firmen mit coolen Produkten“, zwei bis drei Tage die Woche im Ausland, laufend im Jet herumgeflogen, nebenbei das erste Kind bekommen, das zweite war unterwegs – „und dann merkte ich, dass der Wind immer rauer wurde, dass ich für eine extreme Leistungsgesellschaft arbeitetete, wo man als Mensch komplett zu kurz kam“. Es habe eine Gleichgültigkeit gegenüber Mensch, Schicksal, Umwelt, Klima gegeben – „allem gegenüber, was nicht zum Quartalsergebnis zählte“.

Irgendwann wurde ihr bewusst, dass die Kondensstreifen am Himmel, die ihre Flugzeuge hinterließen, stellvertretend für das standen, was ihren Kindern (3 und 7) die Zukunft rauben würde. Daria Kistner suchte nach Alternativen, besann sich auf ihre Ursprünge, stieg aus aus dem Wirtschaftsunternehmen – und traf auf Transition Town. Ihr Traum wäre es, später im Ecovillage zu wohnen, aufbauen würde sie gern das Herzstück, das Suffizienzzentrum, kurz Sufi-Zen. „Das soll ein Zentrum auch für Manager werden, also Leute, mit denen ich gearbeitet habe – viele haben Bluthochdruck, Probleme mit den Herzen, sie sehen ihre Kinder nicht, sind immer auf Achse, es geht um Quartalsberichte und nicht um Dinge, die sie glücklich machen.“ Daria Kistner weiß, dass es Wege gibt, „die glücklich machen, ohne dass man den Planet kaputt trampeln muss“. Sie selbst macht gerade eine Ausbildung zum Yoga-und Ayurveda-Coach, vielleicht kann ich im Sufi-Zen später auch Kurse geben“.

Der Manager

Wer meint, ein Ökodorf-Projekt in der Stadt sei eine Art Wolkenkuckucksheim für grün angehauchte Träumer, der kommt spätestens bei Manfred Sievers ins Nachdenken. Der 59-Jährige arbeitet seit 33 Jahren bei VW, ist seit 1996 im Management, lebt mit seiner zweiten Frau Marion Gußmag-Sievers (63) in einem großen Haus in Langenhagen mit Garten und mehreren Terrassen. „Ja, wir können uns sehr gut vorstellen, Bestandteil von Ecovillage zu werden“, sagt Sievers.

WÜRDEN INS ÖKODORF ZIEHEN: Manfred Sievers und seine Frau Marion Gußmag-Sievers übernehmen Verantwortung –auch für die Umwelt. Quelle: Florian Petrow

Natürlich sollten in ihrem nicht zu kleinem Tiny-Haus auch die Hunde mit hinein passen, man brauche eine private Rückzugsmöglichkeit und vielleicht könnte man auch ein Wohnmobil daneben anschließen, „als Wohnraumerweiterung, wenn es keiner fährt“. Aber hier gehe es um Grundsätzliches, „ich möchte meinen Kindern und Enkeln eine bessere, gesündere Welt hinterlassen. Denn wir leben auf Kosten anderer“, sagt er mit Blick auf die endlichen Ressourcen. „Das ist kein gutes Gefühl. Ich habe Angst, dass wir mit unserem ’höher, schneller, weiter’ unsere Welt kaputt machen.“

Manfred Sievers hat nicht immer so gedacht. Früher wurden Kreuzfahrten gemacht, das Auto durfte auch schon mal eine Nummer größer und schneller sein, Steaks aus Übersee oder auch der Massentierhaltung kamen auf den Teller, „man hat eben einfach ohne Nachdenken konsumiert“. Vor neun Jahren lernte er dann Marion Gußmag kennen und lieben, seit Mai 2016 sind die beiden verheiratet. „Meiner Frau geht es nicht nur um den ökologischen Fußabdruck, den wir hinterlassen, sondern auch um ethische Grundsätze“, erzählt er von ihrem Engagement für Kinder und Tiere. Mit der Vegetarierin und Tierschützerin machte er auch noch ein Kreuzfahrt, „aber ich habe nur gemeckert“, sagt sie grinsend. Was ihr aufstieß, waren „das viele Essen, das dort auf die Teller gehäuft und wieder weggeschmissen wurde und dieser ganze überflüssige Luxus“. Luxus, den irgendjemand bezahlen muss – vor allem die Umwelt, das Klima und die von den Folgen der Erderwärmung besonders betroffenen Menschen in Entwicklungsländern. Genügsamer zu leben bedeutet für beide nun, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen. „Es fängt im Badezimmer an“, sagt Sievers, „statt dreimal in Plastikfolie verpackte Deos benutzen wir selbst abgefülltes Magnesium, das den gleichen Effekt hat.“ Beim Nahrungsmitteleinkauf achten sie auf bio, regional und saisonal, Produkte kurz vorm Ablaufen werden eben nicht mehr wie früher weggeschmissen, sondern vegetarisch lecker verarbeitet. „Das hat auch mit Respekt vor dem Lebensmittel und dem Tier zu tun“, findet er. Der Produktmanager meint nicht, „dass keine Produkte mehr erzeugt werden sollen, aber bitte so, dass unser blauer Planet das Atmen nicht verlernt“.

Überfluss, das bedeutet eben auch, dass 260 Quadratmeter Haus für zwei einfach zu viel sind. Die insgesamt vier Kinder sind längst aus dem Haus. „Und es wird zunehmend wichtiger, sich mit anderen auszutauschen“, meint er. „Sich selbst die Chance zu Begegnungen zu geben, mit unterschiedlichen Menschen zusammen zu kommen, das macht Spaß, hält jung und wach.“ Er nennt es einen „Austausch von Möglichkeiten“. Auch Marion Gußmag-Sievers hätte große Lust auf ein Projekt wie Ecovillage. „Ich habe mir schon immer gewünscht, in einer WG zu wohnen“, sagt sie. „Ich lebe gern mit anderen zusammen.“

Der Obdachlose

Andreas Stieger, 52, lebt mehr als ein Jahr auf der Straße. Zurzeit schlafe er in der Notunterkunft am Alten Flughafen, „da sollten einige der Kleingärtner nur mal eine Nacht übernachten“, meint er und berichtet von „80 Betten in einem Raum“. Der gelernte Koch arbeitet trotz Wohnungslosigkeit, als EU-Ausländer – er ist Wiener – erhält er erst staatliche Leistungen, wenn er fünf Jahre in die Sozialversicherungskassen eingezahlt hätte.

Stieger kocht also auf 450-Euro-Basis und arbeitet ehrenamtlich für die Obdachlosenhilfe e.V. Über den Verein ist er auch auf Transition Town gestoßen. Deren Idee eines Ökodorfes begrüßt er durchaus. „Man braucht eine nur kleine Rückzugsmöglichkeit, so ein Tiny-Häuschen wäre schon gut.“ Und schränkt ein: „Wenn einer Fuß fassen will, dann ist das eine gute Sache. Aber wenn einer am Alkohol oder an Drogen hängt, dann wird das nichts.“ Andreas Stieger ist nach eigenen Angaben höchsten süchtig vom Kaffee. „Er wird dann der Koch für alle“, meint Helferin Rebecca Flügel von dem Obdachlosenverein. Das kann aber dauern. Auf kürzere Frist sei das Ökodorf nicht realisierbar, sagt Stieger. Denn jetzt gebe es Wohnungsnot, auch Studierende und Kleinverdiener seien davon betroffen. Wenn diese noch nicht einmal Wohnungen fänden, „was ist dann mit Leuten wie uns?“ Es gäbe allerdings jetzt schon die Möglichkeit, Bauwagen und Tiny-Häuser auf freie Grundstücke zu stellen. „Da kann uns dann keiner verjagen, wenn es sauber ist. Kein Ordnungsamt, keine Polizei, niemand.“

Von Petra Rückerl

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