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Meine Stadt Die Geschichte der Gilde: Von Cord Broyhan bis zur Bier-Holding
Hannover Meine Stadt Die Geschichte der Gilde: Von Cord Broyhan bis zur Bier-Holding
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18:34 02.12.2019
WOLKEN ÜBER DER BRAUEREI: Mit dem Wechsel 2003 zum Biermulti Ab-Inbev endete eine bis dahin hannoversche Erfolgsgeschichte. Quelle: Heusel
Hannover

Die Geschichte der Gilde-Brauerei beginnt im späten Mittelalter: 1526 hatte Braumeister Cord Broyhan sein obergäriges Bier erfunden, das er ab 1537 im Broyhanhaus braute. Das Broyhanhaus ist heute ein Speiselokal in der hannoverschen Altstadt. 1546 schlossen sich die Brauer in Hannover dann zu einer Gilde zusammen, in diesem Jahr tauchte erstmals auch der „Broyhan-Taler“ auf, ein kupfernes Brau-und Steuerzeichen, das bis heute auf jeder Flasche Gilde zu finden ist. Die Gilde war ursprünglich ein Zusammenschluss von Grundbesitzern, auf deren Grundstücke die Braurechte lagen, die ihnen der Rat der Stadt Hannover zubilligte. Im 17. Jahrhundert waren etwa 320 brauberechtigte Grundstücke registriert. 1745 schließlich gründeten knapp über 100 Brauer eine Sozietät, die eine gleichbleibende Bierqualität zusicherte.

Gilde-Brauerei seit 1875 in der hannoverschen Südstadt

Ende des 18. Jahrhunderts errichtete diese Braugilde an der Köbelingerstraße ein Brauhaus, in dem das Broyhan-Bier bis 1919 gebraut wurde. 1868 verlor die Braugilde ihr Verkaufsmonopol in Hannover durch die Gründung der Herrenhäuser Brauerei, und sie wandelte sich von einer genossenschaftlich organisierten Vereinigung in ein Unternehmen. So übernahm die Braugilde Hannover 1870 das heutige Grundstück an der Hildesheimer Straße in der Südstadt, auf dem 1875 dann ein Werksgebäude im Stil der Neogotik entstand, das es bis heute gibt.

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Übernahme der Lindener Aktien-Brauerei war 1925

1917 bildete die Städtische Lagerbier-Brauerei (Vorläufer der Gilde Brauerei) gemeinsam mit den ebenfalls in Hannover ansässigen Brauereien Vereinsbrauerei Herrenhausen und Lindener Aktien Brauerei ein Konsortium, das gemeinsam noch die Germania Brauerei übernahm. 1925 erwarb die Gilde schließlich die Mehrheit am Grundkapital der Lindener Aktien-Brauerei und fusionierte 1968 mit ihr zur Lindener-Gilde-Bräu AG – der Grundstock der späteren Gilde-Brauerei.

„Bölkstoff“ aus den Werner-Comics kam aus Hannover

Ab Mitte der 1980er Jahre begann die erfolgreichste Zeit der Brauerei. 1985 weitete sie ihre Aktivitäten über die Region Hannover hinaus aus und übernahm die Aktienmehrheit an der Hofbrauhaus Wolters AG in Braunschweig, 1988 wurde der Name dann reduziert auf Gilde Brauerei AG. 1989 begann zudem die Produktion der Kultmarke „Bölkstoff“ – nach einem Streit des Erfinders der Comic-Figur „Werner“ der Flensburger Brauerei, deren Bügelverschluss-Pils durch die Comicfigur ihn Kultstatus bekommen hatte, wechselte die Produktion nach Hannover.

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Gilde-Gruppe schafft es bis in die Top-Ten in Deutschland

Die Expansion der Gilde schritt weiter voran, 1990 übernahm sie noch die Hasseröder Brauerei in Wernigerode im Harz (Sachsen-Anhalt) und baute sie zu einer der modernsten Brauereien Europas aus. In Hannover wurde 1992 außerdem die Mehrheit an der Brauhaus Wülfel AG übernommen und 1997 die Braustätte in Linden geschlossen, in der das Lindener Spezial gebraut wurde. 2000 gehörte die Gilde-Gruppe zu den „Top Ten“ der deutschen Brauereiwirtschaft – sie umfasste neben Brauereien auch die Malzfabrik Langkopf GmbH in Peine, die 1909 bereits von der Lindener Aktienbrauerei übernommen worden war.

OFFIZIELL: 2003 wird die Gilde an Interbrew verkauft: Vorstandsvorsitzender Hugo Powell (von links), Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg und Interbrew-Deutschland Geschäftsführer Dieter Ammer hatten die Verträge damals im Rathaus unterzeichnet. Quelle: Archiv

Biermulti schluckt Gilde 2003 – Stadt wehrt sich zunächst

So viel Erfolg weckte das Interesse der Biermultis, 2003 wurde Gilde Teil des belgischen Interbrew-Konzerns. Vorausgegangen war ein zäher Streit der Aktionäre. Die Brauergilde AG, die aus weit mehr als 100 Einzelaktionären bestand, hielt gut 85 Prozent an Gilde. In einer außerordentlichen Aktionärsversammlung kam es zu kontroversen Diskussionen, denn vor einem Verkauf musste die Satzung der Brauergilde geändert werden, die die Stimmrechte bei der Gilde für Einzelaktionäre auch bei höheren Anteilen auf fünf Prozent begrenzte. Für die Änderung votierten dann aber gut 63 Prozent. Die Stadt Hannover, die 10,1 Prozent an der Gilde hielt, ließ die Änderung gerichtlich anfechten – sie sah 75 Prozent Zustimmung für nötig. Der damalige OB Herbert Schmalstieg hatte dann aber angekündigt, den Widerspruch zurückzunehmen, weil Interbrew im Gegenzug zugesichert hatte, in den nächsten 15 Jahren Gewerbesteuer zu zahlen. Für die Aktionäre war der Verkauf ein lohnendes Geschäft: Für die Übernahme der Gilde-Mutter bot Interbrew damals insgesamt 491 Millionen Euro. Der Konzern bot den Aktionären je 5000-Euro-Aktie stolze 275.000 Euro. Der Gesamtwert der Transaktionen betrug etwa 575 Millionen Euro.

Ab-InBev trennt sich von hannoverschen Marken

Mit dem Wechsel zum Biermulti begann trotzdem der schleichende Niedergang der Traditionsbrauerei. Interbrew ging nach der Gilde-Übernahme mit dem brasilianischen AmBev-Konzern zusammen und wurde so zur weltgrößten Brauerei. Seit 2008 nennt sie sich AB-InBev (Anheuser-Busch InBev). Der Biermulti mit seinen 500 Marken in mehr als 150 Ländern schenkte den regionalen Marken danach nur wenig Aufmerksamkeit, hannoversche Traditionsmarken wie das Wilkenburger wurden 2004 eingestellt, das Hofbrauhaus Wolters folgte 2005 und der „Bölkstoff“ an die Brauerei in Flensburg veräußert. Auch die Malzfabrik Langkopf wurde 2005 verkauft.

DARAUF EIN GILDE: Anfang 2016 stoßen die TCB-Geschäftsführer Mike Gärtner und Karsten Uhlmann sowie Gilde-Vertriebschef Holger Bock mit dem damaligen OB Stefan Schostok auf den Neustart in der Brauerei an. Quelle: Wilde

Bierproduktion sinkt, TCB Beverages übernimmt 2016

Ergebnis: Seit 2009 drosselte die AB-Inbev-Gruppe die Produktion in Hannover, 2014 kam die Gilde Brauerei bei 70 Mitarbeitern auf eine Jahresproduktion von 150.000 Hektolitern. Im Oktober 2015 dann kündigte AB-InBev an, die Gilde-Brauerei verkaufen zu wollen – zum 1. Januar 2016 wechselte das Traditionsunternehmen an die TCB Beverages mit Sitz in Frankfurt/Oder. Die TCB ist eine Holding, die Leitung haben Karsten Uhlmann und Mike Gärtner, der auch die Gilde-Brauerei leitet. Im nationalen Vergleich belegte die Gruppe 2018 Platz zwei im deutschen Biermarkt mit 8,5 Millionen Hektolitern – größer ist nur die Radeberger Gruppe.

In der Südstadt werden aktuell 850.000 Hektoliter gebraut

In Hannover wurde mit der TCB-Übernahme aus der Gilde AG eine GmbH. Der Gesamtausstoß am Standort in der Südstadt betrug 2018 rund 850.000 Hektoliter, wobei rund 200.000 Hektoliter auf die Gilde-Marken entfallen. Der Rest sind Brauaufträge für Supermärkte wie Edeka, Aldi und Lidl sowie Lizenzproduktionen von Efes-Bier und San Miguel. Bei der Gilde sind deutlich über 100 Mitarbeiter beschäftigt.

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Von Andreas Voigt

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