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Meine Stadt Die Suche nach den „kleinen Nazis“ in Hannover
Hannover Meine Stadt Die Suche nach den „kleinen Nazis“ in Hannover
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12:38 04.01.2019
NS-Treffpunkt: In diesem Haus an der Jakobistraße in der List hatte eine NSDAP-Ortsgruppe mit ihren Unterorganisationen ihren Sitz. Quelle: Behrens
Hannover

Ermordungen, Hinrichtungen und Deportationen. Denunziationen, Arisierungen und systematische Ausgrenzung derer, die nicht zum sogenannten Volkskörper gehörten: Das alles hat es in der Zeit des Nationalsozialismus auch in Hannover gegeben. Vieles davon war Alltag. Das NS-System hatte die Stadt tief durchdrungen. Ohne Unterstützung bis auf die untersten Ebenen hätte das kaum funktioniert. Bekannt ist über die „kleinen Nazis“ aber wenig. Der Historiker Werner Heine will das ändern – jedenfalls ein bisschen.

Er will am Beispiel der List Einblicke in die Strukturen in der NS-Zeit gewinnen, mehr über die Täter an der Basis erfahren. Ein schwieriges Unterfangen. „Viele Akten sind bei Kriegsende in Rauch aufgegangen“, berichtet Heine, der lange im Stadtarchiv gearbeitet hat. Die Einwohnermeldekarten, die dort lagern, sind aus Datenschutzgründen gesperrt. Das gilt auch für viele Unterlagen, die im Hauptstaatsarchiv oder im Bundesarchiv aufbewahrt sind, etwa zu Entnazifizierungsverfahren oder auch Infos zur Mitgliedschaft in der NSDAP.

„Es gibt fast keine schriftlichen Quellen. Zu den Verfahren der Alliierten bekommt man zum Beispiel erst 30 Jahre nach dem Tod einer Person Zugang“, sagt Heine, der deshalb bisher vor allem auf Zufallsfunde angewiesen war. So wie zwei Schreiben des Ortsgruppenleiters Fuchs von Ende September 1939 an die Witwe Lücke, die in der Drostestraße 5a lebte (heute Drostestraße 34). Zwei Seiten Papier, die tief blicken lassen in den Alltag und das Denken in der NS-Zeit.

Zeitzeugnis: Mit diesem Schreiben forderte Ortsgruppenleiter Fuchs die Witwe Lücke auf, einen Juden aus ihrem Haus zu werfen. Solche Quellen sind rar. Quelle: Werner Heine

Die Witwe erlaubte offenbar weiterhin einem Juden, in ihrem Haus zu wohnen. Der Ortsgruppenleiter forderte Frau Lücke deshalb auf, „diesem Juden“ baldmöglichst die Wohnung zu kündigen. Denn es sei zu befürchten, „daß, falls Sie diesem Wunsch nicht nachkommen, sich Ihre Mieter dagegen auflehnen werden und der Hausfrieden gestört wird“.

Die Witwe muss dem widersprochen haben. Denn wenige Tage darauf schrieb Ortsgruppenleiter Fuchs, dass sie sich nicht auf den gesetzlichen Mieterschutz berufen könne. Bei Juden gelte der nicht. „Sie befinden sich in einem Irrtum, wenn Sie glauben, daß dadurch, daß der Jude in Ihrem Haus wohnt, keine Unruhe entstanden ist“, so Fuchs weiter. Tatsache sei, „daß bereits Bewohner Ihres Hauses sich bei mir darüber beklagt haben, noch mit Juden zusammen wohnen zu müssen“.

Noch zu sehen: Halterungen, in die früher wohl die Hakenkreuzfahnen gesteckt wurden. In dem Haus an der Jakobistraße hatte eine NSDAP-Ortsgruppe ihren Sitz. Quelle: Behrens

Fuchs war Leiter der Ortsgruppe Wilhelm-Gustloff-Platz (heute Bonifaziusplatz). Deren Geschäftsstelle hatte ihren Sitz allerdings in der Jakobistraße 63. Das Haus gibt es noch, mittlerweile trägt es die Hausnummer 9. „Dort hingen vermutlich die Hakenkreuzfahnen“, erzählt Historiker Heine und zeigt auf die beiden Halterungen, die noch über dem Eingang des Backsteinbaus zu sehen sind.

„Mächtige Männer“ seien die Ortsgruppenleiter gewesen. Eine Waffe hätten diese getragen, seien „bei jeder Deportation“ dabei gewesen. „Das waren alles Beteiligte“, sagt Heine, der mit seinen historischen Recherchen zeigen will, „dass das alles ganz konkret hier in der Nachbarschaft der Leute anfing“.

60 Ortsgruppen gab es in Hannover. Drei davon allein in der List. Nicht nur am Bonifaziusplatz, sondern auch am Moltkeplatz und am de-Haën-Platz. Zudem gab es im Stadtteil eine Reihe von berüchtigten NS-Lokalen. „Das Plümecke an der Voßstraße war später zwar eine alternative, linke Kneipe. Sie war aber auch schon vor 1933 ein Lokal der NSDAP“, berichtet Historiker Heine. „Nazi-Paul“ habe man damals den Wirt genannt. Auch die „Spichernhöhe“ an der Spichernstraße sei eine NSDAP-Kneipe gewesen. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Reinigung.

Hannover spätestens 1938 straff durchorganisiert

„Straff durchorganisiert“ im Sinne der NSDAP sei Hannover spätestens 1938 gewesen. Heine sucht deshalb auch Informationen zu den Verantwortlichen unterhalb der Ortsgruppen-Ebene. Zu den Zellen, zu denen in Städten mehrere Blocks gehörten. Über Blockwarte, die wiederum für vier bis sechs Hausgruppen zuständig waren, für die es wiederum Verantwortliche gab.

NS-Verstrickungen, über die in vielen Familien nach dem Krieg geschwiegen wurde. Heine hofft jedoch, „dass sich gerade die nachgeborenen Generationen offener zeigen mit dem Nachlass ihrer Familie“. Selbst „banalste Dinge“ aus der Zeit könnten wichtige Informationen liefern. Zudem gebe es auch fast keine Fotos, die das damalige Geschehen vor allem in der List dokumentieren.

Wer Dokumente, Fotos oder andere historische Belege und Fundstücke aus der Nazizeit für das Projekt von Werner Heine auf dem Dachboden oder im Keller lagert, kann sich gern per E-Mail an die NP wenden. Wir stellen den Kontakt her: hannover@neuepresse.de.

Von Christian Bohnenkamp

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