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Meine Stadt Können Juden angstfrei Kippa in Hannover tragen?
Hannover Meine Stadt Können Juden angstfrei Kippa in Hannover tragen?
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10:34 27.05.2019
Kippa: Können Juden die Kopfbedeckung angstfrei in Hannover tragen?
Kippa: Können Juden die Kopfbedeckung angstfrei in Hannover tragen? Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Juden könne er nicht empfehlen, jederzeit in Deutschland die Kippa zu tragen – warnte am Wochenende der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Zuletzt stieg die Zahl der antisemitischen Straftaten bundesweit stark, der jüngste Jahresbericht zur politisch motivierten Kriminalität in 2018 wies 1799 Fälle aus, 19,6 Prozent mehr als 2017. Auch in Hannover ist es nach dem Anschlag auf das Wohnhaus eines jüdischen Ehepaars in Hemmingen nun erneut zu Vorfällen gekommen. Können Juden angstfrei in Hannover leben und ihre Kippa tragen?

Angstfrei – aber nicht überall

„Ja, man kann sich hier angstfrei bewegen“, glaubt Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Niedersachsen. Allerdings schränkt er dieses „Ja“ auch ein: „Es gibt auch in Hannover bekannte Brennpunkte, da würde ich mich nicht nachts mit einer Kippa auf dem Kopf hinsetzen. Genau so wenig, wie ich einer Frau empfehlen würde, sich nachts dort alleine hinzusetzen“, so Fürst. Von jeglicher Panik rate er jedoch dringend ab. „Bei der Aussage des Antisemitismusbeauftragten handelt es sich um eine überzogene Pauschalisierung, die eben nicht konkretisiert, welche Räume gemieden werden sollen.“

Israelischer Präsident geschockt

In Deutschland und auch in Israel hatten die Aussagen von Klein ein großes Echo ausgelöst. Vertreter der jüdischen Gemeinde in Deutschland forderten, der Staat müsse ihren Mitgliedern ein Leben ohne Angst gewährleisten. Sogar der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin reagierte am Sonntag „zutiefst geschockt“ auf die Aussagen des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung.

Warnung mache wenig Sinn

Die hannoversche Aktivistin gegen Antisemitismus, Rebecca Seidler, habe die Aussage mit „großer Ambivalenz“ aufgenommen, sagt sie der NP: „Zwar spricht Herr Klein ein tatsächliches Problem an – es gibt in Deutschland Orte, wo es ein Risiko ist, sich mit Kippa zu zeigen. Andererseits wollen wir Juden uns ja nicht verstecken.“ Deswegen machen solche Empfehlungen wenig Sinn – und schützen auch nicht vor Übergriffen, wie der Anschlag in Hemmingen gezeigt habe. „Es hilft viel mehr, die Wurzel des Antisemitismus zu bekämpfen, vor allem durch Aufklärung schon bei jungen Menschen und Annäherung bei ganz Kleinen.“ In der Schule müsse die Shoah thematisiert werden, aber auch das heutige, vielfältige jüdische Leben. „Wir Juden beschäftigen uns schließlich nicht nur mit Antisemitismus.“

Sie selbst fühle sich grundsätzlich in Hannover sicher. „Auch wenn es hier sicherlich Orte gibt, wo sich ein Jude mit Kippa unwohl fühlt.“

Hemmingen keinesfalls rassistisch

Der jüngste Anschlag und das nun in einen Briefkasten eingeritzte Hakenkreuz in Hemmingen erfüllen sowohl Fürst als auch Seidler mit Sorge. Die Kommune gehört für den Präsident des Landesverbandes aber auf keinen Fall zu jenen Orten, die gemieden werden sollten. Im Gegenteil. „Möglicherweise gibt es hier eine rassistische Gruppe oder auch einen Einzeltäter, aber Hemmingen ist deswegen keinesfalls rassistisch.“ Zu dem jüngsten Hakenkreuz-Vorfall in Hemmingen sagt Rebecca Seidler: „Der generell vorhandene Antisemitismus wird durch solche Vorfälle sichtbarer für viele, die sonst nicht davon betroffen sind. Wir haben ihn aber schon vorher wahrgenommen.“

Von Simon Polreich