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Meine Stadt „Das Risiko sind junge Männer zwischen 14 und 30“
Hannover Meine Stadt „Das Risiko sind junge Männer zwischen 14 und 30“
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10:49 26.03.2018
Christian Pfeiffer
Christian Pfeiffer
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Hannover

Minderjährige Messerstecher verletzten eine junge Frau: Was geht in denen vor?Der Fall erinnert mich an einen, den ich vor 30 Jahren als junger Kriminologe erlebt habe. Damals waren Türken und Italiener, die nicht in Deutschland geboren worden waren, die größten Messerstecher. Beide Gruppen waren in Regionen groß geworden, wo die Polizei schwach war – und wo es zur Grundausstattung jedes jungen Kerls gehörte, ein Messer zu haben, um für Streitereien gewappnet zu sein.Lässt sich das auf die heutigen Flüchtlinge übertragen?Das gilt auch für junge Männer aus Syrien und anderen Kampfgebieten. Nach Deutschland haben sie ihr Grundgefühl der Unsicherheit mitgenommen. Und weil es zu ihrem Männlichkeitsbild gehört, bewaffnet zu sein, tragen sie weiter oft Messer bei sich. Im Konfliktfall wird die Waffe dann eingesetzt. Dieser hohe Selbstbewaffnungsgrad ist immer bedingt durch ein Aufwachsen in Regionen männlicher Dominanz und in Regionen von Krieg oder Polizeischwäche.Kann man ihnen das irgendwann abgewöhnen?Natürlich. Wenn wir heute den Bewaffnungsgrad von Türken und Italienern anschauen, dann ist das völlig harmlos. Dafür war kulturelles Lernen nötig. Als wir 1998 erstmals in Hannover 2000 Jugendliche befragen konnten, da waren die Türken mit Abstand die größten Ma­chos. Sie vertraten zu 41 Prozent die These, dass man sich als richtiger Mann bewaffnen und sich bei Beleidigungen gar nichts gefallen lassen dürfte, sondern sofort zuschlagen müsste. 2013 waren es noch zehn Prozent. Durch Bildung, Integration, durch Fußfassen, hat sich das geändert. Vor allem Bildung ist der zentrale Punkt, um aus der Macho-Attitüde aussteigen zu können.Aber jetzt haben wir Probleme mit anderen Gruppen.Das braucht auch Zeit, das geht nicht im Schnellverfahren. Während wir bei den Deutschen und jenen mit Migrationshintergrund, die einen deutschen Pass haben, einen deutlichen Rückgang der Tötungsdelikte haben, gibt es einen deutlichen Anstieg bei Jugendlichen und Heranwachsenden aus Kriegsgebieten. Jedenfalls im Jahre 2016. Die Zahlen von 2017 deuten auf einen Rückgang hin, weil viele Flüchtlinge in Integrationskursen sind, nicht mehr in überfüllten Turnhallen und Notunterkünften untergebracht sind. Das Risiko sind nach wie vor die jungen Männer zwischen 14 und 30, die ohne Familie hier sind.Es fehlen die Frauen?Ja, ganz klar. Die zivilisatorische Kraft der Frauen fehlt den Jungen, wenn sie untereinander in reinen Macho-Gruppen unterwegs sind.Und die machen friedlichen Bürgern Angst.Diese Angst ist verständlich, die kann man leider auch nicht nehmen. Ich bekomme immer furchtbar viele Hassmails, wenn ich etwas zu den Hintergründen sage. Aber ich versuche nur zu erklären, wie es dazu kommt. Solche Taten sind immer nur erklärbar, aber nicht entschuldbar. Wenn ein „lebenslang“ wie in Freiburg dabei herauskommt, ist es absolut richtig.Von Petra Rückerl