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Meine Stadt "Das Rauchen im Auto verbieten"
Hannover Meine Stadt "Das Rauchen im Auto verbieten"
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07:33 09.04.2018
Rauchen tötet. Quelle: dpa
Hannover

Tobias Welte, Direktor der Lungenklinik der MHH, fordert ein Rauchverbot im Auto bei der Anwesenheit von Kindern.
Professor Welte, was passiert mit einem Menschen, wenn er Nikotin einsaugt?

Chronischer Nikotinkonsum inklusive der anderen Schadstoffe wie Teer führt zu einer ganzen Reihe von Erkrankungen. Dazu zählen Tumor-Erkrankungen, in erster Linie der Lungenkrebs. Dann die sogenannte chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), also die Schädigung des Lungengewebes. Hier kommt es zum Sauerstoffmangel, man kann ersticken. Außerdem droht die Arterienverkalkung mit dem Risiko eines Schlaganfalls oder eines Herzinfarktes.

Haben Kinder von suchtkranken Rauchern ein höheres Risiko, selbst süchtig zu werden?

Primär haben sie das Risiko, durch das Passivrauchen zu erkranken. Kinder rauchender Eltern haben ein sechsfach höheres Risiko, an Asthma bronchiale zu erkranken. Und es beeinflusst das Wachstum der Kinderlungen. Je kleiner die Lungen sind, desto höher ist das Risiko, dass sie eine chronische Lungenerkrankung bekommen.

In Sachsen-Anhalt greift jede sechste schwangere Frau zur Zigarette. Was macht das mit dem ungeborenen Kind?

Das ist ein eindeutiger Risikofaktor. Es gibt mehr Komplikationen in der Schwangerschaft und für das Kind nach der Geburt. Die Rate der Fehlgeburten ist höher unter Raucherinnen. Die Rate an Komplikationen wie Plazentaablösung ebenfalls. Für das Kind sind die Gefahren des frühkindlichen Atemnotsyndroms und der Fehlentwicklungen in der Lungenentwicklung deutlich höher. Sie haben ein höheres Risiko, Frühgeborene zu werden. Es gibt eine Reihe von Störfaktoren für ungeborene Kinder, neben Nikotin ist Alkohol natürlich besonders schädlich. Oft überlappt sich beides.

Warum können die Menschen nicht aufhören?

Rauchen ist eine Sucht, es gibt eine physische und psychische Abhängigkeit. Manche schaffen es, im Alleingang davon loszukommen. Aber es gibt eine Vielzahl von Menschen, die eine strukturierte Entwöhnungstherapie brauchen.

Gibt es genug Hilfe für sie?

Nein, überhaupt nicht. Die Krankenkassen haben die strukturierten Entwöhnungsprogramme bisher nur in sehr geringem Maße finanziert. In Deutschland ist das wesentlich schlechter als in vielen anderen europäischen Ländern.

In Deutschland ist Rauchen am Steuer erlaubt – auch in Anwesenheit von Kindern. In Ländern wie Australien, Kanada und neuerdings Österreich ist das verboten.

Es sollte auch bei uns verboten werden, denn mit dem Rauchen am Steuer werden Kinder bewusst ge­schädigt. Aber es gibt bei uns immer noch einen extremen Einfluss der Tabakindustrie auf die Politik. Der Schutz der Kinder sollte uns ein oberstes Gebot sein. Kinder dürfen ja auch nicht bewusst zum Alkoholtrinken animiert werden. Österreich hat zwar gerade das Verbot eingeführt, allerdings war das ein Beruhigerli, weil gleichzeitig das Rauchen in Gaststätten wieder erlaubt wurde. Das ist eine Katastrophe.

Ist die E-Zigarette eine Lösung?

Eine der wesentlichen Strategien der Tabakindustrie besteht jetzt darin, auf elektronische Zigaretten zu setzen. 95 Prozent der E-Zigaretten werden von der klassischen Tabakindustrie produziert. Das ist problematisch, weil wir nichts über mögliche Langzeitschäden wissen. Es gibt keine Daten. Aber es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass E-Zigaretten sogar eine Einstiegsdroge für Jugendliche sein können, die später dann doch auf die klassische Zigarette umsteigen. Wer ein Jahr lang E-Zigaretten konsumierte, ist dafür doppelt so stark gefährdet wie ein Nichtraucher. Das Rauchen der E-Zigarette wird als hip beworben. Man konsumiert mit Geräten, die schick aussehen, beispielsweise ähnlich wie Smartphones. Und es wird der Eindruck erweckt, es wäre weniger gefährlich. So fixt man Jugendliche für das Rauchen an.

UNTER DEN ÄRMEREN BEFINDEN SICH MEHR RAUCHER

Eigentlich ist es jedem klar. Rauchen tötet. Wer sich vermeintlich freiwillig giftigen Rauch in die Lungen zieht, muss einen besonderen Grund dafür haben. Die Sucht ist stärker als die Vernunft und betrifft vor allem den Teil der Gesellschaft, der ohnehin zu den Verlierern gehört: ärmere und ungebildetere Menschen. Die neue Debra-Studie aus Düsseldorf kann dies auch belegen.

Danach haben 41,6 Prozent der Raucher keinen Schulabschluss, während der Anteil der Raucher mit Abitur bei 20 Prozent liegt. 36,5 Prozent groß ist der Anteil der Raucher, die über ein Haushaltseinkommen von nur unter 1000 Euro verfügen. Bei jenen, die mehr als 5000 Euro verdienen, rauchen 23,2 Prozent. „Tabakrauchen ist damit verantwortlich für die Entstehung und Vergrößerung sozioökonomischer Ungleichheiten in Bezug auf Lebensqualität, Morbidität und Mortalität“, schreiben die Autoren der Studie. Zahlen, die übrigens auch für den Konsum der E-Zigaretten gelten. Zur E-Zigarette greifen Menschen ohne Schulabschluss zu sechs Prozent, mit Abitur nur zu 1,5 Prozent. Am meisten wird in Brandenburg ge­qualmt (42,6 Prozent), in Niedersachsen rauchen 30,6 Prozent der über 14-Jährigen, Saarland ist mit 25,2 Prozent Schlusslicht.

Die Studie im Internet: https://www.aerzteblatt.de/archiv/197190/Nutzung-von-Tabak-und-E-Zigaretten-sowie-Methoden-zur-Tabakentwoehnung-in-Deutschland

Von Petra Rückerl