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Meine Stadt Chuck Ragan in Hannover: Eine Predigt in Punk
Hannover Meine Stadt Chuck Ragan in Hannover: Eine Predigt in Punk
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12:31 15.12.2018
Chuck Ragan in der ausverkauften Markuskirche in Hannover.
Chuck Ragan in der ausverkauften Markuskirche in Hannover. Quelle: Falkenberg
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Hannover

Weihnachten ist das Gotteshaus voll: Der amerikanische Folk-Sänger Chuck Ragan macht die ausverkaufte Markuskirche in der List zum Konzertsaal, ein schöne Bescherung für die 700 Besucher.

Freitagabend, 21 Uhr, die Predigt kann beginnen. „Wir nutzen die Musik, um zum Licht ans Ende des Tunnels zu gelangen“, erzählt der 44-Jährige zwischen den Liedern, die bei aller Besinnlichkeit meist eine Idee zu rau sind für das Lagerfeuer in der Konfirmandenfreizeit. Der Punk in Ragans Stimme ist nicht zu überhören, mit seiner Kombo „Hot Water Music“ kann er auch deutlich wilder als solo. Die Texte: Viele Naturmotive, meist Parabeln auf die Stromschnellen einer komplizierten Gegenwart. „Oh I pray to reach the tail water, oh unscathed by the force of nature“ („Long Water“), das Publikum wärmt dazu überwiegend das Holzfällerhemd aus Flanell. 

Abseits der Bühne erdet ihn Fliegen-Fischen im dünn besiedelten Norden von Kalifornien und das Austüfteln einer eigenen Bartpflege-Serie - dächte man sich einen amerikanischen Hipster-Traum aus, man landete wohl recht schnell bei Chuck Ragan. Das Ambiente der Markuskirche passt dazu perfekt und verleiht dem Auftritt eine Atmosphäre, die etwa im Capitol eine völlig andere wäre. Die Fans tanzen fast gar nicht, sitzen meist und staunen über die tolle Akustik, wie geschaffen für die Stimmgewalt in Stücken wie „Symmetry“. Tatsächlich führt Ragan auch nicht der Glaube in die Kirchen Deutschlands, wie der nahbare Star nach dem Konzert im Gespräch verrät, sondern die enge Bande mit der Gemeinschaft, das Gefühl, „in der Mitte zu stehen“. 

Wenig lenkt von seiner Musik ab, weder die farbigen Lichtsäulen an den Wänden noch sein Mitstreiter Todd Beene an der Steel Pedal Guitar. Nach 90 Minuten macht die Zugabe ein wenig mehr Tempo, zu „Meet you in the Middle“ und „Gathering Wood“ sitzt keiner mehr, ein Hauch von Gospel nun in der Markuskirche. Selig ist jetzt das Publikum und noch einer: Der Kioskverkäufer davor macht das Geschäft seines Lebens, denn Getränke gibt es an diesem in vielerlei Hinsicht besonderen Abend keine.

Von Fabian Mast