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Meine Stadt Fall Chico: Leben oder sterben?
Hannover Meine Stadt Fall Chico: Leben oder sterben?
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08:22 10.04.2018
 ERKLÄRUNGSVERSUCH ZUM FALL CHICO: Christiane Mehl, Leiterin Veterinärbehörde, und Axel von der Ohe, Ordnungsdezernent der Landeshauptstadt Hannover.
Hannover

 Welche Versäumnisse führten dazu, dass Staffordshire-Terrier „Chico“ vergangenen Woche sein Herrchen und dessen Mutter in deren Wohnung tot biss? Das wollte die Stadt Hannover am Montagnachmittag erklären – und blieb dabei im Ungefähren: Im Jahr 2011 hätte es von drei offiziellen Seiten Hinweise gegeben, die den Hundehalter als ungeeignet und das Tier als aggressiv eingestuft hatten, was vom Amtsgericht der Behörde mitgeteilt worden war. Daher hätte das Veterinäramt der Stadt die Haltung unterbinden müssen – was aber unterblieb. Warum, sei unklar, auch sei fraglich, ob das nach sieben Jahren noch zu klären sei, erklärte Axel von der Ohe, Ordnungsdezernent der Stadt. das war laut von der Ohe „ein gravierendes Versäumnis. Wir werden alles tun, soweit es noch möglich ist, zu verstehen, was damals falsch gelaufen ist.“

Im Tierheim Hannover haben sich Organisationen und Tierfreunde gemeldet, die Chico aufnehmen, ihn so vor dem Tod retten wollen. Denn die Stadt will das Tier einschläfern lassen und nur davon absehen, wenn sich eine Möglichkeit findet, den aggressiven Hund so unterzubringen, dass er für Menschen keine Gefahr darstellt. Das habe Priorität, sagte von der Ohe. Nach Angaben des Tierheims in Krähenwinkel, wo der Hund untergebracht ist, reichten die Angebote für Chico „von absurd bis brauchbar“. Unter die erste Kategorie wird der Wunsch „einer Familie mit drei kleinen Kindern“ gezählt, die laut Tierschutz-Berater Arvid Posselek ernsthaft im Tierheim anfragte, ob sie den Staffordshire-Terrier aufnehmen dürfe.

Strafrechtlich relevante Fehler? – Staatsanwaltschaft prüft

Angesichts der Berichterstattung über den Fall Chico und den darin aufgeführten möglichen Versäumnissen etwa von der Stadt Hannover will die Staatsanwaltschaft Hannover nicht untätig bleiben: „Wir werden gucken, ob an den Behauptungen in den Medien etwas dran ist und ob die Fehler der Stadt letztlich zu dieser Katastrophe geführt haben“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge der NP.

„Wir werden uns genau ansehen, ob da jemand solche Fehler gemacht hat, und wann und ob die Folge voraussehbar war - denn das ist ja die Voraussetzung für den Tatbestand fahrlässige Tötung.“ Denn, erklärt Klinge, „nicht jedes Versäumnis, nicht jeder Fehler ist auch strafrechtlich relevant – wir schauen genau hin, ob Fehler von strafrechtlicher Relevanz gemacht wurden. Bis jetzt gibt es ja nicht einmal den Vorwurf, und wir müssen auch noch die Akten dazu erhalten und einsehen … das kann noch etwas dauern.“

Unterbringen – aber wo?

Der Tierschutzverein Hannover hatte ja angeregt, den Staffordshire-Terrier statt zu töten, wie es das Veterinäramt plant, an einem Ort unterzubringen, wo er niemanden gefährlich werden kann. Das ist wohl eine Art frommer Wunsch und nicht einfach.

„Die Alternative muss man erstmal finden“, sagt Possekel. „Da gibt es erhebliche Anforderungen. Das muss etwa ohne eine Gefahr für Menschen sein und artgerecht.“ Artgerecht heiße auch: „Mit sozialen Kontakten für den Hund, und zwar nicht nur durchs Gitter.“

Die Helldog Foundation (Bispingen, Niedersachsen) etwa, wo schwierige Hunde therapiert werden, um wieder alltagstauglich zu sein, käme aus Sicht des Tierheims Hannover nicht in Frage: „Alltagstauglich – das passt hier nicht, geht nicht und kann auch nicht das Ziel sein.“

Den Hund angemessen und ordnungsgemäß unterzubringen dürfte „mindestens 5000 Euro pro Jahr kosten“ – plus die Kosten, falls Chico noch trainiert werden sollte. Das zu finanzieren dürfte „angesichts von mehr als 250 000 Chico-Unterstützern im Internet“ für eine Petition an die Stadt Hannover „kein Problem sein. Zumindest für die ersten zwei Jahre. Danach wohl schon, weil dann wird er wohl vergessen werden …“, sagt Posselek.

Falls die Idee nicht umgesetzt werden kann, muss nach Angaben der Stadtverwaltung erst noch geklärt werden, wer der Erben jetzt Eigentümer des Tieres ist und ob er/sie einer vom Veterinäramt angeordneten Tötung womöglich widerspricht – dann könnte die Sache noch vor Gericht landen.

Veterinäramt unter Beschuss

Dem Hinweis des Amtsgerichtes aus dem Jahr 2011 an die Stadt waren laut von der Ohe „eine Stellungnahme der Familienbetreuerin, die Stellungnahme einer Hundetrainerin sowie ein psychiatrisches Gutachten über den Hundehalter“ beigefügt. Darauf sei der Halter des Hundes im März 2013 durch die Veterinärbehörde zur Vorstellung des Hundes aufgefordert worden, er sei ist dieser Aufforderung allerdings nicht nachgekommen. So sei der Sachverhalt ohne Einbezug des Halters weiter geprüft worden – ohne weitere Folge, obwohl man dem Halter das Tier „mit Sicherheit“ hätte entziehen müssen.

Laut dem Veterinäramt der Stadt Hannover ist „der Pflegezustand des Hundes nicht zu bemängeln“, unklar sei aber noch, ob das Tier krank ist, womöglich einen Tumor hat (kann Aggressionen auslösen). Angemeldet seien in der Stadt derzeit 15 800 Hunde, das Amt habe etwa 100 Prüffälle im Zusammenhang mit Hunden pro Jahr. Um Angelegenheiten in diesem Kontext kümmerten sich vier Mitarbeiter.

Ordnungsdezernent von der Ohe äußerte während der Pressekonferenz im Rathaus zum Fall „Chico“ Verständnis für die Tierfreunde, die Chico retten wollen: „Ich habe Respekt vor allen, die sich Sorgen um das Tierwohl machen. Wenig Verständnis habe ich aber dafür, dass an den Rändern dieser Diskussion Beleidigungen und Bedrohungen gegen unsere Mitarbeiter gibt, die versuchen, ihren Job zu machen.“

Von Ralph Hübner