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Meine Stadt Bosse in Hannover: Deutschpop mit Botschaft
Hannover Meine Stadt Bosse in Hannover: Deutschpop mit Botschaft
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23:00 26.03.2019
VOLLER KÖRPEREINSATZ: Bosse bewegt die Swiss-Life-Hall. Quelle: Foto: Franson
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Hannover

Das Konzert hat gerade angefangen, da tanzt schon jemand ausgelassen: der Sänger. Axel „Aki“ Bosse ist mit seiner Band (auch „Bosse“) in der Swiss-Life-Hall, und zum Opener „Wanderer“ macht er schon mal ordentlich Meter, jeder Winkel der Halle soll begrüßt werden.

„Hallo Balkonien“, sagt er zu den Rängen, „wir wollen, dass ihr klitschnass aus der Nummer hier rausgeht“. Ausgelassen zu tanzen, das ist ein Signal, das die schlagerhaften Deutschpop-Giganten der letzten Jahre zum textlichen Klischee machten. Doch wer vielleicht dachte, Bosse diesem Genre zuordnen zu müssen, wird belehrt: mit selbstgeschriebenen Texten, einer siebenköpfigen Band, die mit Streichern und Trompete den Radiosound des Wahlhamburgers verfeinert, mit schrammeligen Indie-Gitarren, die Hurricane-Gänger genauso mitnehmen wie Lister Kleinfamilien. Der Opener hat tatsächlich etwas von amerikanischem Indie-Folk à la „The War on Drugs“, später folgen Reggae-Exkurse („Du federst“) und ein türkisch beeinflusstes Stück („Istanbul“).

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Die Texte bleiben gnadenlos vom eigenen Leben inspiriert, manchmal mit etwas dick Pathos, stets werden die Zeilen von den Stehplatzfans laut mitgesungen: „Dein Hurra“, „Tanz mit mir“ und „So oder So“ etwa.

Heute positioniert er sich erneut und explizit

Höchstens der Erfolg bindet Bosse so wirklich an die Oerdings, Forsters und Giesingers der Republik: Die Halle ist mit 4200 gut gefüllt, die letzten beiden Alben gingen auf Platz eins der Charts – gegen (gute) Popmusik spricht nichts. Abgrenzen will sich Bosse ohnehin nur gegen eine Gruppe: „An jedes Nazischwein“ ging 2016 ein Mittelfinger bei der Echo-Verleihung, heute positioniert er sich erneut und explizit. In Ansagen, aber auch im Song „Robert De Niro“, in dem sich eine Protagonistin angesichts des offenen Fremdenhasses in Deutschland so falsch fühlt „wie Robert De Niro bei Berlin Tag und Nacht“. Zwei Peace-zeigende Flutsch-Finger zieren die Bühne (die beim Song zu Mittelfingern werden), „ich wollte nie politischer Songwriter werden“, sagt Bosse, es sei aber Zeit für eine Gegenreaktion der empathischen, demokratischen Menschen.

Bosse in Hannover: Das sind die Bilder

Die großen und kleinen Emotionen werden den ganzen Abend vermittelt: Wie sich Bosse in Berlin auf Sinnsuche war („3 Millionen“) und wie man gegen Liebeskummer ansingt („Ich warte auf dich“). Trotz der ernsten Themen bleibt er nahbar und das Konzert kurzweilig: „Kraniche“ spielt er unten bei seinen textsichersten Fans — auf seinen Vorschlag setzt sich der gesamte Innenraum hin und lauscht Klavier, Bosse und Backgroundsängerin. Mit „Schönste Zeit“ geht es in die Zugaben — und von dort aus bis in die frühe Nacht.

Von Lilean Buhl