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Meine Stadt Blutdrucksenker gefährden keine Covid-19-Patienten
Hannover Meine Stadt Blutdrucksenker gefährden keine Covid-19-Patienten
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12:52 26.04.2020
Die letzte Rettung: Patienten, die stark von Corona betroffen sind, müssen ans Beamtmungsgerät. Foto:
Die letzte Rettung: Patienten, die stark von Corona betroffen sind, müssen ans Beamtmungsgerät. Foto: Quelle: Büttner (dpa)
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HANNOVER

Die Pandemie sorgt auf vielen Ebenen für große Verunsicherung. Und Fehlinformationen können Menschenleben gefährden. „Wir haben in den vergangenen Tagen zahlreiche Blutdruckentgleisungen beobachtet“, erklärt Professor Johann Bauersachs, Direktor der MHH-Klinik für Kardiologie und Angiologie. Auch weil die Patienten ihre Medikamente abgesetzt hatten.

Im März erschien ein Forschungsbericht, der einen Zusammenhang zwischen dem gefährlichen Verlauf von Covid-19 und Blutdrucksenkern herstellt. Die Medikamente sollen für das Virus eine Art Einstiegspforte sein. Gemeint sind Angiotensin-Converting-Enzym-Hemmer, kurz ACE-Hemmer genannt, und Angiotensin-Rezeptor-Blocker (Sartane). Schätzungen zufolge nehmen 15 Millionen Menschen in Deutschland diese Arzneien ein, meint Professor Bauersachs. In der Region dürfte die Zahl dieser Patienten bei mehr als 200.000 liegen.

Helfen ACE-Hemmer Covid-19-Patienten?

Die blutdrucksenkende Mitteln hemmen das Gewebshormon Angiotensin. Es bewirkt, dass sich die Gefäße zusammenziehen, also der Blutdruck steigt. Die ACE-Hemmer bewirken aber auch, dass das Angiotensin-Converting-Enzym 2 (ACE2) im Blut zunimmt. Und genau über dieses Enzym tritt Covid-19-Virus in den Körper ein. Die Krankheit schädige bei Patienten mit ACE-Hemmern die Lunge im schweren Maße, lautet die Hypothese.

Es gibt aber auch brandaktuelle Forschungen, die genau das Gegenteil aussagen. Einer Veröffentlichung im Fachmagazin „Lancet“ zufolge, richtet der Corona-Virus Entzündungen in den Endothel-Zellen (dünne, innere Schicht von Blutgefässen) verschiedener Organe an. Deshalb könnte bei Risikopatienten die Gabe von anti-entzündlichen Medikamenten, aber auch ACE-Hemmern und Statinen (Cholesterinsenker) ratsam sein.

Unklar, ob Bluthochdruck allein ein Risikofaktor ist

Die Blutdrucksenker könnten auch auf andere Weise Corona-Patienten helfen. Erhebungen zeigen, dass die Medikamente größere Lungenschäden bei Covid-19 verhindern könnten. Tierversuche mit Sars-Erregern, die dem Covid-19-Virus sehr ähnlich sind, belegen diese These. Der Sars-Virus hatte viel Angiotensin in der Lunge freigesetzt, so dass das Organ schwer geschädigt wurde. Die blutdrucksenkenden Mittel begrenzen die Freisetzung des Hormons.

Noch wissen die Wissenschaftler zu wenig über das Virus. Aber angesichts der Verunsicherung von Patienten und Ärzten hat die MHH zum Thema ACE-Hemmer und Corona jetzt erklärt: „Alle Spekulationen beruhen auf experimentellen Daten. Eindeutige wissenschaftliche Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeit oder Anfälligkeit für komplizierte Verläufe bei SARS-CoV2-Infektionen existieren bis dato nicht“, heißt es in der Pressemitteilung. Auch die Deutsche Hochdruckliga und die Deutschen Gesellschaft für Kardiologie teilen diese Ansicht.

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Der neue Virus bedroht vor allem alte und chronisch kranke Menschen. Dazu zählen Diabetiker, Patienten mit Herz-Lungen-Krankheiten und auch Bluthochdruck (Hypertonie). „Aber wie sehr Bluthochdruck allein für sich betrachtet das Risiko erhöht, kritisch zu erkranken, ist derzeit nicht bezifferbar“, sagt MHH-Professor Florian Limbourg, Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga. Bauersachs ergänzt: „ACE-Hemmer und Sartane senken eindeutig das Sterberisiko.“ Es wäre ein Riesenproblem, wenn Bluthochdruckpatienten jetzt aufhörten die Medikamente zu nehmen.

Chef der MHH-Kardiologie: Professor Johann Bauersachs warnt davor, blutdrucksenkende Mittel abzusetzen. Sie schützen vor schweren Verläufen von Covid-19. Foto: Quelle: Surrey

 

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Von Thomas Nagel