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Meine Stadt Kann Hannover vom Süden lernen?
Hannover Meine Stadt Kann Hannover vom Süden lernen?
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18:13 15.08.2019
Weiß gestrichen: Die Fassaden der Häuser auf Santorin in Griechenland. Auch in Hannover könnten hellere Fassaden gegen die Hitze helfen. Quelle: dpa
Hannover

Wenn das Thermometer in Richtung neuer Rekorde klettert, wird es vor allem in dicht bebauten Städten besonders unerträglich. Das haben die heißen Tage in diesem Sommer gezeigt. Der Asphalt kocht. Zwischen den Gebäuden staut sich die Hitze. Hannovers Grüne wollen deshalb aus oft zubetonierten Schulhöfen grüne Oasen machen mit Büschen, Staudenbeeten und Rasen statt Asphalt. Das allerdings kann wohl nur ein Anfang sein. Wie müssen Städte in Zeiten des Klimawandels geplant werden? „Das bekommt immer größere Relevanz“, versichert Robert Marlow, Präsident der Architektenkammer Niedersachsen.

Dahinter verbergen sich zwei zentrale Herausforderungen: Zum einen so zu bauen, dass der CO2-Ausstoß stark reduziert wird. Zum anderen müssen die Städte so gestaltet werden, dass die Hitze in ihnen einigermaßen erträglich bleibt.

Architektenbund: „Traum vom ewigem Wachstum geplatzt.“

Im Mai hat der Bund Deutscher Architekten (BDA) ein bemerkenswertes Positionspapier zu dieser Frage beschlossen. Im BDA ist zwar nur ein Teil der Architekten organisiert. Die allerdings sind einflussreich. „Das Haus der Erde“ ist das Papier überschrieben. Darin fordert der Verband ein „ökologisches Umsteuern“ mit „Ideen und Kreativität“. Der „Traum vom ewigen Wachstum“ sei „geplatzt“. Die „Wahrung unserer Lebensgrundlagen darf nicht dem freien Spiel der Märkte anheimgestellt werden“, fordert der BDA.

Konkret stellt sich dieser gegen „ungebremsten Flächenfraß“, den „Vorrang von Neubauten“ sowie das „Fetisch Mobilität“. Das alles ist aus Sicht des BDA „nicht alternativlos“. Kammerpräsident Marlow etwa spricht sich dafür aus, stärker im Bestand zu bauen. Abriss und Neubau machten oft 50 Prozent der CO2-Emissionen aus. „Die Energie, die im Gebäude steckt, müssen wir mitrechnen. Wenn man die Gesamtbilanz betrachtet, steht ein saniertes, älteres Gebäude oft besser da als ein hochmodernes, neues Passivhaus“, sagt Marlow.

„Arbeitsplätze und Wohnen näher zusammenbringen“

Er fordert auch, nicht nur den Blick auf einzelne Gebäude zu richten, sondern möglichst ganze Quartiere zu betrachten. Anstatt Gebäude in Sachen Dämmung auf den allerneusten Stand zu bringen oder mit Solarzellen auszustatten, ließe sich oft mehr erreichen, wenn man ganze Wohnblocks an die Fernwärme anschließe oder eine zentrale, neue Heizungsanlage installiere.

Die größte Bedeutung allerdings komme der Stadtplanung zu. Um den Verkehr zu reduzieren, will Marlow „Arbeitsplätze und Wohnen näher zusammenbringen“. Er ist „gegen Zersiedelung“ und plädiert „für Nachverdichtung in der Mitte“.

Experte: Häuser weiß streichen wie in Griechenland

Aber was tun, um mit der Hitze umzugehen, die schon jetzt immer öfter das Thermometer in die Höhe treibt? Experte Stefan Emeis vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) rät zu hellen Flächen. „Nicht umsonst gibt es in Griechenland wie auf Santorin vor allem weiße Häuser“. Zudem würden hitzeabweisende Materialien erprobt.

Halten die Hitze fern: Fensterläden wie in Giglio in der Toskana. Quelle: dpa

Auch Kammerpräsident Marlow findet, „dass wir vom Süden lernen können“. Zum Beispiel könnten bei Häusern öfter Klappläden vor den Fenstern verwendet werden. Außerdem schlägt er vor, „auch mal hellen statt dunklen Backstein zu verwenden“. Eine wichtige Aufgabe komme auch den Landschaftsarchitekten zu. Freiflächen und Frischluftschneisen müssten erhalten bleiben, Schatten und Kühle spendende Grünflächen mit Bäumen mitgeplant werden.

Laut Martin Prenzler von der Citygemeinschaft wirkt sich die große Hitze in der Innenstadt unmittelbar auf das Geschäft aus. „Die heißen Tage waren für uns verlorene Tage“, berichtet er. Kein Wunder. Denn in der City seien „immer zwei bis drei Grad mehr als im Garten“. Prenzler wünscht sich deshalb „mehr Brunnen“. Die wirkten „wie eine Klimaanlage“. Auch kann er sich große Sonnensegel vorstellen, wie sie zum Beispiel in Madrid zum Einsatz kämen.

Nichts los: An den ganz heißen Tagen waren kaum Passanten unterwegs in Hannovers Innenstadt. Quelle: Rainer Dröse

Aus Sicht der Stadt sind die Anpassungsstrategien an den Klimawandel längst in der Umsetzung. Laut Sprecherin Michaela Steigerwald wurde schon 2012 ein umfangreiches Maßnahmenprogramm festgelegt. Neue Quartiere würden möglichst flächensparend mit schattenspendenden Bäumen geplant. Grünflächen sollen die Frischluftzufuhr sicherstellen. Wenn möglich, würden Fassaden und Dächer begrünt, außerdem Straßen und Plätze. Zudem würden bei Neubauten energetische Standards vorgeschrieben, die über die gesetzliche Norm hinausgehen.

Eine wichtige Rolle spielt aus Sicht der Stadt auch der Verkehr. Neue Wohngebiete sollen gut mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar sein. Die Zahl der vorgeschriebenen Parkplätze soll reduziert, stattdessen gute Radwege und Car-Sharing angeboten werden.

Werden in Hannover zu viele Flächen versiegelt?

Als Beispiele für vorbildliche Klima-Quartiere nennt die Stadt die bereits bestehende Kronsberg-Siedlung, das neue Wohngebiet Kronsrode, den Zero-E-Park in Wettbergen, die Wasserstadt Limmer sowie das Baugebiet Herzkamp in Bothfeld. Die Versieglung von Flächen werde bei Planungen „auf das unbedingt notwendige Maß“ reduziert, versichert Sprecherin Steigerwald.

Der Naturschutzbund BUND Hannover sieht das anders. „Auch hier werden noch viel zu viele Flächen versiegelt“, kritisiert Geschäftsführerin Sabine Littkemann. Besonders verärgert zeigt sich der BUND darüber, dass der Neubau der MHH auf wertvollen Kleingartenflächen und mehrere hundert Meter entfernt von einer bestehenden Stadtbahnstation entstehen soll.

BUND-Kritik an Bauprojekten

Für einen großen Fehler hält der BUND auch das geplante Baugebiet Schwarze Heide West in Stöcken. „Da sind wir komplett dagegen. Man kann nicht gleichzeitig sagen, dass man es mit dem Klimawandel kapiert hat, und dann dort so in die freien Flächen reingehen“, kritisiert Littkemann. In unmittelbarer Nähe des diskutierten Baugebietes gebe es wertvolle Biotope, außerdem eine Heckenlandschaft sowie kleine Alleen, die auch von zahlreichen Spaziergängern geschätzt würden.

Bauen in Zeiten des Klimawandels – das Thema hat auch schon den OB-Wahlkampf erreicht. „Wir brauchen mehr Stadtgrün und weniger versiegelte Flächen“, fordert der Grüne Belit Onay. Die extrem hohen Temperaturen hätten vielen Menschen in Hannover schwer zu schaffen gemacht. Onay will deshalb „mehr Bäume pflanzen sowie Plätze und ungenutzte Flächen wie Dächer und Fassaden begrünen“. Auf öffentlichen Plätzen könnten „Springbrunnen und Wasserspender für Abkühlung bei Hitze sorgen“, so Onay.

Erfrischend: Hannovers Händler und die Grünen wollen mehr Springbrunnen in der Stadt. Quelle: Michael Wallmüller

Seine linke Konkurrentin Jessica Kaußen sieht darin nur „ein Lippenbekenntnis“. Onay habe ein „schweres Glaubwürdigkeitsproblem“, weil die Ratsmehrheit, an der die Grünen beteiligt sind, weiterhin den Pächtern der ökologisch wertvollen Kleingartensiedlung Friedenau an der Schulenburger Landstraße kündigen wolle und damit den Weg frei machen wollten für eine Bodenversiegelung als Gewerbegrundstück. Dadurch drohe ein Kaltluftrevier verloren zu gehen, „welches für das Stadtklima von immenser Bedeutung ist“, sagt Kaußen.

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Von Christian Bohnenkamp

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