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Meine Stadt Der geschenkte Keks – Bahlsen feiert 130-jähriges Bestehen
Hannover Meine Stadt Der geschenkte Keks – Bahlsen feiert 130-jähriges Bestehen
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16:58 01.07.2019
130 Jahre Bahlsen in Hannover. Quelle: Heidrich
HANNOVER

130 Jahre Unternehmensjubiläum. Eine Zahl, die stolz machen kann und darf. Und eigentlich ein triftiger Grund für eine Firma und ihre Mitarbeiter, sich mal selbst ordentlich zu feiern. Doch beim Keksbäcker Bahlsen, der an diesem Montag vor 130 Jahren von Hermann Bahlsen gegründet wurde, hat man im Moment andere Sorgen. In den vergangenen Wochen wurde der Gebäckspezialist vom dunkelsten Kapitel der Unternehmensgeschichte eingeholt – während der NS-Zeit waren die Verbindungen der damaligen Firmenchefs offenbar enger als bisher bekannt.

Und auch der Umgang mit Zwangsarbeitern im Dritten Reich war bisher nicht umfassend und wissenschaftlich untersucht. Das will das Unternehmen ändern. Der 130. Geburtstag könnte nun eine Art Neustart werden: An diesem Tag schließt Bahlsen mit dem renommierten und erfahrenen Historiker Manfred Grieger einen Vertrag ab über die gründliche Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte während der Nazi-Zeit.

Nur echt mit 52 Zähnen

Diese dunkle Zeit und die Enthüllungen darüber überdecken dabei allzu leicht, wofür Bahlsen auch steht, was Familie und Unternehmen alles geschafft und geschaffen haben. Zunächst einmal schenkte Gründer Hermann Bahlsen den Deutschen den Keks. Sein zunächst Leibniz-Cakes genanntes Produkt – inspiriert von den britischen Cakes – hatte der junge Kaufmann aus Großbritannien mitgebracht und den Deutschen schmackhaft gemacht. Mit durchschschlagendem Erfolg: Das Gebäck, nur echt mit den berühmten 52 Zähnen, gewann mehrere Medaillen und wurde zu einem beliebten Snack. Einige Jahre später deutschte Bahlsen das Cakes zu Keks ein, der Duden zog kurz danach mit und übernahm den Keks.

Ein Blick in die Geschichte des Unternehmens

Nicht nur beim Produkt, auch bei der Produktion zeigte sich Hermann Bahlsen modern, innovativ, führend: Als erstes europäisches Unternehmen setzte man bereits 1905 Fördertechnik und Fließbänder ein, hocheffizient ließ er sein Gebäck herstellen – Jahre, bevor Autopionier Henry Ford damit den Automobilbau revolutionierte. Auch die Verpackung war eine Sensation: Luft- und wasserdicht, hielt sie die Kekse lange frisch. Bahlsen war ein sozialer Visionär, träumte von der Tet-Stadt mit Cafes, Kegelbahnen und vielen Grünflächen, in der seine Mitarbeiter gut leben und arbeiten sollten, er gründete eine Krankenkasse für seine Beschäftigten. Er förderte Künstler und Grafiker, ließ unzählige anspruchsvoll gestaltete Anzeigen und Plakate gestalten. Und kurz vor seinem Tod 1919 berief er zwei Frauen in die Geschäftsführung, die ihn mit Fleiß, Kompetenz und Intelligenz beeindruckt hatten – in der damaligen Zeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Dunkle Zeit der Zwangsarbeit

Die zweite Bahlsen-Generation rückte nach –und sie kooperierte offenbar enger mit den Nazis, als bisher bekannt war (NP berichtete). Klar ist offenbar: Alle drei Bahlsen-Söhne Werner, Klaus und Hans waren Mitglied der NSDAP, Hans trat sogar schon 1933 der SS bei. Während des Kriegs wurde Bahlsen zum kriegswichtigen Betrieb, produzierte Knäckebrot und Notrationen für Soldaten. Bis zu 2500 Zwangsarbeiterinnen sollen für das Unternehmen im Einsatz gewesen sein, davon bis zu 500 in Hannover. Die genauen Details werden jetzt vom Historiker Manfred Grieger aufgearbeitet.

Nach Kriegsende nahm Bahlsen die Produktion schnell wieder auf, bald wurde das neue Werk in Barsinghausen eröffnet, zudem baute man sich in den 1970ern eine neue Zentrale am Mittellandkanal, die aber Ende der 90er Jahre wieder aufgegeben wurde. Damals zerbrach –in der dritten Generation –auch das Familienunternehmen. Werner M. Bahlsen, sein Bruder Lorenz und Schwester Andrea zerstritten sich und zerlegten den Konzern in drei Teile. Werner M. behielt das Gebäck, Lorenz nahm die Salzsparte (1935 hatte Bahlsen mit der Salzlette die erste Salzstange in Deutschland verkauft) mit, Andrea bekam die Immobilien. Und das Unternehmen schaffte es, mit dem Schoko-Riegel Pickup das etwas verstaubte Gebäck-Image aufzufrischen.

Krümelmonster stiehlt das Wahrzeichen

2013 schließlich kam eine Welle wohlmeinender weltweiter Aufmerksamkeit: Nachdem ein noch immer flüchtiges Krümelmonster in einer kalten Januarnacht den vergoldeten Keks von der Fassade der Zentrale in der Podbi entführt hatte und einen Haufen Kekse für den guten Zweck als Lösegeld forderte, berichteten Medien aus aller Welt über Bahlsen und den Keksklau.

Heute macht das Unternehmen 560 Millionen Euro Umsatz und hat welweit mehr als 2800 Mitarbeiter in mehreren Werken. 360 davon sitzen in Hannover (Verwaltung), 190 in Langenhagen ( Logistik) und 510 in Barsinghausen (Produktion). Rund 100 Produkte der Marken Bahlsen, Leibniz und Pick-up umfasst das Portfolio, dabei sind einige Artikel wie der Leibniz-Butterkeks von 1891, die Schoko-Waffel Ohnegleichen von 1900, das ABC-Russisch Brot von 1906 und die Eiswaffel Noch eine (ebenfalls 1906) schon seit den Anfangszeiten im Sortiment. Insgesamt, so schätzt man, wurden im Lauf der 130-jährigen Unternehmensgeschichte rund 5000 Produkte herausgebracht.

Erbin Verena als Visionärin

Und die Zukunft? Vergangenes Jahr hat sich Werner M. Bahlsen aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, seine vier Kinder werden sich jetzt mehr in die Ausrichtung des Unternehmens einbringen. Sichtbarstes Gesicht war dabei die Tochter Verena (26), die seit einiger Zeit vom Berliner Restaurant Hermann aus daran arbeitet, die Welt der Ernährung zu revolutionieren. Sie will nachhaltiger wirtschaften, neue Produkte ausprobieren, Netzwerke schaffen, Bewußtsein schaffen für neue Möglichkeiten. Sie scheint eine Visionärin, wie ihr Urgroßvater. Die ersten Presseberichte über die junge Frau fielen sehr positiv aus, sie gilt als offen, unkonventionell, frisch, humorvoll und klug, das Gegenteil eines glattgebügelten Business-Püppchens ohne Ecken und Kanten.

Doch dann verhedderte sie sich mit unbedachten Äußerungen über den Umgang bei Bahlsen mit Zwangsarbeitern, löste die Enthüllungen der letzten Wochen aus. Sie entschuldigte sich glaubhaft, sprach von einem Fehler. Aus der Öffentlichkeit hat sie sich nach dem Wirbelsturm der Aufmerksamkeit und Häme, der über sie hereinbrach, aber erst einmal zurückgezogen. Und doch: Kommen sie und ihr Riecher nur ein wenig nach dem Gründer Hermann Bahlsen, dürfte sie auf dem richtigen Weg sein mit ihren Ideen und Projekten.

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