Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Gefährliche Ekstase auf der Autobahn
Hannover Meine Stadt Gefährliche Ekstase auf der Autobahn
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 02.05.2019
Immer wieder ist die Polizei gefordert – und muss ausufernde Hochzeitskorsos eindämmen. Erst am Wochenende auch wieder in Hannover. Quelle: dpa
Hannover

Mal Hand aufs Herz: Wer hat noch nicht als Gast zwischen Ja-Wort und Hochzeitssuppe fröhlich im Auto gehupt? So weit, so normal. Doch ein Phänomen führt in letzter Zeit zu immer mehr Unmut: Hochzeitsgesellschaften, die sich auf viele PS-starke Fahrzeuge verteilen, die im Korso auf die Autobahn fahren, diese blockieren, um dort mehrere Tänzchen zu wagen sowie Fotos und Videos zu drehen – inklusive wütender im Stau stehender anderer Autofahrer. Im Extremfall sind auch Schusswaffen im Einsatz, Freudenschüsse nennt man das dann wohl.

So wie am Sonntag in Hannover: Bei dem Hochzeitskorso durch den Stadtteil Vahrenwald gab ein 19-Jähriger mehrere Schüsse aus einer Schreckschusspistole ab, teilte die Polizei mit. Den Mann konnte sie in der Nordstadt stellen. Weder für die Munition noch für die Pistole hatte der 19-Jährige eine Besitzkarte. Er muss sich nun wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten.

Die Deutsch-Türkin Duygu Nalbant (35), Referendarin aus Hannover, findet ein solches Verhalten überhaupt nicht nachvollziehbar. „Die Autobahn zu blockieren, Schüsse abzugeben, Leute in Gefahr bringen, um feiern zu können – das geht gar nicht“, sagt sie. „Hochgradig fragwürdig und unverantwortlich“ sei das.

Was Nalbant in Ordnung findet: „Autokorsos sind normal, wenn etwa die Braut abgeholt wird. Die Außenspiegel werden mit bestickten Tüchern geschmückt, Trommler und Oboe-Spieler machen Musik, bereits vor der Zeremonie gibt es eine Feier.“ So habe sie es beispielsweise bei der Hochzeit ihrer Schwester im türkischen Izmir erlebt. Finde eine solche Feier der türkischen Community in Deutschland statt, wäre der Korso dennoch lang, „weil die Familien groß sind beziehungsweise durch Nachbarn, Arbeitskollegen inklusive Familien vergrößert wird. Das ist einfach eine Frage der Freude, des Respekts und auch des Stolzes – man symbolisiert dadurch Zusammenhalt“. Das habe es auch während der Fußball-WM in Deutschland gegeben. Und doch: „Aus meinem familiären Kontext kenne ich das Autobahnblockieren nicht.“ Auch dass dort dann Fotos gemacht würden und dort dann mit Schusswaffen hantiert werde, sei ihr fremd – und ein relativ neues Phänomen „Die das auf der Autobahn machen, haben echt nicht alle Sinne beisammen“, schimpft sie.

Könnte das Verhalten eine Provokation gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft sein? Solche Antworten kennt die angehende Lehrerin „aus TV-Reportagen, aber das erschließt sich mir nicht“. Duygu Nalbant ärgert, dass solche Verhaltensweisen „rechten Gruppierungen“ in die Karten spielen. Diese würden dann wieder alle Bürger mit Migrationshintergrund über einen Kamm scheren. „In meiner Community feiern wir wie ganz normale Deutsche. Ich fände es hochgradig peinlich, mit solchen Leuten verglichen zu werden.“

Heiko Johannsen, Leiter der Unfallforschung an der MHH, macht diese Entwicklung auch Sorgen. Bisher kenne er im Raum Hannover zwar keine Unfälle, die durch die ausufernden Autokorsos auf Autobahnen ausgelöst wurden. Aber: „Wir wissen, dass die meisten Unfälle auf Autobahnen in Stau-Enden passieren. Jeder Stau, der mutwillig provoziert wird, ist eine Katastrophe.“ Zusätzlich würde der Gegenverkehr interessiert zugucken und dabei abgelenkt. „Wenn dann auch noch geschossen wird, ist die Ablenkung noch größer.“ Beteiligte an diesen ausufernden Feiern, die man zu fassen bekommt, müssen sich auf Anklagen wegen Nötigung und gefährlichem Eingriffs in den Straßenverkehr einstellen. Reicht das aus? „Ja, man muss es nur konsequent durchziehen“, sagt Johannsen. Der Rechtsstaatsverlust, der sich auch in diesem Phänomen zeige, beunruhige ihn aber durchaus.

Bereits am Sonnabend hatte ein – vermutlich türkischer – Hochzeitskorso den Verkehr auf der A 2 nahezu lahm gelegt. Mehrere Wagen sollen dabei gegen 14.10 Uhr in Richtung Berlin auf allen Spuren mit etwa 80 Stundenkilometern und blinkendem Warnlicht gefahren seien – dabei hätten sie es verhindert, dass andere Autos überholen konnten, so die Polizei. Eine Autofahrerin informierte die Polizei, der Korso war da zwischen den Abfahrten Wunstorf-Kolenfeld und Herrenhausen unterwegs. Die Wagen fuhren laut der 57-Jährigen in Herrenhausen stadteinwärts ab. Trotz eingeleiteter Fahndungsmaßnahmen konnten die Fahrer nicht mehr ausfindig gemacht werden.

Von Petra Rückerl und Andreas Voigt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

„Europa – Jetzt aber richtig“ – so lautet das Motto für die DGB-Kundgebung zum 1. Mai. Die Veranstaltung findet in diesem Jahr an der Goseriede statt.

02.05.2019

Er hat gar keine andere Wahl – am Dienstagvormittag wird OB Stefan Schostok seinen Antrag auf Rücktritt als Verwaltungschef begründen.

29.04.2019

Neue Runde im K.o.-Tropfen-Fall: Wegen verschwundener beziehungsweise vernichteter Blutproben im Vinzenzkrankenhaus hat die Staatsanwaltschaft ein neues Ermittlungsverfahren eingeleitet. In der Klinik waren zwei Opfer (24, 20) in Silvesternacht behandelt worden.

29.04.2019