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Meine Stadt Hannover: Hat dieser Vater seine Söhne vergewaltigt?
Hannover Meine Stadt Hannover: Hat dieser Vater seine Söhne vergewaltigt?
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15:54 26.04.2019
AUF DER ANKLAGEBANK: Siegfried R. (60) soll seinen Sohn und Stiefsohn missbraucht haben. Quelle: Foto: Nagel
HANNOVER

Der Angeklagte schreit im Gerichtssaal: „Seit 30 Jahren geht das so. Mein Sohn hat behauptet, ich hätte meine Tochter missbraucht.“ Richter Patrick Gerberding lässt Siegfried R. gewähren. Hat er Verständnis für die Situation des schwer kranken Mannes? Seit Donnerstag sitzt der vorbestrafte R. wieder auf der Anklagebank. Er soll seinen Sohn und seinen Stiefsohn vergewaltigt haben.

Ein außergewöhnlicher Fall, in mehrfacher Hinsicht. Denn die zweite Familie von Siegfried R. hält zu ihm. Demonstrativ steht sie vor Prozessbeginn hinter ihm. Sechs der acht Taten sollen mehr als 20 Jahre zurückliegen. In der Anklage wird häufiger als Tatzeit „Ende 1997“ oder „Ende 1995“ genannt, genauer legt sich der Staatsanwalt nicht fest. Und: Seinen Sohn habe der Angeklagte 2008 und 2010 vergewaltigt. Da war das Opfer 19 oder 21 Jahre alt.

Richter stellt einen Stammbaum auf

Richter Gerberding hat einen Stammbaum aufgestellt, um die Familienverhältnisse des Angeklagten verstehen zu können. Aus erster Ehe hatte Siegfried R. vier Kinder geboren, das erste mutmaßliche Opfer 1989. Diese Familie verließ der Mann 1991. In zweiter Ehe zeugte er weitere drei Kinder. Seine zweite Frau brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Das zweite Opfer, der Stiefsohn, wurde 1984 geboren.

Tatort soll ein kleines Dorf im Kreis Hameln gewesen sein. Aus Sicht des Angeklagten sind die Vorwürfe frei erfunden. Aus seinen Erzählungen wird klar, dass er bereits einmal wegen sexuellen Missbrauchs eines Sohn verurteilt worden sei. Siegfried R. spricht davon, dass man ihm das „angehängt“ habe. Aber wegen seiner Verurteilung sei ihm der Umgang mit den Kindern aus der ersten Ehe untersagt worden. Zwischen dem 6. und dem 16. Lebensjahr habe er seinen Sohn nie ohne Aufsicht gesehen. Insofern könne er sich auch nicht an ihm vergangen haben, wie ihm auch vorgeworfen wird: „Ich kann meinen Bewährungshelfer als Zeugen benennen.“

Mit tränenerstickter Stimme hat er oft Probleme, die richtigen Worte zu finden. Zum Richter meint R.: „Das ist Wahrheit, schwör´ich Ihnen auf die Bibel.“ Siegfried R. kann sich nur am Rollator fortbewegen. Er ist nur zwei Stunden am Tag verhandlungsfähig. Seine Lehre als Schlachter musste er als junger Mann abbrechen, weil er nicht mehr stehen konnte. Die Frage wird zu klären sein: Ist so ein Mann in der Lage, seinen erwachsenen Sohn im Auto zu vergewaltigen?

Von Thomas Nagel

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