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Meine Stadt Altes Handwerk: „Ich bin ein Qualitätsfetischist“
Hannover Meine Stadt Altes Handwerk: „Ich bin ein Qualitätsfetischist“
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00:16 21.01.2017
Quelle: Wilde
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Hannover

Segler brauchen sie genauso wie Kletterer. Doch auch zur Dekoration sind sie sehr beliebt: Seile. Der Handwerksberuf des Seilers wird heute kaum noch ausgeübt, denn Maschinen übernehmen größtenteils die Handarbeit. Einer der wenigen Seiler Norddeutschlands ist Hans-Dieter Jähnig-Rockmann (79) - er hat sein Geschäft an der Hildesheimer Straße. „Seit 1876 gibt es die Seilerei Rockmann. Mein Urgroßvater hat sie damals gegründet. Seit 1974 sind wir in diesem Geschäft - vorher waren wir an der Osterstraße“, erzählt Jähnig-Rockmann, „ich bin der einzige Seiler in Hannover, der als Handwerker eingetragen ist.“

Foto: Wilde

Aus Familientradition lernte er den Beruf. Heute kauft er zwar viel Material aus anderen Werkstätten ein, aber verarbeitet es selbst. „Ich bin ein Quälitätsfetischist und kaufe nur hochwertige Ware, meist made in Germany“, sagt der 79-Jährige. Auch wenn die Seile aussehen wie Hanf, sind sie heute zum Großteil aus Polyprophylen, Polyamid oder anderen synthetischen Stoffen gemacht: „Die Synthetikseile sind besonders hochwertig. Sie sind UV-beständig und unempfindlich gegen Nässe. Das ist besonders wichtig für Segler. Aber auch zum Heben von Lasten ist es gut, weil es reißfest ist.“

Momentan bereitet sich Seiler Jähnig-Rockmann auf das Frühjahr vor: „In Gärten machen wir Absperrungen von Grundstücken mit Seilen oder in Hauseingängen Treppengeländer, aber ich mache auch gerade Schaukeln für Kinder.“ Das Spleißen gehört zu den Hauptaufgaben eines Seilers. Dort wird mit einem Spleißnagel gearbeitet. Das Seil wird zwischen die Beine oder einen Schraubstock geklemmt, dann werden die Litzen, die einzelnen Stränge des Seils, gelöst und in einer Schlinge dauerhaft verbunden. Sie werden miteinander verflochten - ein Knochenjob. „Man kennt uns. Wir leben von der Mundpropaganda“, sagt er. Besonders wichtig bei den Seilen ist ihre Erscheinung - natürlich müssen sie auch gut aussehen. „Wenn man sich nicht auskennt, dann stellt man nicht fest, dass es kein Hanfseil ist. Es hat eine wollige Erscheinung und somit einen natürlichen Charakter.“

Heute lebt die Seilerei Rockmann auch von dem Bürstenverkauf. „Mein Vater hatte schon Bürsten. Es ist einfach Tradition bei uns. Ich habe schon als Schüler Bürsten verkauft“, erinnert sich Hans-Dieter Jähnig-Rockmann. Rasierpinsel, Haarbürsten oder auch die Busenbürste: „Das ist ein toller Gag. Im Fernsehen habe ich die mal gezeigt, und die wurde danach viel verkauft. Ist einfach ein witziges Geschenk. 95 Prozent meiner Kunden sind Privatleute mit Qualitätsbewusstsein. Dennoch kämpfen wir um jeden Cent.“

Für den gelernten Seiler sind Hölzer bei Bürsten besonders wichtig: „Ich achte darauf, dass es einheimische Hölzer sind - Buche, Eiche, Ahorn, Esche.“ Seiler Jähnig-Rockmann macht seinen Job auch heute immer noch gern, obwohl er weiß, dass er keinen Nachfolger hat. „Man lernt es heute nicht mehr so, wie ich es gelernt habe. Wir kämpfen gegen moderne Unternehmen. Ich mag es aber, weil man die unterschiedlichsten Menschen trifft“, sagt der Meister der Seile.