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Meine Stadt Immer mehr Ältere sind süchtig
Hannover Meine Stadt Immer mehr Ältere sind süchtig
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20:45 28.05.2019
Erst ein Glas und dann immer mehr: Immer mehr ältere Menschen über 55 Jahren werden süchtig, weil sie viel zu oft zum Alkohol greifen. Viele von ihnen scheuen den Gang zu einer Beratungsstelle, weil sie sich für ihre Abhängigkeit schämen. Maria M. (56) hat sich getraut – auch aus Angst, ihren Mann und die beiden Kinder zu verlieren. Quelle: dpa
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Hannover

War es die Ohrfeige vom Vater am Tag ihrer Einschulung? Der hohe Erwartungsdruck in der Kindheit? Die Doppelbelastung von Job und Familie? Oder doch die dauernden Rückenschmerzen, die sie schon so lange schon quälen? Maria M. (56, Name geändert) weiß nicht, was sie in die Sucht getrieben hat. „Es ist auch egal. Ich würde mich nur wieder selbst zum Opfer machen, die Verantwortung anderen zuschieben. Wichtig ist, dass ich erkannt habe, dass ich süchtig bin. Ja, ich bin Alkoholikerin.“

Maria M. wohnt vor den Toren Hannovers. Seit 27 Jahren ist sie verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Der Familie geht es offensichtlich gut, auch finanziell. Das zeigt auch die teure Designer-Handtasche, die während des Gesprächs neben der 56-Jährigen steht. Jahrelang zeigte das auch die teure Weinflaschensammlung ihres Mannes. „Mein Mann und ich haben immer gerne Wein getrunken. Eigentlich täglich ein Glas Wein am Abend. Das war unser Ritual“, erzählt M. Nach einer Rückenoperation vor fünf Jahren veränderte sich das Trinkverhalten der Mutter. Immer öfter sei sie wegen ihres Rückenleidens krank zu Hause gewesen. „Mir fehlte wohl die Wertschätzung.“ Aus dem abendlichen Glas Wein wurden mit der Zeit zwei, manchmal sogar drei Flaschen. Kein Abendessen ohne die flüssige Droge. Manchmal noch ein Grappa dazu. „Es war ein schleichender Prozess.“ Auch ihr Mann habe mehr getrunken, so die 56-Jährige: „Aber er ist groß und kräftig. Der Alkohol hat bei ihm nicht im Ansatz so gewirkt wie bei mir.“

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Familie setzt Ultimatum: Entzug oder Trennung

Während sie selbst noch immer dachte, trotz zwei Flaschen Weins nicht anders zu sein als nüchtern, erlebten ihre Kinder die Exzesse vollkommen anders. „Unsere Kinder fanden schon immer, dass wir zu viel getrunken haben. In meiner heftigen Phase sah mich unsere Tochter mehrmals torkelnd und lallend.“ Auch kam es vor, dass Maria M. morgens auf einem mit Blutflecken verschmutzten Kopfkissen aufwachte. Am Kopf eine Platzwunde. „Ich muss wohl gestürzt sein, aber hatte absolut keine Erinnerung daran“, so M. Ihre Familie setzte ihr ein erstes Ultimatum: Entzug oder Trennung. Maria M. entschied sich für die Familie, versuchte selbstständig vom Alkohol loszukommen. „Doch ich dachte damals immer noch, dass ich alles fest im Griff habe. Nie hätte ich mich als Alkoholikerin bezeichnet.“ Die 56-Jährige muss bei der Erinnerung den Kopf schütteln. „Wie naiv von mir. Aber so ist das leider, wenn man alkoholkrank ist. Man redet sich seine Welt schön.“

Heute weiß sie, dass zu diesem Zeitpunkt im Jahr 2017 der Alkohol längst ihr Leben bestimmte. Die Selbstversuche trocken zu werden scheiterten. „Das Suchtgedächtnis ist einfach zu groß. Wenn es nur irgendwo plopp machte, schmeckte ich schon den Alkohol auf meiner Zunge. Diese Krankheit ist wie ein böser Schatten, der immer da ist.“ Auch konnte sich M. ein Leben ohne Alkohol „einfach gar nicht mehr vorstellen. was hätte ich denn statt Wein zum Abendessen trinken sollen?“ Anfang 2018 eskalierte eine Situation mit ihrer Tochter. Die Jugendliche erwischte ihre Mutter beim Trinken. „Ich log sie an, dass es nur Apfelsaft ist. Meine Tochter glaubte mir nicht, wollte, dass ich sie anpuste. Natürlich roch sie meine Fahne.“ Die Worte, die das junge Mädchen dann ihrer Mutter an den Kopf warf, bezeichnet die 56-Jährige rückblickend als ihre Rettung: „Es wäre besser, Mama, wenn du endlich verreckst. Dann würde es uns allen besser gehen.“

Dem Entzug folgt eine dreimonatige stationäre Therapie

Die erste Reaktion von Maria M. war pure Wut: „Darauf trinke ich noch einen“, entgegnete sie ihrer Tochter. Vier Monate später begann die Mutter ihren Entzug und eine dreimonatige stationäre Therapie im Süden Deutschlands. Die engsten Freunde weihte sie erst da in ihre Sucht ein. „Am Abend vor meiner Entgiftung haben mein Mann und ich uns gemeinsam vom Alkohol verabschiedet.“ Neun Monate ist Maria M. inzwischen trocken. Viel habe sie in der Therapie über sich selbst gelernt, hinterfragt, warum der Alkohol „mein Alltagsretter, mein Tröster und bester Freund“ war. „Immer wenn ich getrunken habe, konnte ich im wahrsten Sinne meine ganzen negativen Gefühle einfach runterspülen. Früher habe mich nur selten gewehrt, war fast unterwürfig“, erzählt M. offen. Nicht verwunderlich, dass der schwierigste Teil erst nach der Therapie begann: „Zu Hause, dort, wo ich jahrelang nur getrunken habe, wurde ich wieder mit allem konfrontiert.“

Doch Maria M. blieb stark. „Ich achte mehr drauf, dass es mir gut geht und nicht nur allen anderen. Wenn mich etwas ärgert, schlucke ich das nicht mehr runter. Das ist eine neue Erfahrung für mich. Mein Leben ist ohne den Alkohol besser.“ Und doch: Maria M. hat sich vorgenommen, nicht rückfällig zu werden. „Aber ich würde für mich selber nicht die Hand ins Feuer legen. Ich weiß einfach, dass ich mein Leben lang alkoholkrank bleibe. Es wird jeden Tag normaler nichts zu trinken, aber es ist kein Zuckerschlecken.“

Von Britta Lüers