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Meine Stadt Ärztepfusch! Rosemarie Jürgen trauert um ihren Mann
Hannover Meine Stadt Ärztepfusch! Rosemarie Jürgen trauert um ihren Mann
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00:34 27.09.2014
Von Thomas Nagel
FÜHLT SICH VERLASSEN: Rosemarie Jürgen trauert um ihren Mann, den sie 2000 geheiratet hatte.  Hund Alma ist ein kleiner Trost.
FÜHLT SICH VERLASSEN: Rosemarie Jürgen trauert um ihren Mann, den sie 2000 geheiratet hatte. Hund Alma ist ein kleiner Trost. Quelle: Rainer Droese
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Hannover

Um 22.32 Uhr schloss Karl-Heinz Jürgen (67) im Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhaus Hamburg für immer die Augen. Selbst für die Hamburger Spezialisten war der einst sportliche Oberstabsfeldwebel außer Dienst nicht mehr zu retten. Er hatte zwei Druckgeschwüre (Dekubitus) an der Schulter und am Gesäß. „In den offenen Wunden hatten sich multiresistente Keime eingenistet“, erzählt seine Ehefrau Rosemarie Jürgen (72).

Nach einem Kreislaufzusammenbruch war er in der Nacht zum 9. September auf die Intensivstation verlegt worden. „Die Ärzte sagten mir, dass er ohne Maschinen nicht mehr leben könne“, sagt die Ehefrau. Es wurde eine palliative Behandlung eingeleitet. Am 12. September verstarb Karl-Heinz Jürgen.

Vier Jahre zuvor, am 22. September 2010, hatte sich das Leben der Familie Jürgen dramatisch verändert. Um einen Nierenstein entfernen zu lassen, ging der drahtige Mann ins Siloah-Krankenhaus. Was sich dort ereignete, nannte die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen im Nachhinein „eine Kumulation der Behandlungsfehler“. Karl-Heinz Jürgen hatte ein Medikament erhalten, auf das er allergisch reagierte. Die Allergie war den Ärzten bekannt. Um die Atemdepression zu behandeln, fehlte es an der apparativen Ausstattung, der Anästhesist hatte nicht die nötige Weiterbildung.

Das Ergebnis war ein schwerwiegender Hirnschaden: Vor der OP war Karl-Heinz Jürgen dreimal hintereinander um den Silbersee gejoggt. Plötzlich war er inkontinent, Sprache und Kurzzeitgedächtnis waren weg. Seine Frau musste den Bettlägrigen rund um die Uhr pflegen.

Jetzt ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung - und zwar von Amts wegen. Genaueres wisse man, wenn das rechtsmedizinische Gutachten vorliegt, so Nana Frombach, Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft. Weder Rosemarie Jürgen noch der Anwalt der Familie, Michael Timpf, haben Anzeige erstattet. Die Ehefrau quält sich nicht mit Rachegedanken: „Die Ermittlungsbehörden müssen über den Fall entscheiden.“ Doch sie hadert mit dem Schicksal: „So ein Fehler wie damals im Siloah darf einfach nicht passieren.“

Obwohl bereits 200 000 Euro Schmerzensgeld vom Kommunalen Schadenausgleich (Haftpflichtversicherer des Siloahs) gezahlt wurden, gibt es Ärger ums Geld. Anwalt Timpf hat eine Liste mit Posten in Höhe von 103 000 Euro (zum Beispiel Fahrtkosten, Wohnungsumzug) eingereicht. Die Versicherung flankierte die Verhandlungen laut Timpf mit kaum zu überbietendem Zynismus. So wurde die Übernahme der täglichen Kosten von Frau Jürgen für die Fahrt zur Klinik nach Bad Oeynhausen abgelehnt, weil die Frau angeblich zu alt für diese Belastung sei. Im letzten Schreiben seien drei Belege verlangt und mitgeteilt worden, dass der Sachbearbeiter erst mal für zwei Wochen in den Urlaub gehe.

Sollte es zum Prozess kommen, will Anwalt Timpf Rosemarie Jürgen als Nebenkläger vertreten. Für sie ist das zweitrangig: „Kalle wäre mir im Rollstuhl lieber gewesen.“ Rosemarie Jürgen hat bereits den dritten Ehemann verloren.