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Meine Stadt 30 Jahre Chaostage: "Bin ich noch ein Punk?"
Hannover Meine Stadt 30 Jahre Chaostage: "Bin ich noch ein Punk?"
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00:15 13.12.2012
Von Thomas Nagel
David Spoo arbeitet heute als freier Journalist. Quelle: Florian Petrow
Pattensen

Als er irgendwann 1981 das Unabhängige Jugendzentrum Kornstraße (Szene-Jargon: „Korn“) betrat, fragte er sich: „Bin ich noch ein Punk?“ Zwischen all den Typen mit grünen oder blauen Irokesen-Frisuren wirkte David Spoo mit seiner Sicherheitsnadel im rechten Ohrläppchen wie ein Punk light. Mit der Intuition eines 18-Jährigen spürte der Abiturient, dass etwas in die falsche Richtung lief. „Für eine solche Uniformierung bin ich nicht Punk geworden“, meint Spoo.

Mit 16 Jahren entflammte sein Herz „für diese authentische Zeit“. Sein Freund Konrad Kittner nahm ihn mit in die „Rote Kuh“. Die Diskothek hatte wegen der Typen, die dort abhingen, einen schlechten Ruf. David Spoo war einer der ersten und jüngeren Punks in Hannover. Vor allem der Sound der Zeit hatte es ihm angetan: „Die Szene war wunderbar aktiv. Sofort hatte ich mit ein paar Leuten die Kondensators gegründet.“ Er nahm all seine Kenntnisse aus dem Gitarrenunterricht zusammen, und plötzlich stand der schüchterne Junge auf der Bühne.

„Die 70er Jahre waren furchtbar miefig“, erinnert sich der Musiker. Mit seinem Äußeren, der schnellen harten Musik und den linken Texten wollte er provozieren. Und das gelang ihm mehr, als ihm lieb war. 1979 wurde er in Linden grundlos von der Straße weg ins Polizeirevier geschleppt. „Eineinhalb Stunden wurde ich verhört. Die Polizisten wollten von mir Informationen aus der Szene“, sagt Spoo. Es sei witzig gewesen zu sehen, wie die Staatsmacht mit dem Phänomen Punk nichts anfangen konnte. „Die fragten sich: Sind das Terroristen?“, lächelt Spoo. In jedem Fall bekam der übereifrige Polizist Ärger mit Spoos Mutter Lydia. Auch wenn sie die zerrissene Kleidung ihres Jungen nicht gut fand, „meine Eltern standen hinter mir“, erinnert sich der 49-Jährige. Das hing auch damit zusammen, dass Vater Eckart und Mutter Lydia politisch ähnlich dachten wie ihr Sohn. Vater Eckart war Redakteur der linksliberalen „Frankfurter Rundschau“.

Doch der Druck der Staatsmacht machte der Punk-Szene zu schaffen. „Wir wussten, dass es Spitzel gab. Daran ist der Punk wohl auch kaputtgegangen“, sagt Spoo. Es war aber auch die wachsende Zahl von Dogmen, die die anarchisch-kreative Szene zunehmend lähmte. Einige Punks radikalisierten sich. „Ich galt als Feigling, weil ich keine RAF-Parolen singen wollte. Ich verstand mich als politischer Musiker und nicht als antiimperialistischer Kämpfer“, erinnert sich Spoo an Diskussionen in der Band Klischee.

Ähnlich verhielt es sich mit den Chaostagen. „1982 die Aktion gegen die Punker-Datei war in Ordnung“, sagt Spoo. Doch schon 1983 konnte er nicht verstehen, dass auf den Chaostagen mit Karl Nagel ein führender Kopf der Bewegung die Verbrüderung von Punks und Skinheads anstrebte. Als es 1994 und 1995 zu Straßenschlachten kam, saß Spoo „wie ein Opa am Fenster“ und hat das Geschehen mit großer Distanz verfolgt. Das war nicht mehr sein Punk: „Das war wie eine Facebook-Party, die aus dem Ruder gelaufen ist.“

Heute lebt David Spoo mit Frau Antje und Kater Moses in einem Reihenhaus in Pattensen. Seine Erinnerungen an den Punk sind positiv: „Plötzlich stand ich mit dieser wunderbaren Wut im Bauch auf der Bühne.“ Über den Punk fand er den Weg ins Musikgeschäft. Er promotete unter anderem Gary Moore und Iron Maiden. Als 2006 beim hannoverschen Plattenlabel SPV rationalisiert wurde, tat er das, was ihm im Blut liegt. Früher schrieb er Punk-Texte, heute ist er freier Journalist.