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Leben in Hannover Wie Hannoveranerin Tuğba Tekkal Mädchen-Fußball in den Irak holte
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Wie Hannoveranerin Tuğba Tekkal den Fußball in den Irak holte

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14:02 08.01.2022
Tolle Trikots aus Deutschland: Tuğba Tekkal mit einem kleinen Mädchen, das gleich Lust hatte, als neues „Scoring Girl“ mitzukicken.
Tolle Trikots aus Deutschland: Tuğba Tekkal mit einem kleinen Mädchen, das gleich Lust hatte, als neues „Scoring Girl“ mitzukicken. Quelle: lukandsimon
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Hannover

Sie ist schon oft gereist: als Kind mit den Eltern und Geschwistern in den Urlaub, als Profi-Fußballerin mit ihren Vereinen, als Unternehmerin. Vor gut fünf Wochen hat Tuğba Tekkal (36) eine ganz besondere Reise angetreten – in mehrfacher Hinsicht. So viel vorweg: Der Trip wird nicht nur ihr nachhaltig in Erinnerung bleiben.

„Ich hatte das Gefühl, ich bin zu Hause – obwohl ich 4000 Kilometer entfernt gewesen bin“, erzählt die gebürtige Hannoveranerin von dem Aufenthalt im Irak. „Allein die ganze Zeit in meiner Muttersprache zu sprechen. Normalerweise spreche ich Kurdisch nur zu Hause, sobald ich die Tür hinter mir schließe, sonst Deutsch.“ Tekkal ist Tochter kurdisch-jesidischer Einwanderer, machte Karriere als Profifußballerin beim 1. FC Köln, ist Trägerin des „German Diversity Award“.

Im Gespräch: Tuğba Tekkal erzählt im Irak von ihren Erfahrungen, Träume zu verwirklichen. Quelle: lukandsimon

2016 gründete sie das Projekt „Scoring Girls“, das Mädchen aus Flüchtlingsfamilien und mit sozial schwachem Hintergrund die Chance bietet, Fußball zu spielen. In Köln gibt es zwei Gruppen, in Berlin drei. Jetzt die internationale Expansion in den Irak. Der Verein ihrer Schwester Düzen Tekkal (43), „Háwar help“, hat mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung dort im kurdischen Teil des Landes das Frauenzentrum „Back to life“ aufgebaut, nebenan ist nun ein Sportplatz entstanden.

Kicken mit Kindern: Mitten in der irakischen Wüste, der Ort ist aus Sicherheitsgründen geheim, ist ein Fußballplatz für das Projekt „Scoring Girls“ von Initiatorin Tuğba Tekkal entstanden. Quelle: lukandsimon

„Gleich am ersten Tag waren bestimmt 30 Mädchen dort und haben gekickt“, erzählt die 36-Jährige, die jede Menge knallorange Trikots mit im Gepäck hatte. „Das sah wunderschön aus, sie darin spielen zu sehen. Mitten in der Wüste, zwischen den Bergen. Ein Bild für die Götter.“ Die Kinder leben mit ihren Eltern in einem Camp, sind dorthin geflüchtet, nachdem der IS die Stadt Shingal im Jahr 2014 überfallen hatte. Ziel der Terrormiliz: die jesidische Minderheit auslöschen.

„Trotz allem haben sie so viel Energie und Lebensfreude, wollen Ärztinnen, Richterinnen oder Ingenieurinnen werden“, berichtet Tekkal. Was wollten die Mädels von ihr wissen? „Wo in Deutschland ich lebe, wo die Wurzeln meiner Eltern sind, was genau wir machen. Und ob ich wirklich gut Fußball spielen kann.“ Und, was hat sie ihnen gesagt? „Dass ich die Beste bin“, so die Sportlerin lachend. „Sie waren megastolz, dass ein jesidisches Mädchen in der deutschen Bundesliga gespielt hat.“

Stark am Ball: Tuğba Tekkal (links) im Zweikampf mit Bryana McCarthy (BV Cloppenburg) im Jahr 2016 während eines Testspiels. Quelle: Imago

Womöglich hat sich so ein weiterer Berufswunsch bei einigen manifestiert, nämlich der einer Fußballerin. Tekkal: „Ich habe den Mädchen mitgegeben, dass es immer Menschen geben wird, die ihnen erzählen werden, dass sie etwas nicht schaffen, weil sie es nicht können, nicht dazu in der Lage sind.“ Oder weil sie Mädchen sind. Davon kann Tuğba Tekkal auch ein Lied singen, ihre eigenen Eltern waren lange dagegen, dass ihre Tochter mit den anderen Jungs Fußball spielt. Der Rest ist Sportgeschichte: Allein beim 1. FC Köln trat sie bei 150 Spielen an, schoss 14 Tore.

Besonderer Tag: Seyhmus und seine Tochter Tuğba Tekkal verbringen „Ida Êzid“, das „Fest zu Ehren Gottes“, mit Babê Çawûş, dem geistlichen Würdenträger der Jesiden. Quelle: privat

„Ich habe ihnen gewünscht, dass sie von Menschen umgeben sind, die an sie glauben. Und dass vor allem sie selbst an sich glauben.“ An eine besonders schöne Situation, während sie mit den Mädchen sprach, erinnert sie sich genau: „Mein Vater war auf dem Gelände unterwegs, verteilte stolz Autogrammkarten von mir.“ Seyhmus Tekkal (70) hat, wie er es schon bei Tochter Düzen zuvor getan hat, nun Tuğba auf dieser Reise begleitet – für sie war es das erste Mal. Gemeinsam besuchten sie etwa Lalish, die Stätte gilt als heiliges Zentrum der Jesiden. „Ich habe meinen Vater noch besser kennengelernt, die Reise hat uns noch näher zusammengebracht.“

Sie selbst hat auch mit den Eltern in dem Flüchtlingscamp gesprochen, sie bestärkt, ihre Kinder – ganz gleich ob Jungen oder Mädchen – zu bestärken. Nicht wirklich leicht, wenn man an die Umstände denkt, in denen sie aufwachsen. „Wir haben zusammen gelacht und geweint.“ Hatte Tuğba Tekkal ein schlechtes Gewissen oder gar Schuldgefühle, weil sie nach ein paar Tagen wieder ins sichere Deutschland zurückkehrte?

Momente für die Ewigkeit: Tuğba Tekkal mit jesidischen Kindern. Quelle: lukandsimon

„Es gab vielleicht Anflüge. Aber die Kids haben es geschafft, mir ein gutes Gefühl zu geben.“ Tekkal spürte Dankbarkeit, dass eine Jesidin aus Deutschland zu ihnen kommt und den Menschen vor Ort die Möglichkeit gibt, sie in unterschiedlicher Weise zu stärken. „Deshalb habe ich keine Schuldgefühle empfunden. Eher den Drang, dass die Wünsche der Kinder nicht in den Bergen verhallen, sondern noch mehr gehört werden.“

Bekannte Schirmherrin: Anne Will (links) könnte sich vorstellen, Tuğba Tekkal mal zu ihrem „Scoring Girls“-Projekt in den Irak zu begleiten. Quelle: Scoring Girls/Háwar

Im März plant sie, erneut in den Irak zu reisen, um die „Scoring Girls“-Stätte offiziell einzuweihen. Vielleicht hat sie dann sogar Anne Will (55) an ihrer Seite – sie ist Schirmherrin des Projekts. „Tuğba Tekkal einmal auf einer Reise in den Irak zu begleiten, fände ich in der Tat spannend“, sagte uns die Moderatorin. „Scoring Girls ist ein ganz besonderes Projekt und integrativ im allerbesten Sinne: Es unterstützt Mädchen aus weniger privilegierten Familien mit dem Mittel des Fußballs, um ihnen Selbstvertrauen und Stärke zu geben.“ Will findet es wunderbar, dass „die Jugendlichen sich gesehen, wertgeschätzt und als Teil eines Ganzen, einer Mannschaft, einer Gesellschaft, fühlen.“

Und wer weiß, vielleicht kickt die 55-Jährige sogar mal mit: „Beim Fußball finden Sie mich im offensiven Mittelfeld, da verteile ich dann die Bälle!“

Von Mirjana Cvjetkovic