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Leben in Hannover Wie Hannover Helge Fuhst auf seinem Lebensweg inspirierte
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Wie Hannover Helge Fuhst auf seinem Lebensweg inspirierte

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09:33 30.12.2021
Verbrachte die Weihnachtstage bei der Familie in der Heimat: Helge Fuhst unterwegs am Kröpcke.
Verbrachte die Weihnachtstage bei der Familie in der Heimat: Helge Fuhst unterwegs am Kröpcke. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Er kann sich noch genau an die vielen Stunden im ersten Cinemaxx-Kino des Landes erinnern: An der Nikolaistraße schaute Helge Fuhst (37) fasziniert die Blockbuster von Steven Spielberg (75) und Roland Emmerich (66), begab sich mit Tom Hanks (65) in „Apollo 13“ auf Weltraummission. „Die Kinobesuche werde ich nie vergessen“, sagt Fuhst heute über die Zeit ab Anfang der 1990er, „das Cinemaxx war eine Art Pilgerstätte für mich.“

Fiktive Filme versetzen ihn damals nicht nur in Traumwelten. Selbst Geschichten zu erzählen, gehört bis heute zu den größten Träumen des 37-Jährigen. Aber: Geschichten erzählt der Mann tatsächlich, „allerdings die aus dem echten Leben.“ Der Hannoveraner ist Journalist geworden, ein Nachrichtenmann durch und durch. Seine Karriere ist beeindruckend, gegenwärtig ist er Zweiter Chefredakteur von ARD aktuell, der Fernsehnachrichtenredaktion, die die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ produziert.

Smart, sympathisch, seriös: Helge Fuhst im ARD-Studio. Quelle: privat

Mit diesem Kontrastprogramm zu Spielberg und Co. hat sich Fuhst seinen zweiten großen Traum erfüllt. Und auch wenn es keine offensichtlichen Beweggründe gab, diesen Beruf zu ergreifen (Mutter und Vater sind Architekten), ergeben sich im Laufe des Gesprächs dann doch einzelne Berührungspunkte. Da gibt es zum Beispiel diese Geschichte, die ihm seine Eltern immer wieder erzählt haben: „Wir waren in einem Restaurant essen. Ich bin irgendwann herumgerannt und war weg“, erzählt Fuhst.

Der Vater entdeckte seinen Sprössling schließlich an einem anderen Tisch: Da bewarf der kleine Helge mit aus Servietten gerollten Kügelchen Gäste – es waren Gerhard Schröder (77) und seine damalige Ehefrau Hiltrud (70). „Er war zu der Zeit Ministerpräsident“, sagt Fuhst lachend. Somit inspirierte ihn seine Heimatstadt sowohl in Sachen Film als auch politisch, „wenn zunächst auch nur unbeabsichtigt.“

Hannoveraner unter sich: Helge Fuhst interviewt Ende November Annalena Baerbock während der „Tagesthemen“, heute ist die Grünen-Politikerin Außenministerin. Quelle: privat

Die finale Erkenntnis, dass er für Nachrichten und politische Zusammenhänge ein Faible hat, ließ nicht lange auf sich warten. „Ich habe während der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000 als Austauschschüler in Amerika gelebt“, erinnert er sich an seine Zeit in Manhattan im US-Bundessaat Kansas. Tolle Anekdote am Rande: Fuhst besuchte die gleiche Gastfamilie, in der seine Mutter schon in der 1960er Jahren gewesen war, „nur eben eine Generation weiter. Wir sind nun seit mehr als 50 Jahren miteinander verbunden, fühlen uns wie eine Familie.“

Fuhst studiert Geschichte und Politik in Hannover

Als er nach Deutschland zurückkehrte, hatte er nicht nur den Highschool-Abschluss in der Tasche, sondern auch die Idee im Kopf, in Amerika zu studieren „oder sogar zu leben“. Nach dem Abi in Cuxhaven – aus beruflichen Gründen war die Familie eine Zeit lang die Küste gezogen – reichte es aus finanziellen Gründen nicht für ein ganzes Studium in den Staaten, sein Vater mit 54 Jahren früh verstorben. Fuhst schrieb sich an der Leibniz-Uni für Politik und Geschichte ein.

„Für ein Semester im Ausland reichte es dann doch“, erzählt er. Und wieder scheint es kein Zufall, dass es ausgerechnet 2008 wurde: das Jahr, in dem Barack Obama (60) um den Einzug in Weiße Haus kämpfte, als erster afroamerikanischer Mensch. „Es war ein historischer Wahlkampf und der erste richtig digitale“, erinnert sich Fuhst an seine Zeit in Washington, er schrieb sich für Journalismus ein. Zeitgleich heuerte er als Hospitant beim TV-Sender NBC an.

Journalist trifft Clinton und Co.

„Dort habe ich viel gelernt“, resümiert Fuhst. Die Verantwortlichen haben ihn komplett eingebunden, er sondierte Themen, recherchierte, bereitet Interviews vor. Und ist wahnsinnig spannenden Leuten begegnet: Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton (74, „eine beeindruckende Frau“), dem späteren Präsidenten Obama, dessen Parteikollegen John McCain (†81, „ein hoch anständiger, respektierter Republikaner“). „Diese Leute sind ein- und ausgegangen.“

Helge Fuhst

*2. März 1984 in Hannover. Die Familie lebt bis zu seiner Einschulung in der List, zieht dann ins Heideviertel. Lange Jahre ist er in der Nikodemus-Gemeinde aktiv, „vom Kinderchor bis Kirchenband“. Er spielt Klavier, Keyboard und Klarinette. Bis zum Umzug nach Cuxhaven besucht er die Sophienschule. Nach dem Abi Zivildienst in einem Kurheim an der Küste. Er studiert in Hannover Geschichte und Politik, macht Karriere beim NDR, wird in jungen Jahren Führungskraft. Seit seinem Amerikaaufenthalt als Teenie ist er USA-Fan. Bei den „Tagesthemen“ entwickelte er das Format „Tagesthemen mittendrin“, „eine Rubrik mit ausgeruhten Reportagen“. 2021 zeigt das Format gut 200 Reportagen, unter anderem einen Spieltag von Hannover 96. Fuhst ist verheiratet und lebt mit seinem Mann im Hamburger Stadtteil St. Georg. www.helgefuhst.de

Aus dem halben Jahr USA-Aufenthalt wurden anderthalb Jahre. Denn: Fuhst fasste im ARD-Studio Fuß, wurde nach einem vierwöchigen Praktikum als Producer für den deutschen Sender eingestellt. Woher wusste er eigentlich, dass er das Nachrichtengeschäft über das Fernsehen vermitteln will? Er lacht. „Schon als Kind habe ich mit meinem Vater Nachrichten gespielt. Zunächst haben wir nur ins Mikro gesprochen, später auch in eine Videokamera.“

Stationen im Radio und Print-Redaktionen hat er aber auch absolviert: Bei Antenne Niedersachsen hat er reingeschnuppert, bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ Artikel über den Kostümverkauf bei den Lindener Narren, einen Neujahrsempfang des Stadtbezirkrates Mitte und die Bücherei der Vahrenwalder Lukaskirche geschrieben.

Zurück aus Washington ging es karrieretechnisch Schlag auf Schlag weiter: Er beendete sein Studium, fing als freier Mitarbeiter beim NDR an, absolvierte dort sein Volontariat. Fuhst wurde bei ARD aktuell Redakteur, setzte für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ Akzente, wechselte für knapp zweieinhalb Jahre zum WDR nach Köln. Als stellvertretender Leiter der Intendanz lernte er viel übers Management, wirkte an Strukturveränderungen mit, wurde in strategische Entwicklungen einbezogen.

Herbst 2021: Mit seinem jüngeren Bruder Arne besucht Helge Fuhst die Nikodemus-Gemeinde im Heideviertel. Dort war Fuhst viele Jahre aktiv. Quelle: privat

„Ich liebe es, wenn ich neben der aktuellen Berichterstattung gestalten kann“, beschreibt er seine Leidenschaft im Job. Und offenbar kam diese Kombination aus Medienmann und Manager gut an, während seines vierjährigen Ausflugs zum Fernsehsender Phoenix war er sogar eine Zeit lang Senderchef. Ist er denn ein guter Boss? Immerhin führt er als Zweiter Chefredakteur 170 feste Mitarbeiter und viele Freie.

„Ich möchte ein Teil der Sendung sein“

Ihm wird nachgesagt, „dass ich mich auch bremsen muss, Dinge nicht zu schnell zu verändern. Bisherige Veränderungen haben im Team aber gut funktioniert. Ich beteilige Leute an Prozessen, bin Optimist und man merkt mir an, dass ich Lust auf meine Arbeit habe.“ Die macht er hin und wieder – so wie gestern Abend und heute ab 22.45 Uhr wieder – auch vor der Kamera. „Ich recherchiere und schreibe nicht nur, sondern moderiere auch gerne, bin auch so Teil der Sendung.“

Auf Weihnachtsbesuch in der Heimat: Kurz vor der Abfahrt nach Hamburg trifft Helge Fuhst NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic. Quelle: Nancy Heusel

Fast 30-mal hat er über den Bildschirm zu Millionen von „Tagesthemen“-Zuschauern gesprochen, spektakuläre Versprecher waren noch nicht dabei. „Selbst wenn, wäre es nicht schlimm. Man muss dann nur wissen, wie man damit umgeht.“ Aus seiner Familie hätte übrigens niemand gedacht, dass er mal so exponiert vor die Kamera tritt. „Als Kind war ich sehr schüchtern, wurde in der ersten Klasse so heftig gehänselt, dass ich die Klasse wechseln musste.“ Seiner damaligen Lehrerin ist er immer noch dankbar, dass sie ihn gestärkt und den anderen die Leviten gelesen hat.

Welche Nachrichten würde er eigentlich nach der Corona-Pandemie gerne verlesen? „Dass die Gesellschaft sich nach all dieser Zeit ausgesprochen und die Gräben überwunden hat.“ Da würden wir auch sofort einschalten!

Von Mirjana Cvjetkovic