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Leben in Hannover Was Myriam Witt auf dem Rücken von Pferden erlebt
Hannover Leben in Hannover

Was Notfallärztin Myriam Witt bei Ausritten erlebt

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09:00 23.09.2021
Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde: Dieser Spruch könnte von Myriam Witt stammen. Hier schmust sie mit ihrem Pferd Leiftri.
Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde: Dieser Spruch könnte von Myriam Witt stammen. Hier schmust sie mit ihrem Pferd Leiftri. Quelle: privat
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Hannover

Am Tag vor dem Interview mit der NP war Myriam Witt (49) ganz normal im Dienst, wurde unter anderem zu einer Messerstecherei gerufen. Sie versorgte die Wunden der beiden beteiligten Personen, so wie sie es immer tut, wenn sie als Notärztin im Einsatz ist. „Man muss zu 100 Prozent da sein, die Ruhe behalten, vorausschauend sein und in Notfallsituationen alles tun, damit die Lage beherrschbar wird“, antwortet sie mit einer großer Ruhe auf die Frage, wie aufregend der Beruf ist.

Wie es mit der Belastung? „Ich habe trotzdem Spaß an dem Job“, versichert sie, „außerdem hält es sich ganz gut die Waage. Es gibt nämlich auch furchtbar viele lustige und herzliche Sachen, die passieren.“ Und dann erzählt die 49-Jährige eine dieser Geschichten.

Liebt Natur und Tier: Myriam Witt ist in ihrer Freizeit viel auf dem Pferd unterwegs. Hier ist sie mit Leiftri in der Kirchdorfer Heide. Quelle: privat

Weil eine ältere Frau in einem Café plötzlich Probleme mit zu hohem Blutdruck bekam, wurde der Notruf abgesetzt, Witt war kurz darauf vor Ort. „Eine Spritze kommt nicht in Frage“, stellte die betagte Dame gleich klar. Na gut, dachte sich Witt, es gibt ja ein blutdrucksenkendes Medikament, das unter die Zunge getropft wird. Als sie das Fläschchen mit dieser knallrosa-orangefarbenen Flüssigkeit aus dem Notfallkoffer holte, meldete sich die Frau wieder zu Wort: „Nee, nee. Das nehme ich nicht, das ist giftig. Nehmen Sie es doch selbst.“

Notfallmedizinerin fällt bei Einsatz selbst in Ohnmacht

Witt nahm die Frau beim Wort. Und muss schmunzeln, wenn sie an die Situation denkt: Sie wollte einen Tropfen des Medikaments auf und nicht unter die Zunge träufeln, wo der Wirkstoff superschnell in den Blutkreislauf gelangt. „Aber die Verschlusskappe öffnete sich zu weit, das Medikament floss unter meine Zunge – ich wurde ohnmächtig und fiel um.“ Das nächste, woran sie sich erinnern konnte, war, dass ihr Kollege ihre Beine hochhielt, damit ihr Kreislauf wieder in Schwung kam. Die Patientin schaute siegessicher drein und sagte „Siehste, Mädchen.“

Auf geht’s: Als sie zu ihrem Wanderritt aufbricht, verabschiedet sich Myriam Witt winkend von ihrem Mann. Quelle: privat

Geschichten mit einer besonderen Ruhe erzählen, das kann Myriam Witt. Die gebürtige Hannoveranerin hat sogar ein Buch geschrieben, „Unterwegs mit Leiftri“ (Ellert&Richter, 208 Seiten, 16,95 Euro). Darin erzählt die 49-Jährige von einem mehrtägigen Wanderritt auf einem Isländer durch ihre Wahlheimat, den Landkreis Diepholz. Dort lebt sie etwa zehn Kilometer südlich von Syke entfernt mit ihrem Mann Eike (54) auf einem Resthof, zwei Hunde, Hühner und zwei Pferde inklusive.

Freundin bestärkt sie, ein weiteres Buch zu schreiben

„Meine Freundin Sigrun bat mich, ihr ausführlich von dem Ausritt zu erzählen. Also habe ich angefangen, die Erlebnisse aufzuschreiben.“ Witt ließ ihren Gedanken freien Lauf, berichtete, wie sie auf dem Rücken ihres Pferdes die Natur erlebte, wie sie mit dem Tier kommunizierte, wie es ist, gemeinsam auf Reise fernab des alltäglichen (Großstadt-)Trubels zu gehen. „Nachdem es 100 Seiten geworden waren, sagte meine Freundin: ,Jetzt kannst du auch ein Buch schreiben’“. Erfahrungen hatte Witt, mit „Wie mein Vater starb“ hatte sie schon eins verfasst – allerdings ein ganz anderer Stoff, es geht um Sterbehilfe und ärztliche Begleitung.

Myriam Witt

*7. April 1972 in Hannover. Sie wächst die ersten drei Jahre in Misburg auf, dann zieht die Familie nach Letter (Seelze). Sie besucht das Georg-Büchner-Gymnasium, schwänzt in der zehnten Klasse den Unterricht, erforscht lieber in den Leineauen Tiere – und schreibt trotzdem Einsen. Sie springt in Jahrgang zwölf („eine lustige Zeit“), sie ist Nesthäkchen und Klassenbeste. Sie studiert Physik, promoviert am Max-Planck-Institut in München, studiert parallel Medizin. 1998 forscht sie an der Medizinischen Hochschule Hannover als Physikerin in der Neuroradiologie, folgt später ihrem Mann nach Bremen ins Klinikum Links der Weser. Eigentlich will sie in die Nuklearmedizin, landet aber in der Notfallmedizin, wo sie bis heute tätig ist. Witt hält außerdem Vorlesungen in Physik. Mit ihrem Mann Eike (54) ist sie seit 24 Jahren verheiratet.

In welchem Regal man ihr Pferde-Buch im Laden findet? Sie überlegt, merkt an, dass der Stoff nicht massentauglich, sondern nachdenklich sei. „Reiseerzählungen“, entscheidet sie dann. Unterwegs habe sie vor allem eins getan: „Mit allen Sinnen aufgenommen. Ich habe die Augen aufgemacht, etwas erlebt, mir Gedanken über gewisse Dinge gemacht.“ Zum Beispiel über den Zustand unserer Natur: „Es gab Abschnitte, in denen mir kein Hase, keine Insekten begegnet sind.“ Es erschüttert sie, „in welchem Tempo wir die Umwelt zerstören. Diversität findet in der Natur kaum mehr statt. Ich weiß nicht, ob man so eine Reise in 20 Jahren so noch machen kann. Ich befürchte dann noch mehr Straßen und noch mehr Monotonie in der Landschaft.“

Myriam Witt: „Unterwegs mit Leiftri“, Ellert & Richter, 208 Seiten, 16,95 Euro. Quelle: Verlag

Sie schwört auf ein langsameres, bewussteres Leben, „die Befriedigung kommt aus der eigenen Gelassenheit“. Die ihr übrigens dann auch im Job hilft. „Wenn man die Dinge entspannt nimmt, geht es leichter im Leben“, hat sie festgestellt. „Professionalität ist nichts anderes, als Dinge so zu tun, dass sie leicht wirken – auch wenn sie es nicht sind. Je mehr man ruht in dem, was man macht, desto fester sitzt man im Sattel.“

Ihr erstes Pferd: Myriam Witt mit Malousch. Quelle: privat

Wobei wir wieder beim Reiten wären. Das war Myriam Witt anfangs überhaupt nicht geheuer. Sie und ihr Mann hatten einer alten Frau mit ihrem Reitstall geholfen. Ihr Mann wagte es schließlich. „Er stieg so glückstrahlend ab, dass klar war, er will jetzt reiten.“ Den Unterricht hat er mittels einer Zehnerkarte für Kinder dann auch bekommen. Sie selbst ist es anders angegangen und mit einem Pferd, einem dänischen Knabstrupper namens Malousch („es sah aus wie der Kleine Onkel von Pippi Langstrumpf“), zunächst nur an der Leine spazieren gegangen, mal eine halbe, mal eine Dreiviertelstunde.

„Irgendwann bin ich draufgeklettert“, sagt sie und lacht. „Es war für ihn okay und ich hatte auch keine Angst mehr.“ Ohne Sattel auf einem nicht eingerittenen Pferd! „Wir haben ungewöhnlich angefangen. Aber mit dem richtigen Vertrauensverhältnis geht es eben.“ Das passt zu einem Satz, den sie zuvor in einem anderen Zusammenhang geäußert hat: „Es ist bezeichnend, was man zurückbekommt, wenn man Dingen Platz lässt.“

Da hatte Witt von ihrer Hecke erzählt, die sie 2018 gepflanzt hat: Drumherum tummelten sich plötzlich Schmetterlinge – „nicht ein paar, sondern Massen“. Außerdem kamen auf ihrem Hof Schlehen, Hasel- und Walnuss. Sich mehr der Natur bewusst machen, dafür plädiert sie.

Witt verzichtet auf Flüge, außer im Rettungshubschrauber

Sie selbst ist Vegetarierin („vegan lebe ich nicht, ohne Sahne und Käse macht es mir keinen Spaß“) geworden, verzichtet auf Flugreisen („außer den Hubschrauber im Dienst“), ist im Wesentlichen mit dem Pony unterwegs, außer es geht nach Dänemark oder Mecklenburg-Vorpommern in den Urlaub. Klamotten kauft sie seit zehn Jahren nur noch gebraucht, ein gebrauchter Sattel und Zaumzeug aus zweiter oder dritter Hand entpuppte sich ebenfalls als praktisch – „weil alle harten Stellen dann weich sind“.

Gehören ihr: Myriam Witt hat einen Hahn sowie Hühner – „ein Vertreter der alten selten gewordenen Rasse Vorwerkhuhn“. Quelle: privat

Und die eigenen Hühner sorgen nicht nur für die Eier im Hause Witt, sondern auch für das nächste Buch – „es ist eine Abenteuergeschichte über Hühner. Ich habe ihr Leben während Corona ausspioniert“.

Von Mirjana Cvjetkovic