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Leben in Hannover „Vom Skaten fürs Leben lernen“
Hannover Leben in Hannover „Vom Skaten fürs Leben lernen“
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22:22 13.08.2012
Von Jörg Meyer
REBELLEN AUF ROLLBRETTERN: In „This Ain’t California“ sind viele Originalaufnahmen aus der DDR der 80er Jahre zu sehen.
REBELLEN AUF ROLLBRETTERN: In „This Ain’t California“ sind viele Originalaufnahmen aus der DDR der 80er Jahre zu sehen.
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Hannover

Haben Sie die Skater-Szene in Ihrer alten Heimat Hannover mitgeprägt?

Das würde ich nicht sagen. Aber ich war dabei. „Flitz Sport“ in der List, die rote Metall-Halfpipe in Linden, der Opernplatz, auf dem man als Skater von Skins und von türkischen Gangs verkloppt wurde. Der komplett selbstgebaute Skate-Park in Neustadt am Rübenberge und natürlich meine Homies in Ricklingen, Wettbergen und auf dem Mühlenberg. Hannover war schon immer eine Skater-Stadt - damals übrigens auch für Rollerskating! Ich finde ja, man kann vom Skaten viel fürs Leben und für die Arbeit lernen: riskieren. Auf die Klappe fallen. Aufstehen. Weiter.

„This Ain’t California“ dreht sich um die Skater-Kultur in der DDR der 80er Jahre - was ist das Besondere an diesem Thema?

Es ist fast ein Understatement, wenn man Skateboarding einen Sport für freiheitsliebende Menschen nennt. Man braucht weder Trainer noch Anleitungen oder Regeln. Es gibt keinen eigentlichen Gewinner und Verlierer. Skaten fördert Kreativität und ist zutiefst egozentrisch. Sport war aber in der DDR Chefsache - und mit der Idee des Gewinnens, des Medaillensammelns verbunden. Obendrein ist es ein Lebensstil, der auch für die USA stand, den Klassenfeind.

Rebellische Skater und die kommunistische DDR. Wie hat das funktioniert?

Skater sind oft keine politischen Menschen, sondern eher Hedonisten. Aber gerade das Fehlen einer ideologischen Dimension beim Skaten war der Obrigkeit suspekt. Dieser Flug unterm Radar muss ein Rausch gewesen sein. Man konnte als Ost-Skater immer sagen: „Ich mach doch gar nix!“ Und im Inneren wusste man, dass man dem gesamten System auf der Nase herumtanzt.

Was ist Ihnen besonders wichtig beim Filmemachen?

Gefühle. Mein Film soll dem Zuschauer einen emotionalen Einblick geben in das Gefühl, jung zu sein. Der erste Kuss, die ersten Abenteuer auf dem warmen Beton im Sommer. Ich wünsche mir, dass das Genre Doku-Film seinen Weg ins Kino findet. Aber Kino ist und bleibt die Maschine der Träume. Ich habe versucht, eine wahre Geschichte mit Zeitzeugen zu erzählen und gleichzeitig in eine Traumwelt zu entführen. Dazu habe ich handgezeichnete Animationen benutzt. Außerdem gibt es TV-Szenen, Aufnahmen von Heimfilmern, Interviews, Zeitlupenaufnahmen,komische Sequenzen und sehr traurige. Eine chaotische Mischung. Aber ist das nicht genau das Gefühl des Jungseins?

England, Brasilien, Spanien, Philippinen, Elfenbeinküste. Sie waren 13 Jahre lang ein Weltenbummler ...

Ich habe Deutschland Mitte der 90er verlassen. Da haben hier noch Asylbewerberheime gebrannt und die Wende war gerade erst überwunden. 2006 war ich zur Fußball-WM etwas länger wieder da und habe festgestellt, wie gut es Deutschland getan hat, wieder zusammenzuwachsen, wie gerne ich die Deutschen habe. Ich hatte unheimlich Lust, diese neuen Gefühle in einen Film zu packen: „This Ain’t California“. Übrigens: Auch Westdeutschland ist nicht Kalifornien. Oh Mann, warum regnet es hier so viel?

Wie geht es beruflich weiter? Gibt es weitere Projekte?

Ich habe Blut geleckt. Es ist ein Rausch, das Publikum aus dem Kino kommen zu sehen, teilweise verheult, oft ganz still und geläutert. Ich werde im Herbst für eine Weile in den Staaten sein und nur schreiben und recherchieren.Vielleicht kann es einfach weitergehen mit dem Filmemachen. Es wäre ein Traum.