Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Leben in Hannover Darum will Tiktok-Star Spyridon Baskas nach Tschernobyl
Hannover Leben in Hannover

Tschernobyl-Plan der Tiktok-Stars Spybas, Wissensbert, Baggeler

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:28 25.08.2021
Der zerstörte Reaktorblock 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl – Spyridon Baskas aus Hannover will den Ort des Atomunfalls besuchen.
Der zerstörte Reaktorblock 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl – Spyridon Baskas aus Hannover will den Ort des Atomunfalls besuchen. Quelle: DB/Wilde
Anzeige
Hannover

Spyridon Baskas (29) war noch nicht geboren, als am 26. April 1986 der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl (Ukraine) explodierte. Die Folgen des Unfalls sind bis heute verheerend – auch 35 Jahre danach ist die Region ein Sperrgebiet, der wenige Kilometer entfernte Ort Prybjat ist eine Geisterstadt. „Andere Influencer fahren nach Mallorca“, scherzt Baskas, den 700.000 Follower bei Tiktok als „Spybas“ kennen. Im NP-Gespräch rückt er aber auch gleich gerade, dass er „kein klassischer Influencer“ sei. „Ich will Wissen vermitteln.“

Der Mann mit Basecap und Dreitagebart ist Wissenschaftler, hat einen Bachelor in Material- und Nanochemie. „Ich war schon als Kind wissbegierig“, erinnert er sich an Nachmittage in der Stadtteilbibliothek mit „Was ist was“-Büchern. „Ich wollte wissen, wie die Welt funktioniert. Um mit Chemie dringt man bis zum Kern der Dinge vor.“

Nach dem „Chemie-Burnout“ widmet er sich Social Media

Sein Plan war eigentlich eine akademische Laufbahn. Doch die warf er nach dem Wechsel ins Masterstudium Allgemeine Chemie über den Haufen. „Ich habe mit dem System gehadert, es ist nur an Ergebnissen orientiert. Ich wollte forschen, die Menschheit voranbringen“, erklärt der 29-Jährige seinen „Chemie-Burnout“. Um die Lockdown-Langeweile im Herbst zu bekämpfen, hat er sich in ein anderes Thema hineingefuchst: Social Media.

Neues aus der Gastro-Szene

Die Neuigkeiten rund um Hannovers Gastronomie-Szene jeden Donnerstag gegen 12 Uhr in Ihrem E-Mail-Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Auch das ging er analytisch und wissenschaftlich an, allerdings zunächst mit „lustigen Sachen“, wie er selber sagt. Seine Tiktok-Figur „Spybas“ bezeichnet er als „Ehrenalbaner“ – Baskas ist in Griechenland geboren, wuchs aber bei den Großeltern in der Nähe von Tirana auf, seine Mutter hat albanische Wurzeln, der Vater gehört zu einer griechischen Minderheit in Süd-Albanien. Mit fünf kam er zu den Eltern, die damals bereits in Hannover lebten. „In Kleefeld – nördlich vom Philosophenviertel, also auf der raueren Seite.“

Auf Tiktok und Instagram hat sich Spyridon Baskas als „Spybas“ mit Chemie-Experimenten einen Namen gemacht. Quelle: Philip Loeper

„Spybas“ machte klassische Social-Media-Späße, meisterte Challenges mit anderen Tiktokern, baute eine Fangemeinde auf, erzählte Geschichten aus seinem bewegten Leben. „Aber mein Herz schlägt eben doch für Chemie“, sagt er über die Rückbesinnung im Frühjahr 2021. In kleinen Videos erklärt er seitdem, wie Luminol Wasser in der Dunkelheit zum Leuchten bringt oder wie man mit dem flüssigen Metall Gallium eine Aluminiumdose auflöst.

Baskas analysiert Klickzahlen, um Tiktok zu verstehen

Mit Erfolg. Die Fangemeinde wächst, auch weil Baskas ein klares Ziel vor Augen hatte: „Viral gehen. Ich habe Excel-Tabellen mit Klickzahlen und Watchtimes angelegt, wollte den Algorithmus verstehen und herausfinden, was die Leute sehen wollen.“ Seit einigen Monaten wird er von einer Agentur vertreten, verdient zwischendurch auch etwas Geld mit Produkten („unglaubliche Summen für 20 Sekunden“), steht aber auch immer noch hinter dem Tresen des englischen Pubs „Shakespeare“ von Bernd Rodewald (56) im Gutenberghof und zapft Bier. Warum? „Weil das Spaß macht.“

Bodenständig: Seit 2017 zapft Spyridon Baskas Bier im „Pub „Shakespeare“. Obwohl er inzwischen ein Star auf Tiktok ist. Quelle: Frank Wilde

Das ist bei seiner Reise nach Tschernobyl nicht unbedingt zu erwarten. Auf das Thema stieß Baskas selber beim Scrollen auf Social-Media-Plattformen. „Es gibt Videos von geführten Reisen in das Gebiet.“ Er befragte seine deutschen Schwiegereltern nach ihren Erinnerungen an die dramatischen Wochen im Jahr 1986, las sich in das Thema ein. Und beschloss: „Ich will das mit eigenen Augen sehen.“

Im Studium hat „Spybas“ mit Gammastrahlen gearbeitet

Einfach wird das nicht, die immer noch strahlenbelastete Region wird streng vom Militär überwacht, die Sicherheitsauflagen sind groß. „Wir haben einen Tourguide, der weiß, wo die Cäsium-Belastung zu hoch ist“, berichtet der 29-Jährige von den Vorbereitungen. Um die Gefahren weiß er, im Studium hat er mit Kobalt und Gammastrahlen gearbeitet – „aber immer mit fünf Metern Blei dazwischen“, gibt er zu.

Neues aus dem NP-Newsroom

Unsere Übersicht zu den wichtigsten Nachrichten aus Hannover täglich gegen 13 Uhr in Ihrem E-Mail-Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Baskas Frau Julia (29) wird angesichts solcher Risiken nicht bange. „Ich mache mir schon Gedanken“, sagt sie, „aber ich freue mich für ihn, dass er seine Leidenschaft gefunden hat. Und ich sehe sein Ziel – Spyridon will Wissen weitergeben.“ Mit dem Projekt könnte er 3,5 Millionen Menschen erreichen, denn die Reise nach Tschernobyl startet er mit zwei anderen Social-Media-Stars.

Glaubt an sein Ziel: Julia Baskas unterstützt ihren Mann Spyridon bei seinen Plänen. Quelle: Frank Wilde

An Baskas Seite wird „Wissensbert“ sein – dahinter steckt der Heidelberger Robert Döring, mit 1,4 Millionen Followern der größte deutsche Tiktok-„Creator“ im Bereich Populärwissenschaft. Der zweite Mann an Baskas Seite ist Fabian Baggeler, der ebenfalls 1,5 Millionen Fans hat. „Wir sind drei verschiedene Charaktere“, erklärt Baskas. Entsprechend sei die Rollenverteilung. „Ich bin der Storyteller, Bert ist für Fakten und Hintergrundinfos zuständig – und Fabian für den Abenteuerteil.“

Was das bedeutet, hat der Hannoveraner erst vor kurzem am eigenen Leib erfahren: Für eine Challenge reiste er mit Baggeler spontan nach Dublin, beide sollten innerhalb von 24 Stunden möglichst wenig Geld ausgeben. Baskas folgte auf der Suche nach einer Gratis-Übernachtung vermeintlich netten Typen – „großer Fehler“, wie er im Nachhinein feststellte. Denn die Situation wurde bedrohlich. Baskas Erkenntnis, die auch von offiziellen Zahlen gestützt wird: „Dublin ist eine der gefährlichsten Städte Europas.“

Mit seiner Tschernobyl-Reise will Spyridon Baskas zwar „über Grenzen gehen“. Der Gefahr ist er sich aber bewusst, im Ankündigungsvideo (das bereit mehr als eine Million Mal geklickt wurde) zeigt er auch dramatische Ausschnitte aus Nachrichtensendungen aus dem Jahr 1986. Der 29-Jährige versichert: „Ich werde nicht blauäugig an die Geschichte rangehen.“  

Tschernobyl: Eine nukleare Katastrophe mit internationalen Folgen

Am 26. April 1986 kam es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zum bisher schwersten Unfall in der Geschichte der Kernenergie. Aufgrund von menschlichem Versagen und technischen Fehlern wurde das Unvorstellbare möglich: Zwei Explosionen zerstörten den Reaktor Vier des Kernkraftwerks und schleuderten radioaktives Material in die Atmosphäre.

Die Radioaktive Wolken verseuchte weite Teile Russlands, Weißrusslands und der Ukraine und zog bis nach Mitteleuropa und bis zum Nordkap. In Schweden wurde die Katastrophe erstmals mit Messgeräten festgestellt.

Um das Ausmaß der Katastrophe einzudämmen, musste der Reaktor gelöscht werden. Tausende Arbeiter, Soldaten, Feuerwehrmänner und Bürger arbeiteten unter extremer Strahlenbelastung und versuchten die Nuklearkatastrophe zu bekämpfen – ohne zu wissen in welcher Lebensgefahr sie sich durch die unvorstellbar hohe Strahlendosis am Reaktor befanden.

135.000 Menschen wurden von den Behörden insgesamt umgesiedelt. Weitere 300.000 schlossen sich an. Alleine in der Stadt Prypjat lebten fast 50.000 Menschen – Die nur wenige Kilometer vom Unglücksort entfernte Stadt ist heute eine Geisterstadt. Noch heute leiden die Menschen in den betroffenen Regionen in der Ukraine und in Weißrussland an den Folgen der radioaktiven Verseuchung.

In 2015 wurde eine neue Schutzhülle gebaut, die auch in den kommenden 100 Jahren Schutz vor der weiteren Verbreitung ionisierter Strahlung und verbotenem Eindringen sicherstellen soll.

Von Andrea Tratner

Spiele-Tipps von Stefan Gohlisch - Wie gut sind die neuen Spiele mit Marvel-Superhelden?
25.08.2021
25.08.2021