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Leben in Hannover Tine Wittler über Schönheitsideale
Hannover Leben in Hannover Tine Wittler über Schönheitsideale
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12:44 31.10.2013
Von Stefan Gohlisch
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Hannover

Sie wurden mal gefragt, ob Sie sich die Nachfolge von Michelle Hunziker bei „Wetten, dass ...?“ vorstellen könnten. Sie sagten, dass sich dazu die Sehgewohnheiten stark ändern müssten. Neue Assistentin wurde dann Cindy aus Marzahn. Haben sich die Sehgewohnheiten geändert?

Nein. Man muss sehen, wie die Rolle von Cindy besetzt ist. Runde Frauen „dürfen“ in Deutschland durchaus Comedy machen - was natürlich auch eine Weise ist, mit seiner Figur umzugehen.

Wo ist das Problem?

Es ist hauptsächlich eines der Frauen. Mir liegt es fern zu sagen, dass allein die Männer schuld sind oder die Medien oder der subtile gesellschaftliche Druck, der in Sachen Schönheitsideal ausgeübt wird. Es ist wichtig, dass wir Frauen es überhaupt erst einmal registrieren, wenn Druck ausgeübt wird, und dem unsere geistige Kraft entgegensetzen. Denn nur wir können die Spielregeln ändern.

Warum haben die meisten Männer nicht so ein Problem mit ihrem Äußeren?

Das ist historisch gewachsen. Frauen waren lange immer auf ihre äußere Schönheit angewiesen, um etwas zu erreichen. Das ist in gewissem Maße ja bis heute so: Äußere Schönheit ist für eine Frau eine Möglichkeit, ihren Status zu verbessern - wie umgekehrt Männer als machtvoll und angesehen gelten, wenn sie eine schöne, meist jüngere Frau an ihrer Seite haben.

Frauen wie Madonna gönnen sich jüngere Liebhaber ...

Ja. Und die Reaktion ist ein Aufschrei. Wenn eine Frau anders mit diesem Thema umgeht, dann bröckelt es in der Gesellschaft - übrigens nicht nur bei Männern, sondern gerade auch bei den anderen Frauen. Das ist der Mechanismus. Und das war der Ansatz des Projektes „Wer schön sein will, muss reisen“: einmal den eigenen Kosmos verlassen, einen fremden Blickwinkel einnehmen.

Sie sind nach Mauretanien gereist, wo runde Frauen als besonders schön gelten.

Ja - aber eine Frau ist dort nicht nur schön, wenn sie diesem runden Ideal entspricht! Dort gilt: Du bist eine Frau, also bist du schön. Das ist ein Naturgesetz. Unser Verständnis von Schönheit ist - gerade im Gegensatz dazu - sehr formatiert.

Wie leben die Frauen dort?

Die Scharia ist Gesetz: Jede Frau hat einen Vormund. Und dennoch sind sie sehr stolze, sehr würdevolle Persönlichkeiten - auch, weil sie Methoden gefunden haben, mit dieser Unterdrückung umzugehen. In Wahrheit rocken sie das Land: Sie treiben Handel, sie bilden Netzwerke, sie sind unfassbar reflektiert. Ich war sehr beeindruckt von ihrer Diskussionsbereitschaft, von ihrer Neugierde. Da komme ich aus einem Land, in dem Frauen angeblich alle Freiheiten haben - doch die meisten sorgen sich bei uns doch nur um ihren straffen Hintern ...

Wie hat sich Ihr Blick auf sich selbst geändert?

Ich kann nur betonen: Es war kein Selbstfindungstrip.

Aber die eine oder andere Erkenntnis könnte ja Auswirkungen haben ...

Das Entscheidende ist, diese Erkenntnisse auch zu leben. Sehen Sie: Wenn Sie eine Umfrage machen, wird niemand antworten, dass er nur blonde, schlanke Frauen mag - sondern antworten: „Wahre Schönheit kommt von innen“ - und so weiter. Aber das leben wir doch nicht konsequent! Wir urteilen noch immer über Äußerlichkeiten, verurteilen und leben Vorurteile. Mich daraus zu lösen und einmal von draußen draufzuschauen, hat mir sehr geholfen. Weil ich mich daraufhin nämlich auch gefragt habe: Wer hat ein Interesse daran, dass ich mich als Frau lieber mit der nächsten Handtasche beschäftige als mit politischer Arbeit?

>> Tine Wittler: „Wer schön sein will, muss reisen“. Scherz-Verlag, 288 Seiten, 19,99 Euro. Den gleichnamigen Dokumentarfilm stellt Wittler am 6. November ab 18.30 Uhr im Kino am Raschplatz vor.