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Leben in Hannover Tietjen: „Das Herz wird ja nicht dement“
Hannover Leben in Hannover Tietjen: „Das Herz wird ja nicht dement“
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20:39 06.05.2015
Von Jörg Meyer
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Hannover

Warum dieses persönliche Buch über die Erfahrungen mit Ihrem dementen Vater?

Im Laufe der Zeit merkte ich im-mer wieder, wie viele Menschen davon betroffen sind und wie groß die Hemmungen sind, darüber zu sprechen, was einen im Umgang mit dementen Angehörigen bewegt. Der Gesprächsbedarf ist offenbar groß.

Wie haben Sie bemerkt, dass mit Ihrem Vater etwas nicht stimmt?

Als er Anfang achtzig war, fing er an, sich merkwürdig zu verhalten: Er fragte wiederholt dasselbe, hob ständig winzige Beträge vom Geldautomaten ab, kaufte Vertretern an der Haustür alles Mögliche ab. Der Keller war voll mit Wein, Äpfeln, Staubsaugern. Er hatte 19 Zeitungsabos. Mit der Zeit wurde uns klar, dass es mehr als Alterstüddeligkeit ist.

Als die Diagnose feststand, wie sind Sie damit umgegangen?

Wir mussten uns informieren. Uns ging es wie jedem, der da am Anfang steht.

Sie haben Ihren Vater dann am Ende zu sich nach Harburg geholt, ihn in einem Heim untergebracht. War das ein schwerer Entschluss?

Natürlich haben meine Schwester und ich uns viele Gedanken gemacht, aber letzten Endes war es die richtige Entscheidung. Eine 24-Stunden-Betreuung schafft auf Dauer niemand, der berufstätig ist. Ich hatte Glück, dass ich diese sehr gute Einrichtung bei mir in der Nähe gefunden habe, wo er super aufgehoben war. Das gab mir die Möglichkeit, in meiner Freizeit viele schöne Dinge mit ihm zu erleben.

Wie hat die Demenz Ihren Vater verändert?

Schrittweise. Erst war er ärgerlich darüber, dass er sich nicht mehr im Griff hatte. Dann wurde er ein sehr emotionaler Mensch, hatte plötzlich eine kindliche Freude an vielen Dingen. Das war geradezu rührend zu sehen. Wir haben ganz viel Zeit miteinander verbracht in diesen zweieinhalb Jahren. Es war viel enger als vorher, weil er so gefühlsbetont und zugewandt war.

Er verlor dann auch viele Hemmungen, oder?

Ja (lacht). Er sagte dann Sachen, die man eigentlich für sich behält.

Und was waren das für Dinge?

Sein Humor wurde derbe, er fluchte permanent - das hat er vorher nie gemacht - wie ,Scheißdreck‘, ,Leck mich doch‘ (lacht wieder). Und er war sehr direkt, um nicht zu sagen: taktlos. Zu meiner Schwester sagte er mal: ,Du bist aber fett geworden.‘ Ich habe ganz viele Verhaltensweisen an meinem Vater beobachtet, die ich gar nicht von ihm kannte. Phänomenal, was da plötzlich zum Vorschein kam.

Ist das nicht auch manchmal peinlich?

Doch, natürlich! Am Anfang total. Vor allem als er auf einmal anfing, ,Heil Hitler‘ zu sagen und in der Öffentlichkeit alte Nazi-Lieder zu singen. So eine Phase hatte er auch. Da hat er sich in den Krieg zurück bewegt. Obwohl er nie Nazi war und das mit uns Kindern schon früh thematisiert hat. Aber diese Selbstreflexion war mit der Erkrankung wie weggewischt.

Ihren Vater nicht mehr überall hin mitzunehmen, war aber keine Option?

Nein. Ich habe gelernt, es hinzunehmen, wie es ist, dass es anderen genauso geht. Und je mehr Menschen die Dementen in die Mitte der Gesellschaft mitnehmen, desto schneller gewöhnen wir uns daran. Die Toleranz muss da noch gehörig wachsen. Da hilft mein Buch hoffentlich auch. Man sollte sich nicht schämen, sondern offen darüber reden.

Ihre Erzählungen werfen auch ein anderes Licht auf die Erkrankung, in der viele Betroffene nur Negatives sehen ...

Man darf auf keinen Fall nur ha- dern und immer sagen, wie schrecklich jetzt alles ist. Das Herz wird ja nicht dement. Es bleibt derselbe Mensch, der nur eine andere Seite von sich zeigt. Er gleitet in einen anderen Be-wusstseinszustand hinüber, den Weg dorthin muss man mitgehen. Dann kann man das ganz anders erleben.

Oft wird es für Angehörige schlimm, wenn der Betroffene die Liebsten nicht mehr erkennt. War das bei Ihnen nie so?

Zum Glück nicht. Er wusste immer, dass ich Bettina bin, am Ende vielleicht nicht mehr, dass ich seine Tochter bin, aber eine enge Vertraute. Ich habe mit meinem Vater aber auch immer kleine Spielchen als Training gemacht. Wir haben Fotos angeguckt, ich habe ihn abgefragt, wer wer ist, um ihm die vertrauten Gesichter in Erinnerung zu rufen.

Gab es auch traurige Momente?

Als es ihm körperlich schlechter ging. Er bekam oft Lungenentzündungen, und das mit dem Essen funktionierte nicht mehr richtig. Das tat mir echt leid, weil er immer gerne gegessen hat. Wir haben uns dann für eine Magensonde entschieden, weil er noch Lebensfreude hatte. Danach ist er nochmal richtig aufgeblüht. Wie eine Primel, die schon fast eingegangen war, die man dann gießt und düngt.

Haben Sie selbst Angst zu erkranken?

Die ist mir genommen worden. Ich habe selten so viel Fröhlichkeit erlebt wie in diesem Demenzwohnbereich. Da kann man auch fürs Leben lernen, bestimmte Dinge auch schon vorher zuzulassen, von denen man glaubte, dass sie nicht sein dürfen.

Donnerstag lesen Sie in Hannover. Was verbindet Sie mit der Stadt?

Natürlich meine monatliche Talk-Show „Bettina und Bommes“, die wir ja auf dem Messegelände produzieren. Hannover ist besser als sein Ruf. Man kann hier sehr gut shoppen, es gibt tolle Geschäfte. Und der Maschsee ist wunderbar mit dem herrlichen Pier 51, wenn da im Sommer die Schiffchen vorbeifahren - sehr idyllisch. Was nervt: Wenn man zu später Stunde noch was essen will, ist alles zu.