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Leben in Hannover Warum Autor Hasnain Kazim das Kalifat ausruft
Hannover Leben in Hannover

So ruft Hasnain Kazim in Hannover das Kalifat aus

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08:33 15.09.2021
Smarter Typ: Politikjournalist Hasnain Kazim hat sich eine zweite Identität zugelegt, als Kalif! Und aus seiner Sicht hat er ein ziemlich lustiges Buch geschrieben.
Smarter Typ: Politikjournalist Hasnain Kazim hat sich eine zweite Identität zugelegt, als Kalif! Und aus seiner Sicht hat er ein ziemlich lustiges Buch geschrieben. Quelle: Foto: Peter Rigaud
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In seinem Beruf als Journalist sind die Themen, die er beackert, alles andere als lustig: Hasnain Kazim (46) berichtete als Auslandskorrespondent unter anderem aus Islamabad und Istanbul. Nun hat er das Thema Islamisierung komödiantisch aufgeschrieben. Ein Interview.

Herr Kazim, was ist das für ein Gefühl, schon vor Erscheinen des neuen Buchs zu wissen, es ist ein „Bestseller“?

Ist es das? Ich weiß es nicht. Wenn, hat es sicher damit zu tun, dass der Verlag und ich gewirbelt haben. Kürzlich wurde es in der Sendung von Markus Lanz erwähnt, das bringt auch etwas. Zu bedeuten hat all das zunächst nichts, es freut mich aber. Wichtig ist, dass Leute das Buch lesen, man möchte ja Inhalte transportieren. Und jeder Autor, jede Autorin, möchte gelesen werden.

Hätten Sie mit dem Ausmaß gerechnet, als Sie sich einst aus Jux selbst als Kalifen ausgerufen haben?

Überhaupt nicht, jedenfalls nicht, dass daraus mal ein Buch wird. Es hatte ja begonnen als Gag in den sozialen Medien.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe mich 2015 furchtbar aufgeregt über die Pegida-Aufmärsche: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Ja, klar haben wir in manchen Teilen der Welt Probleme mit der Islamisierung. Da, wo nicht zwischen Religion und Staat getrennt und Religion missbraucht wird. Ganz aktuell sehen wir das in Afghanistan, wo sich eine extremistische Gruppe an die Macht katapultiert hat. Aber wo wir definitiv kein Problem mit der Islamisierung haben, ist in Sachsen! In Kandahar, Kabul und Kunduz gegen Islamisierung zu demonstrieren, das wäre mutig gewesen. Aber doch nicht in Dresden, das ist beknackt!

Und dann?

Ich habe mir gedacht: Wenn die schon gegen ein Phantom demonstrieren und dastehen wie die Deppen, möchte ich ihnen wenigstens einen Grund bieten zu demonstrieren und gebe ihnen Islamisierung. Ich werde Kalif von Deutschland! Ich islamisiere das Land und rufe in der Semperoper das Kalifat aus!

Hasnain Kazim: „Mein Kalifat“, 288 Seiten, 13 Euro. Quelle: Random House

Was glauben Sie: Warum fürchten Menschen hierzulande Menschen aus anderen Ländern, Nationen, Religionen so sehr?

Ich glaube, Menschen haben erst einmal grundsätzlich Angst vor Fremdem, das ist überall auf der Welt so. Da ist plötzlich ein neuer Laden, man bekommt dort andere Sachen, die Leute sprechen eine andere Sprache, glauben an etwas anderes. Und dann sieht man auch noch die ganzen bösen Bilder vom Islamischen Staat, wo die Taliban mit Pickups umherfahren und Leute geköpft werden. Schließlich spielt die menschliche Psyche verrückt und sagt einem: Das passiert jetzt auch alles bei uns!

Also ist es zunächst die Angst vor der Veränderung?

Grundsätzlich sind Ängste in Ordnung, sie sind menschlich und gehören zum Leben dazu. Auch die Angst vor Veränderung, denn Veränderung kann schließlich auch schlecht sein. Allerdings ist Veränderung etwas, das immer stattfindet. Leben ist nun mal Veränderung. Ziel von Veränderung muss sein, selbst zu gestalten. Aber das tun diese Leute nicht. Der Politik werfen sie vor, es nicht in ihrem Sinne zu tun. Eines verkennen diese Leute aber offensichtlich: Demokratie lebt vom Mitmachen. Es ist auch nicht damit getan, dass man alle vier Jahre einmal wählt. Vor allem nicht, wenn man so unzufrieden ist. Aber das einzige, was diese Leute tun, ist auf alberne Weise zu demonstrieren und ihren Hass ins Internet zu kübeln. Viele Menschen, befürchte ich, haben verlernt, sich vernünftig zu artikulieren.

Wie meinen Sie das?

Einfach miteinander zu reden. Nicht wissenschaftlich abgehoben, elitär oder so, sondern einfach anständig. Es ist ja in Ordnung, Unbehagen zu empfinden, wenn man Menschen um sich hat, die anders reden, anders glauben, anderes Essen essen, das auch noch fremd riecht. Aber diese Leute skandieren: „Absaufen, absaufen, absaufen!“ Vor laufenden Kameras. Das geht nicht! Wenn Ängste da sind, muss daran gearbeitet werden, wie man sie beseitigen und Probleme lösen kann.

Wie?

Man muss mit den Leuten reden und sagen: So geht es schon mal nicht! Wir können gerne über Probleme reden, aber so wird nicht mit- und übereinander geredet. Wir dürfen dieses Menschenverachtende nicht normalisieren. Es gibt nämlich bestimmte Dinge, die demokratisch nicht verhandelbar sind. Wir sagen nicht, dass wir jemandem den Tod wünschen, wir schicken niemanden zum Ertrinken aufs Mittelmeer zurück, wünschen niemanden „in die Gaskammer“, wie mir regelmäßig geschrieben wird. Es macht mir größte Sorge, dass wir anfangen, diesen Ton zu normalisieren und zu akzeptieren.

Anfang September Im ZDF: Gastgeber Markus Lanz (links) mit seinen Talkgästen (von links) Gerhart Baum, Karin Prien, Hasnain Kazim und Ahmad Mansour. Quelle: Screenshot ZDF

Was hat dazu beigetragen?

Da kommen mehrere Dinge zusammen. Zum einen das Internet, wo zu wenig eingeschritten wird, wo solche Dinge konsequenzlos geäußert werden können niemand zur Rechenschaft gezogen wird. Ich persönlich zeige Leute an, die mir so etwas schreiben und sorge dafür, dass sie eine fette Geldstrafe zahlen müssen. Das ist mühsam und schwierig und müsste vom Verfahren her einfacher werden, aber wir müssen diese Grenzverschiebung stoppen. Zum anderen die Tatsache, dass immer mehr Menschen in mächtigen Positionen so reden. Wir hatten mit Donald Trump einen großen Hate-Speech-Verbreiter im mächtigsten Amt der Welt. Wir erleben solche Politiker überall auf der Welt, von den Philippinen bis nach Brasilien und überall in Europa. Man hat das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Viele Menschen sagen: Wenn die so reden, dürfen wir das auch!

Es ist kurz vor der Wahl: Welche Partei ist dabei, am deutlichsten für ein gutes Miteinander zu sorgen?

Schwer zu sagen. Letztlich: keine. Besonders viel Hass und Hetze kommt von Rechts. Es sind Worte, die letztlich zu Taten führen, wenn wir an Halle, Hanau, Walter Lübcke denken. Aber auch in der politischen Linken, bei der Linkspartei und bei den Grünen, reden manche Leute, wenn man anderer Meinung ist, auf eine Art und Weise, die ich bedenklich finde. Andererseits kann ich in jeder demokratischen Partei, also nicht in der AfD, jemanden nennen, über den ich sagen kann: Das ist ein anständiger Mensch, der sich für ein besseres Miteinander einsetzt.

Hasnain Kazim

*19. Oktober 1974 in Oldenburg. Er ist Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer, sein Vater Seemann, die Mutter Dolmetscherin. Er hat eine Schwester und wächst in Hollern-Twielenfleth im Alten Land und in Stade auf, macht dort am Vincent-Lübeck-Gymnasium das Abitur, studiert an der Universität der Bundeswehr in Hamburg Politik, wird im Anschluss Marineoffizier. 1998 tritt er bei der Landtagswahl in Niedersachsen für die FDP an, verlässt die Partei zwei Monate nach der Wahl, um sich dem Schreiben zu widmen. Beim „Stader Tageblatt“ wird er freier Mitarbeiter, volontiert bei der „Heilbronner Stimme“ und schreibt für die Nachrichtenagentur dpa. In der Zeit von 2004 bis 2019 ist Kazim für den „Spiegel“ und „Spiegel Online“ tätig, lebt und arbeitet in Pakistan und der Türkei. Unter anderem erhält er den „CNN Journalist Award“. Heute lebt Kazim mit seiner Frau in Wien, arbeitet frei, unter anderem für „Die Zeit“. Er veröffentlicht mehrere Bücher, unter anderem „Auf sie mit Gebrüll!“, „Grünkohl und Curry“, „Plötzlich Pakistan“. In „Post von Karlheinz“ versammelt er Dialoge, die er mit wütenden Lesern geführt hat. www.hasnainkazim.com

Sie haben schon in mehreren anderen Ländern gelebt, unter anderem in Pakistan und der Türkei. Wie ist man Ihnen dort in der Gesellschaft begegnet?

Sehr unterschiedlich. In Pakistan war ich Teil der Mehrheitsgesellschaft, rein äußerlich. Trotz meiner pakistanischen Wurzeln bin ich sprachlich aber aufgefallen, weil ich Urdu zwar fließend spreche, jedoch offensichtlich mit Akzent. Alle haben sich gewundert: Die Paschtunen dachten, ich bin Panjabi, die Panjabi dachten, ich bin Sindhi und die haben wieder gedacht: „Aha, der muss Paschtune sein!“ Alle wussten wegen meiner Sprache: So richtig ist der nicht von hier. Aber was ich bin, konnten sie auch nicht genau sagen. Interessanter war eher, dass meine Frau plötzlich in der Minderheit war und eine positive Diskriminierung erfahren hat.

Wie denn das?

Sie ist weiß und blond, stand also im Fokus. Sie wurde immer vorgelassen, es hieß dann: „Oh, eine Ausländerin, wir müssen sie besonders gut behandeln!“ Die Menschen waren irgendwie stolz, dass sie im Land war. Als sie feststellten, dass sie dort lebt, und sahen, dass sie Salwar Kameez trägt, pakistanische Kleidung, fanden sie das ganz toll.

Wegen Kritik am Erdoğan-Regime wird er bedroht

Anders war es in der Türkei, oder?

Dort hatten wir es nicht so leicht. Es war klar, dass wir keine Türken sind. Ich wurde viel kritisiert und habe Drohungen bekommen, wann immer ich Erdoğan oder die Regierung kritisiert habe. Ein Stück weit kam dann noch Enttäuschung dazu. Sie dachten nämlich: Er ist doch Pakistaner und kein richtiger Deutscher! Und vom Namen her muss er doch ein Muslim sein! Der muss uns doch verstehen und gut finden, was Erdoğan macht! Als ihnen klar wurde, dass ich gar kein Muslim bin, glich es Verrat. Interessant, was Nationalismus gepaart mit lslamismus bewirkt.

Heute leben Sie in Wien. Wie kommen Sie dort als Deutscher mit Migrationshintergrund klar?

Ich provoziere und irritiere gerne. Zu einer FPÖ-Veranstaltung habe ich mich mal nicht mit Namen, sondern nur als „Spiegel“-Redakteur angemeldet. Die Pressesprecherin sagte dann, man warte noch auf den Herrn vom „Spiegel“. Als ich mich meldete und sagte, ich wär’ doch schon da… Dieser Blick! Einfach nur köstlich! Ansonsten ist die Gesellschaft in Wien einerseits sehr multikulturell, andererseits aber auch sehr konservativ. Als jemand mit offensichtlichem Migrationshintergrund habe ich in Österreich aber nie offenen Hass erlebt. Andererseits sagt dort der Bundeskanzler offen und schamlos, dass Afghanen grundsätzlich schwerer zu integrieren seien. Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist.

Kalif an der Elbe: Hasnain Kazim kürzlich kurz vor einer Lesung. Quelle: Twitter/Hasnain Kazim

Und wie finden Sie Hannover?

Ich bin in Stade und im Alten Land groß geworden, insofern ist Hannover ja meine Landeshauptstadt, war mir aber lange Zeit unbekannt. Als Stader war die große weite Welt immer Hamburg, weil es einfach näher dran war. Hamburg war immer der Sehnsuchtsort, dort habe ich auch studiert. Wenn ich heute nach Hannover komme, bin ich davon angetan, wie hübsch die Stadt ist. Man kann an der Leine wunderbar Fahrrad fahren, ich habe meist mein Faltrad dabei und erkunde die Gegend.

Hasnain Kazim liest am 15. September um 19.30 Uhr in der Apostelkirche (Gretchenstraße 55) aus seinem Buch „Mein Kalifat“. Karten kosten zehn Euro und sind bei Leuenhagen & Paris an der Lister Meile erhältlich.

Von Mirjana Cvjetkovic