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Leben in Hannover Sibylle Brunner: "Ich bin noch eine von den Alten"
Hannover Leben in Hannover Sibylle Brunner: "Ich bin noch eine von den Alten"
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18:17 06.05.2014
Von Stefan Gohlisch
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Sie haben in einem Alter, wo andere Menschen in Rente sind, Ihre erste Kinohauptrolle gespielt. Wie kam das?
Ich habe früher durchaus kleinere Filme gemacht, für das Fernsehen zum Beispiel. Aber meist habe ich schlicht keine Zeit gehabt. Ich hatte doch meine Engagements. Und ich habe zwei Kinder großgezogen. Es hat einfach nicht gepasst.

Prompt haben Sie jetzt einen Filmpreis gewonnen. Was ist das für ein Gefühl? Besser spät als nie?
Ein bisschen schon, ja. Wobei ich nie groß an Preisen interessiert war. Ich habe, wenn die Rede darauf kam, immer gesagt: „Nun lasst mich doch in Frieden. Ich weiß gar nicht, was das für ein Preis ist.“ Aber es war schon wie ein kleiner warmer Regen von oben.

Immerhin hat man Ihnen keinen Newcomer-Preis verliehen.
Ja, genau, so ungefähr (lacht).

Was hat Sie an der Rolle der Rosie überzeugt?
Natürlich das Drehbuch! Mich interessierte diese Geschichte. Wie geht man in einer Kleinstadt mit Homosexualität um? Rosie ist in dieser Beziehung tolerant. Im Film erfahren wir, warum.

Aber sie schleppt dennoch eine Lebenslüge mit sich herum, von der niemand sonst etwas weiß: nämlich dass Ihr Mann schwule Gefühle hatte.
Darüber sprach man nicht, das war einfach ein Tabu! Deshalb meine ich: Redet miteinander! Das finde ich total wichtig.

Ist das eine Generationenfrage?
Das weiß ich nicht. Ich bin doch eine von den Alten, und ich würde es ganz anders machen. In meiner Familie würde man miteinander reden. Moment (hüstelt). Ich habe gerade eine geraucht; das ist etwas, was ich mit der Rosie gemeinsam habe. Ansonsten gibt es nicht so viele Gemeinsamkeiten: Es ist das Rauchen, das Alter, und ab und zu trinke ich mal einen Rotwein. Ich habe das Glück, dass ich eine andere Vita habe als Rosie, aus einem anderen Stall komme und gelernt habe, ein ganz anderes Selbstbewusstsein aufzubauen.

Wie sehen Sie die Rosie? Im Film wird sie fast nur durch die anderen Personen, vor allem durch die Kinder, gespiegelt.
Im Mittelpunkt steht die Mutter. Regisseur Marcel Gisler erzählt Geschichte seiner Mutter. Darum ist es gewollt, dass man sie aus der Perspektive der Kinder sieht. Mir ist das fast ein bisschen viel, dass der Film „Rosie“ heißt. Meiner Ansicht nach ist der Sohn Lorenz die Hauptfigur. Andererseits ist es natürlich schön, weil es ein bisschen davon ablenkt, worauf es eigentlich hinausläuft.

Wie wird man dem gerecht, quasi eine reale Person zu spielen?
Ich wurde ja beim ersten Casting gar nicht genommen, weil der Gisler so sehr das Bild seiner Mutter im Kopf hatte. Dann hat er sich aber „ total verknallt“, wie er sagt.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter mit dem Kino?
Ich habe zwei Monate mit Fredi Murer gedreht, den Film „Jetzt oder nie“. Ein weiteres Projekt ist in Planung, auch in der Schweiz, mit der Katja Früh. Das wäre dann eine Art Trilogie - ich verkörpere immer die Mütter der Regisseure.

Was bei Ihnen dazu gekommen ist, ist als Regisseurin im Theater an der List zu arbeiten. Wie kam das?
Ich habe schon am Staatsschauspiel Rollenstudien und Inszenierungen mit Laien gemacht. Das hat mir viel Spaß gemacht. Irgendwann habe ich am Theater an der List als Schauspielerin gastiert und bin gebeten worden, auch auf die Inszenierung mit draufzuschauen. Und dann habe ich dort „Der Ministerpräsident“ gemacht, und jetzt steht „Mondscheintarif“ an..

Gibt es noch weitere Disziplinen, in denen Sie sich in den nächsten Jahren ausprobieren werden?
Nein (lacht). Obwohl: Ich würde gerne mal ein Hörbuch machen. Aber die Bühne ist immer noch toll! Irgendwann muss ich ja mal aufhören.

Müssen Sie?
Ich bin jetzt 75. Aber ich will nicht aufhören. Ich lebe alleine. Wenn ich nichts tue, langweile ich mich mit mir selber.

Zieht es Sie als gebürtige Schweizerin eigentlich in die Schweiz zurück?
Ich bin jetzt 24 Jahre in Hannover, so lange wie in keiner anderen Stadt. In Zürich habe ich als Kind 20 Jahre gelebt. Hannover ist schön, wenn man älter wird: schön flach; es geht nicht rauf und runter, wenn man mit dem Fahrrad fährt. Und die Schweiz ist mir zu teuer. Wenn ich mal nicht mehr verdiene, will ich noch gut leben können, auch mal verreisen und nicht nur im Zimmer sitzen. Ich kann ja nicht auf Hollywood warten ...