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Leben in Hannover Sebastian Hertelt rappt als STNA über Hannover
Hannover Leben in Hannover

Sebastian Hertelts Hannover-Rapsong "Roter Faden"

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07:24 27.09.2021
Der rote Faden: Sebastian Hertelt greift die Installation in Hannovers Innenstadt als Metapher für seinen Song auf.
Der rote Faden: Sebastian Hertelt greift die Installation in Hannovers Innenstadt als Metapher für seinen Song auf. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Als Sebastian Hertelt (23) seinen ersten Song schrieb, wusste er gar nicht, was er da tut. Er war 13 Jahre alt, sein Vater plötzlich verstorben. „Ich saß wie versteinert in meinem Zimmer und habe die Wand angestarrt.“ Um das Geschehene zu verarbeiten, schrieb er ein Gedicht. „Es war wie eine Therapie, ohne es zu wissen“, erinnert er sich.

„Ich denk an dich“ nannte er das Werk – ohne zu ahnen, dass daraus ein paar Jahre später sein erster Song werden würde. „Ich hatte mit Musik nie etwas zu tun. Es gab keine Musiker in meiner Familie, ich konnte nicht mal ein Instrument spielen, geschweige denn singen“, erzählt er heute und schmunzelt.

Sebastian Hertelt als kleiner Junge mit seinem Vater. Quelle: privat

In seiner Selbsttherapie beschäftigte sich der Jugendliche immer mehr mit Beats, suchte stundenlang im Internet nach Melodien, die unter das gerappte Gedicht passten. „Ein Rap-Song kam mir cooler vor als ein Gedicht“, erklärt der 23-Jährige. Mit der Veröffentlichung wollte er allerdings bis nach dem Abitur warten. „Ich wollte nicht das Gesprächsthema der Schule werden.“ Und er wollte es professionell machen, sparte jahrelang auf eine Videoproduktion und Aufnahme im Studio. „Ich wollte meinem Vater mit dem Song ein Denkmal setzen.“

2017 war es dann soweit. Mehr als 11.000 Aufrufe bekam der Titel bei Youtube, es ist der bislang erfolgreichste Song von STNA, so nennt er sich als Künstler. Hertelt hatte wohl doch ein musikalisches Talent, seinen Stil und Stimme vergleichen einige sogar mit dem Hip-Hop-Star Casper (38). „Das ist Riesenkompliment. Ich habe keine Ahnung, woher dieses vermeintliche Talent kommt“, sagt er etwas verlegen.

Sebastian Hertelt arbeitet beim Radio

Immerhin: Schreibtalent hatte er schon als Kind, heute arbeitet er als Reporter, hauptsächlich für’s Radio und am liebsten im Sportjournalismus. Zum NP-Gespräch trägt er einen Pulli desTSV Havelse. „Beim Radio wird man automatisch musikalisch, weil man den ganzen Tag Musik hört“, sagt er. „Ich versuche in meinen Songs immer musikalischer zu werden, auf den neusten Tracks singe ich sogar ein bisschen.“

Mittlerweile hat der 23-Jährige rund 20 Songs und zwei Alben veröffentlicht. Der Lieblingssong der Hannoveraner: „Roter Faden“. Auch wenn in dem ganzen Lied nicht einmal das Wort „Hannover“ vorkommt, ist es doch unverkennbar: Dieser Track ist eine Liebeserklärung von Hertelt an seine Heimatstadt.

Hier ist ein Auszug aus dem Songtext: „Manche zogen weiter und ich hab an jeder Ecke eine Erinnerung gespeichert. Ich schicke die Karte ab, schicke einen Gruß aus der Stadt mit dem See in der Mitte.“ Der aufmerksame Zuhörer erfährt auch etwas aus Hertels Biografie: „Im Capitol, wo ich zwei Jahre am Tresen stand, bis zur Parkbühne, wo ich dann mein Mädchen fand.“ Heißt: Hertelt ist vergeben. Und ist im Übrigen in der Nordstadt aufgewachsen, ehe die Familie „raus in ein Häusle“ nach Misburg zog. Heute wohnt er in der Oststadt.

Darum heißt der Hannover-Song „Roter Faden“

Warum heißt der Track eigentlich „Roter Faden“? „Ich wollte den Stadt-Song so unpathetisch wie möglich machen, deshalb ist er etwas kryptischer“, erklärt der Künstler. Als Stilelement hat er den roten Faden genutzt, der in der Innenstadt Hannovers Sehenswürdigkeiten verbindet. „Es ist wie eine persönliche Stadtführung von mir.“

All diese Orte hat Hertelt beim Videodreh abgeklappert. Spätestens im Musikclip ist nicht mehr zu übersehen, dass es sich um Hannover handelt. Er rappt vor dem Neuen Rathaus, Maschsee, der Nord/LB, den warmen Brüdern, dem Stadion. „Es war eine Überwindung, sich da hinzustellen und für die Kamera zu performen“, erinnert er sich und lacht. „Irgendwann bildete sich eine Menschentraube um uns, es fragten sich wahrscheinlich alle: Ist das ein Star oder irgendein Irrer?“

So schreibt Sebastian Hertelt seine Songtexte

Dass er verrückt ist, haben einige schon gedacht, als Hertelt seine Songs geschrieben hat. „Jeder Künstler hat ja seine eigenen Angewohnheiten, einen Text zu schreiben. Ich latsche stundenlang in der Nacht durch die Stadt“, berichtet er. „Anwohner hatten schon Angst, dass ich ein Einbrecher bin und die Häuser ausspioniere. Ich musste mal der Polizei erklären, dass ich nur einen Song schreibe. Als ich ihnen den Text gezeigt habe, mussten sie sehr schmunzeln.“

Und sein nächster Song steht auch schon in den Startlöchern. So viel dürfen wir schon verraten: 140 km/h wird er heißen– und es wird eine schnelle E-Scooter-Tour durch die Stadt werden.

Von Josina Kelz