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Leben in Hannover Schwenger: Sein Geschäft ist das Spiel seines Lebens
Hannover Leben in Hannover Schwenger: Sein Geschäft ist das Spiel seines Lebens
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00:16 03.12.2016
Von Maike Jacobs
Quelle: Frank Wilde
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Manchmal kommt Rudolf Schwenger (66) sonntags in seinen Laden, schließt nur für sich allein auf und spielt - das sind seine schönsten Stunden. Seit 36 Jahren gibt es das Spielzeuggeschäft „Fridolin’s“, zunächst lag es in der Altstadt, 1986 zog es an den Weißekreuzplatz. „Die meisten Sachen hier im Laden kaufe ich ein, weil ich sie haben will“, sagt Rudolf Schwenger und lacht. Denn der Vater zweier erwachsener Töchter und sechsfache Großvater hat nie aufgehört zu spielen: „Was hat Friedrich Schiller gesagt? Der Mensch ist nur dann Mensch, wenn er spielt“, zitiert Schwenger sein Lebensmotto.

Auch an diesem Tag wartet er gespannt auf den Paketboten, immer wieder unterbricht er das Gespräch: „Ist mein neuer Roller schon da?“, fragt er. Seine Töchter Daniela (46) und Nora (39) verdrehen schon die Augen. Der Roller, das ist ein High-Tech-Design-Elektromobil der Firma Micro im Wert von rund 1000 Euro: „Tolles Design, Super-Fahreigenschaften, faszinierende Technik - dabei kann man Akku und Motor gar nicht sehen“, schwärmt Schwenger. Seine Augen leuchten vor Begeisterung: „Den ersten habe ich in meiner Wohnung ausprobiert, aber ganz vergessen, vorher zu schauen, wie man damit bremst. So preschte der Roller prompt nach vorn, statt anzuhalten!“ Als seine Töchter das aktuelle Lieblingsteil des Vaters verkauften, war Schwenger traurig. „Ich war im Urlaub, als sie anriefen, um mir stolz vom Verkauf zu erzählen. Sie wollten auch angesichts des Preises nicht, dass ich einen neuen bestelle“, sagt der große Mann und zwinkert: „Ich habe aber trotzdem wieder einen geordert. Und wenn wir den dieses Mal nicht verkaufen, kann ich ihn ja für mich behalten!“

Das ist typisch Schwenger. Es gibt wohl kaum einen Menschen in Hannover, der sich bei Spielzeug besser auskennt als der 66-Jährige. Zumindest keinen, der mit solch einer Inbrunst und Begeisterung all die Jahre mit Spielzeug handelt. Dabei sah es am Anfang seiner beruflichen Karriere nicht so aus, als würde Schwenger den Großteil seines Lebens in einem Spielzeugparadies verbringen. Der Mann machte zunächst in der Wirtschaft Karriere, er war Manager bei AEG/Telefunken in Berlin. „Eine Freundin, die Waldorfpuppen herstellte und für Sigikid arbeitete, fragte mich eines Tages, ob ich jemanden wüsste, der einen leeren Laden in der Altstadt übernehmen wolle“, erinnert er sich. Das war Anfang der 1980er Jahre, die Altstadt damals ein aufstrebendes Geschäftsviertel. Kurzentschlossen übernahm der Vater zweier Töchter das Geschäft - die Aufgabe reizte ihn, und er wollte ohnehin mehr Zeit bei seiner Familie in Hannover verbringen. „Es war die Kinderladenzeit, am Anfang waren wir sehr dogmatisch, jedes Spielzeug musste pädagogisch wertvoll sein, durfte nur aus Holz oder anderem korrekten Material bestehen“, erinnert er sich, „auch, wenn wir heute nicht mehr so streng sind, wichtig ist uns immer noch, dass unsere Produkte fair produziert werden, dazu lebensfreundlich und gesund sind.“

Wobei manchmal auch Schwenger an seine Verständnisgrenzen stößt: „Ich hatte ein Magnetspiel mit kleinen Kugeln, sehr haptisch, man konnte Gebilde daraus formen. Ich hatte es extra in der Vitrine verschlossen und mit einem Schild versehen, dass es nur für Kinder ab 14 Jahren geeignet sei.“ Trotzdem verlangte das Gewerbeaufsichtsamt, dass er das Spiel entfernt, weil die Magnetkugeln zu gefährlich seien. „Alles ist staatlich geregelt, den Eltern wird so die Verantwortung abgenommen. Außerdem: Wie viele Kinder stecken sich jedes Jahr eine Erbse in Nase?“ Das Magnetspiel ist übrigens in seinen Privatbesitz gewechselt.

In den 36 Jahren hat Schwenger viele Spielzeuggeschäfte kommen und gehen sehen. Das Internet ist heute harte Konkurrenz: „Die Leute lassen sich bei uns beraten und bestellen dann im Internet. Manche fotografieren sogar den Strichcode vom Karton ab, das ist dreist.“

Das Internet ist ein Grund, warum es Spielwaren wie Lego oder Playmobil bei ihm nicht gibt: „Da gibt es immer einen, der günstiger ist.“ Seine Produkte findet der Experte auf Reisen im Ausland, gern stöbert er bei Hamleys in London, dem größten Spielzeugladen der Welt, oder er trifft sich mit Spielwarenhändlern auf der Spielwarenmesse in Nürnberg: „Die Messe ist viel zu groß, das schafft einer allein gar nicht. Wir kommen alle aus anderen Städten, sind seit Jahren befreundet und teilen uns immer auf. Abends treffen wir uns und präsentieren den anderen unsere Entdeckungen.“ Den großen Anbietern und Kaufhäusern eine Nase voraus sein ist für den kleinen Einzelhändler überlebenswichtig: „Wir achten genau darauf, gute Produkte zu finden, die anders sind, die es möglichst woanders nicht gibt, kein Mainstream sind.“ Denn wird Spielzeug Trend, wird es auch schnell von weiteren Anbietern günstig nachgemacht: „Dann lohnt sich meist für uns der Verkauf nicht mehr.“

Doch unter dem Strich ist sein größtes Pfund ganz sicher die eigene Begeisterung für Spielzeug. Geht man mit Schwenger durch den Laden, wird man förmlich angesteckt von seinem Enthusiasmus: „Jedes Teil im Laden ist hier, weil ich oder meine Töchter sich dafür entschieden haben! Für uns ist Spielzeug nicht irgendein Produkt - unser Herz hängt daran“, sagt Schwenger und setzt einen filigran aussehenden Miniroboter in Form einer Spinne auf den Boden. Das Plastiktier läuft los. „Wenn ich ehrlich bin, kaufe ich auch lieber Spielzeug, als dass ich es verkaufe“, sagt er und klatscht in die Hände. Da hält der Spinnenroboter an, dreht sich und läuft auf Schwenger zu. Der lacht übers ganze Gesicht und freut sich - genauso wie ein Kind.

NPVISITENKARTE

Geboren am 11. November 1950 in Hannover. Nach dem Schulabschluss an der Freiherr-von-Stein-Schule machte Rudolf Schwenger bei AEG/Telefunken Karriere. 1980 schmiss er seinen Managerjob und eröffnete in der Altstadt sein erstes Spielzeuggeschäft, seit 1986 ist er in der Lister Meile 21. Inzwischen arbeiten beide Töchter mit, und Schwenger unternimmt erste Gehversuche als Teilzeit-Rentner. Dieses Jahr hat er sich zum ersten Mal einen achtwöchigen Urlaub gegönnt. Rudolf Schwenger ist auch international als Experte für Lenkdrachen bekannt, das Drachenfest auf dem Kronsberg hat er begründet.www.fridolins-spielzeug.de