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Leben in Hannover Frauen in der Unterzahl: Eine der wenigen Rapperinnen Hannovers
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Rapperin aus Hannover: Anna Klatsche alias Anna Schwirten

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07:15 14.10.2021
Bei der Arbeit: Anna Schwirten produziert ihre Musik daheim in Vahrenwald.
Bei der Arbeit: Anna Schwirten produziert ihre Musik daheim in Vahrenwald. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Wie kommt jemand darauf, sich den Künstlernamen Anna Klatsche zu geben? „Na, weil ich einen anna Klatsche habe – und Anna mit Vornamen heiße“, lautet die simple Antwort von Hannovers Newcomer-Rapperin Anna Schwirten (30). „Sogar offiziell diagnostiziert einen anna Klatsche“, ergänzt sie und lacht.

Wobei der Hintergrund ernst ist: Die Musikerin litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung nach einem schlimmen Erlebnis, auf das sie nicht näher eingehen möchte. Darauf folgten schwere Depressionen, zwei Jahre Arbeitsunfähigkeit, Klinikaufenthalte, Therapien und viele Medikamente, „mit denen ich vollgepumpt wurde.“

Anna Schwirtens traurige Vergangenheit

Seit 2019 ist die gebürtige Nienburgerin wieder auf den Beinen – in der Zeit entdeckte sie die Rap-Musik für sich. „Ich habe schon immer Musik gemacht. Als Kind habe ich Gitarre gelernt, irgendwann habe ich im Chor gesungen, dann in der Schülerband, danach in Studi-Bands und irgendwann auf Hochzeiten.“

Von der Hochzeitssängerin zur Rapperin, was für eine Wandlung. „Stimmt, das ist in der Tat sehr gegensätzlich“, gibt Schwirten zu und lacht. Obwohl sie mit Rap besser ihre Gefühle ausdrücken kann als beim Gesang. „Der Fokus in der Rap-Fokus liegt stark auf den Texten – bei klassischen Liedern geht es eher um die Stimme und Melodie.“

Im Musikzimmer: Anna Schwirten in ihrem Heimstudio. Quelle: Frank Wilde

Das Schreiben und Aufnehmen von Rap-Songs wurde zu ihrer Therapie. Mittlerweile hat sie ein eigenes Studio in ihrer Vahrenwalder Wohnung, hier wohnt sie mit ihrer Ehefrau Melanie Schwirten (38). Die beiden sind zwei zwölf Jahren ein Paar und seit drei Jahren verheiratet, Melanie dreht die Musikvideos von Anna. Ein Zimmer ist für die Musik reserviert, hier steht sogar eine Tonkabine mit Fenster und Schwarzlicht-Beleuchtung. „Rap-Musik zu produzieren ist eine andere Nummer als klassische Musik. Da steckt sehr viel Technik hinter.“

Im September ist ihre erste EP erschienen, sie heißt „Nie kapitulieren“. Die Zeilen gehen unter die Haut. Ein Auszug: „Ich war tot. Ich war zwei Jahre mehr in irgendwelchen Krankenhäusern und Arztpraxen als bei mir zu Hause. Keiner redet über sowas, aber ich wage das jetzt mal.“ 

Eine Überwindung war es für Schwirten zweifelsohne, ihre Geschichte mit der EP öffentlich zu machen. „Ich war mir lange unsicher, ob ich mich das wirklich traue“, gibt sie zu. „Aber ich denke, es ist der richtige Weg. Es ist wichtig, dass Menschen über sowas sprechen – auch um diese Themen zu enttabuisieren.“

Vielen sei plötzlich klar geworden, warum Schwirten zwei Jahre krank geschrieben war. Doch die Reaktionen waren positiv, auch auf der Arbeit. „Ich habe großes Glück mit meinem Arbeitgeber“, sagt sie. „Aber ich würde für niemanden arbeiten, der meine Geschichte nicht akzeptieren würde.“ Die 30-Jährige hat Sozialwissenschaften studiert, heute arbeitet sie als Online-Redakteurin bei der hannnoverschen IT-Firma Lyke, die Handwerker-Software entwickelt. Das Team findet spannend, was ihre Kollegin so treibt. „Sie wollten, dass ich eine Präsentation halte und erkläre, wie so ein Rap-Song entsteht, total süß.“

Schwirten freut sich, wenn sie einen Beitrag zur Etablierung des lokalen Hip-Hops leisten kann, dafür engagiert sie sich auch mit ihrer Crew „Push It H-Town“. Sie haben unter anderem einen Youtube-Kanal und wollen hannoverschen Newcomern die Chance geben, Songs professionell aufzunehmen. Außerdem produziert Anna Klatsche monatlich eine Sendung für „City of Music Radio“, wo sie eine Stunde lang Hip-Hop spielt und etwas über die Künstler erzählt.

Dass Frauen in der Szene immer mehr Fuß fassen, freut sie. „Für mich fühlt es sich gar nicht so speziell an, als Frau zu rappen. Ich war nämlich schon immer speziell“, sagt die Frau mit der tiefen Stimme und lacht. „Und ich habe immer in männerdominierten Branchen gearbeitet. Ich war bei der Feuerwehr, habe als Security gearbeitet – ich fühle mich da wohl.“

Die Rapperin fühlt sich wohl unter Männern

Für die (noch) männerdominierte Rap-Szene ist ihr Stil auffällig musikalisch. „Ja, den Sing-Sang bekomme ich nicht ganz raus“, sagt sie und schmunzelt. „Aber ich glaube, es ist gut, dass der Gesang mit einfließt.“ Ein Vorteil, singen zu können – schließlich lassen die meisten Rapper ihre Refrains von anderen Künstlern singen.

Und: Vielleicht erleichtert das Melodische in Anna Klatsches Rap-Songs einigen den Zugang in die neue Musikwelt. „Klar, Rap-Musik ist nicht für jeden etwas. Meine Eltern können da auch nicht so viel mit anfangen“, gibt sie mit einem Zwinkern zu. „Aber sie sind froh, dass ich nicht allzu viele Kraftausdrücke benutze.“ Sie selbst hat als Konsumentin kein Problem mit Gangster-Rap. „Ich höre mittlerweile alles. Aber wenn es zu frauenfeindlich wird, bin ich raus.“

Die nächste Single ist bereits in Planung, zu Weihnachten will sie ihre EP physisch auf CD rausbringen. Wie passend, dass sie darauf rappt: „Wenn ich bis jetzt nicht aufgegeben habe, werde ich auch in Zukunft nie kapitulieren.“

Von Josina Kelz