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Leben in Hannover Ralf König über Preise und Raumstation Sehnsucht
Hannover Leben in Hannover Ralf König über Preise und Raumstation Sehnsucht
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10:04 16.05.2014
Von Stefan Gohlisch
Im NP-Interview: Ralf König.
Im NP-Interview: Ralf König. Quelle: Hergen Schimpf
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Herzlichen Glückwunsch zum Lebenswerk-Preis. Fühlen Sie sich bereit dafür?
Also, als ich den Anruf bekam, hab ich laut gelacht, ich dachte zuerst, da haben sie keinen älteren Kollegen mehr gefunden! Bisher standen mit diesem Preis ja altehrwürdige Herren auf der Erlanger Bühne, Jacques Tardi, Alberto Breccia und Lorenzo Mattotti. Aber man sagte mir, ich zeichne seit über 35 Jahren, durch meine Bücher würden viele Leute zum Comics lesen kommen und ich hätte seit Anfang der 80er einiges für die schwule Community erreicht. So gesehen fühle ich mich bereit und natürlich geehrt.

Oft werden solche Preise an Menschen verliehen, die ihr Lebenswerk schon hinter sich haben. Bei Ihnen aber hat man den Eindruck, Sie hätten noch viel vor...
Eben. Ich bin 53 und hab ständig mindestens drei Buchprojekte im Hinterkopf. Ich bin jetzt einfach mal nicht abergläubisch, dass es nach dem Preis nicht mehr dazu kommt. Man versicherte mir, dass die Jury eindeutig dafür gestimmt hat und dass ein solcher Preis ja nicht erst kurz vorm abtreten verliehen werden muss, sondern auch für eine Zwischenetappe. Nun denn. Mit 100 krieg ich ihn womöglich noch mal.

Sie sind der erste Deutsche, dem diese Ehre zuteil wird. Fallen Ihnen Kollegen ein, die den Preis auch verdient hätten?
Hansrudi Wäscher hat in Deutschland sicher ganz zu Anfang unschätzbar viel für das Medium geleistet. Er wurde kürzlich in Erlangen mit einer Ausstellung geehrt, und klar waren diese Geschichten sehr trivial und auch nicht wirklich gut gezeichnet, aber da war Leidenschaft dahinter! Als Kind hab ich Tibor und Sigurd gesammelt, es gab ja auch kaum anderes.

Und unter den Zeitgenossen?
Schwierig. Es gibt einige sehr gute Zeichner, aber die sind in der Regel noch jünger als ich. Die sollen mal noch ein bisschen den Griffel schwingen.

Jetzt ist mit „Raumstation Sehnsucht“ wieder eine fast klassische Konrad-&-Paul-Geschichte erschienen. War es an der Zeit?
Ja, es gab auch nach elf Jahren immer wieder Fragen, wann es weitergeht mit den beiden. Ich habe ab dem FAZ-Tagesstrip „Prototyp“ einen fünfjährigen Ausflug in die Religionsverwurstung gemacht, das war gut und richtig und hat mir ein ganz neues Publikum beschert, aber nun ist gut mit Gott und Heiligen. So wichtig ist mir das Thema auch wieder nicht. Konrad und Paul sind mir die vertrautesten Figuren, die leben fast von allein, ich beobachte nur. Ein großes Glück, solche Charaktere zu haben, ich denke, Charles Schulz ging es auch so mit seinen ‚Peanuts‘. Konrad sagt was, Paul antwortet, Konrad reagiert genervt, Paul setzt noch einen drauf, - das geht ganz von allein.

„Fast“ wegen der literarischen Bezüge. Zum einen gibt es da Perry Rhodan alias Barry Hoden. Haben Sie eine Beziehung zu Rhodan?
Nein, ich hab das nie gelesen, ich fand nur den Namen ‚Barry Hoden‘ sehr zu Paul passend. Aber ich mag Science Fiction und wollte das immer mal zeichnen, leider bin ich ein miserabler technischer Zeichner und sehr ungeduldig. Zeichnen muss schnell gehen, mir gehts sowieso eher um die Story, also mogel ich mich durch. Da sind irgendwelche Auto-Ersatzteile Raumschiffe oder alte Fotokopierer. Vor den Weltraum gesetzt sieht auch ein Staubsauger aus wie ein Raumschiff.

Die Science-Fiction-Geschichte wird in Form eines bebilderten Romans erzählt. Möchten Sie irgendwann einmal einen Roman schreiben?
Also, nur Text, da bin ich unsicher. Ich schreibe sehr gern und würde gern mal einen Roman oder wenigstens Kurzgeschichten wagen, aber vor lauter Comics komme ich nicht dazu. Und es wäre wahrscheinlich ernst im Ton. Lustig geht mit den Zeichnungen besser, warum sollte ich auf die Knollennasen verzichten?

Der andere literarische Bezug ist Tennessee Williams. Wie kam es dazu?
Ich war schon als Kind hypnotisiert vom verschwitzten muskulösen Marlon Brando in ‚Endstation Sehnsucht‘. Der Film funktioniert immer noch hervorragend, und ich sah irgendwann die Parallelen zu meinen Konrad und Paul-Charakteren. Die Geschwister und ein grunzgeiler Macho. Bei Williams ist Blanche natürlich eine Frau, klar, zu seiner Zeit wäre ein Film mit deutlich Schwulem nicht möglich gewesen, die Verfilmungen wurden ja auch inhaltlich grotesk verfremdet, damit keiner auf die Idee kommt, Paul Newman oder Montgomery Clift könnten da Homosexuelle spielen! Also, ich hab einfach Paul zu seiner Schwester Edeltraut geschickt in die schwülwarme Dachwohnung, und da sitzt dann dieser Kerl und grunzt.

Das Ende ist wieder recht versöhnlich. Konrad und Paul können offenbar nicht ohne einander, oder?
Es gibt viele dieser Beziehungen, man hat sich nach der anfänglichen Leidenschaft miteinander arrangiert. Dass ansonsten harmonisch funktionierende Paare sich trennen, weil es im Bett nicht mehr funkt, habe ich nie verstanden. Ich meine, es fängt im Gegenteil mit der wahren Liebe erst an, wenn das mit dem Sex vorbei ist. Allerdings muss man auch das Vertrauen in den Partner und die Freiheit haben, sich ab und zu anderswo seinen Spaß holen zu gehen, wie Paul.

Ich habe den Eindruck, dass Sie - für eine Rowohlt-Veröffentlichung - expliziter als früher zeichnen. Dürfen Sie das inzwischen?
Das wurde mir von Rowohlt nie verboten, ich weiß aber, was zum Verlag und vor allem zur Geschichte passt. Pimmel um der Pimmel willen zeichne ich eigentlich nie, es muss in der Geschichte Sinn machen, aber dann macht es mir Spaß! Mir wurde ja Mitte der 90er vom Bayerischen Landesjugendamt Pornografie und ‚Sozialethische Desorientierung‘ von Kindern und Jugendlichen vorgeworfen, aber damit blamierten sie sich selbst. Porno ist was anderes, meine Nasen sind in der Regel dicker als die Pimmel. Ok, nicht länger, aber dicker! Ich sehe mich durchaus in der Tradition der amerikanischen Undergroundcomix der siebziger Jahre, Robert Crumbs ‚Fritz the Cat‘ und so, da war schon ne Menge Sex & Drugs & Rockn‘ Roll. Ich finde die derzeitige Comicszene erstaunlich keusch.

Meinen Sie, dass Ihre Arbeit etwas an der Wahrnehmung von Schwulsein in Deutschland geändert hat?
Ich war und bin sicher ein Rädchen im Getriebe, schon weil ich mit den Comics sehr viele Leser erreiche, die sonst mit Schwulen nichts zu tun haben. Ich mache mich über Klischees lustig oder bestätige sie auch hemmungslos, wenn sie zutreffen. Da kommt mancher ins denken und zu dem Schluss, dass schwul ähnlich exotisch ist wie hetero. Und das ist doch ein politischer Effekt.

Am Beispiel Conchita Wursts sieht man, wie wenig es bedarf, dass alte Ressentiments wieder hochkochen. Was muss sich noch ändern?
Es gibt besorgniserregend mehr Gegenwind in letzter Zeit, das mit der Homo-Ehe ist wohl für viele Ewiggestrige zu viel. Es war lange uncool, was gegen Schwule zu haben, nun stellt sich son Mattusek hin und ist auch noch stolz darauf, katholisch borniert zu sein. Ich würde mir von den Medien mehr Ehrlichkeit wünschen, zum Beispiel nicht bei jeder CSD-Berichterstattung nur die bunten Transen zeigen, das gibt ein schiefes Bild. Die Realität ist so profan wie jede Fußgängerzone. Ich kenne in meinem Umfeld niemanden, der extrem rumtuckt, und ich vermute auch, diese üblichen CSD-Paradiesvögel ohne weitere Botschaft als ‚Seht, wie toll ich aussehe!‘ geben sich in ihrem normalen Leben auch nicht sehr auffällig oder revolutionär. Conchita Wurst dagegen ist das, was sie ist, und ich war neulich bei einem Georgette Dee Konzert, großartig! Es geht letztlich um Ehrlichkeit, homo hin, hetero her.