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Leben in Hannover "Punk war meine Befreiung"
Hannover Leben in Hannover "Punk war meine Befreiung"
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22:08 18.02.2015
Von Andrea Tratner
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Hannover

Ihr Büro im Design-Center an der Expo-Plaza sieht so aus, wie Martina Glomb (54) ihre Kindheit beschreibt. „Da war Chaos und Kreativität“, erinnert sie sich. Dafür ist auch Platz auf wenigen Hochschulquadratmetern: An der Schreibtischlampe hängen schrille Sonnenbrillen, am Schrank kleben Ausrisse aus Zeitschriften, Fotobände stapeln sich, dazwischen ein Lebkuchenherz mit „We love Denim“, „Die Weltgeschichte der Bekleidung“ steht neben der Biografie von David Bowie (58). Glombs früheste Kindheiterinnerung? „Ich sitze auf dem Zuschneidetisch und habe ein Stück Stoff in der Hand“, erzählt sie von der Maßschneiderei ihres Vaters in Bremen.

Sie wuchs im Stadtteil Vegesack auf - das Hafenviertel, in dem Matrosen ihren letzten Penny auf den Kopf hauten und mit leeren Taschen aufs Boot zurückkehrten. Glomb trägt an diesem Tag ihre Kindheit auf den Hüften: Auch an ihrem schwarzen Rock sind die Taschen nach außen gestülpt. Glombs Großvater war Schneider, er entwarf Kostüme für den Circus Krone. „Das war ein bisschen Tingeltangel“, scherzt die 54-Jährige. Ein kreatives, glamouröses, unkonventionelles Leben. Ihr Vater war Maßschneider, er kleidete Prominente wie Chris Howland († 85) und Rudi Carrell († 71) ein, entwarf aber auch Anzüge für Polarexpeditionen und schneiderte der kleinen Martina Herrenanzüge, einen Armeeparka oder eine Indianerhaube aus Hühnerfedern. Die Eltern starben, als Glomb neun Jahre alt war. Nach dem Abitur fing sie als Lehrling in einer eleganten Couture-Damenschneiderei an: „Das war wohl mein Versuch, an die glückliche Kindheit anzuknüpfen.“

Job und privater Stil waren in diesen Jahren zwei Welten. Wild gefärbte Haare, Mini, Netzstrümpfe, Löcher im Pulli - Glomb war Punk. „Meine Befreiung“, erzählt sie, „eine eigene Ästhetik, frei von Klischees, Mode als Kommentar auf die Welt.“ Ihre Chefin war tolerant, lehrte die Azubis aber auch Disziplin und Struktur. „Das Wichtigste in meinem Leben“, sagt Glomb rückblickend.

Nach der Ausbildung stieg sie bei „Elvis of London“ ein - eine provokative Boutique, die 1981 Shirts der völlig unbekannten Desi-gnerin Vivienne Westwood (73) verkaufte. „Schwuppdiwupp war ich Geschäftsfrau, schwuppdiwupp war ich pleite“, erzählt Glomb mit ironischem Lächeln. Damals sei sie nach Berlin getrampt, um das legendäre „i-D-Magazine“ zu kaufen: „Ich wollte sehen, was die Leute in London tragen - und habe nach Artikeln über Westwood gesucht - ich war fanatisch.“ Ihr damaliger Partner malte ein Bild von ihr und schrieb „Martina Westwood“ darunter: „Eine Prophezeiung.“

1986 dann die erste Begegnung. Die Modedesign-Studentin wollte sich in Paris in eine Show von Jean-Paul Gaultier (62) schmuggeln und sprach auf dem roten Teppich Westwood an. Die Designerin nahm Glomb mit und lobte deren Outfit (ein selbstgeschneiderter Samtmantel in Orange) - „ein Knüller in meiner Lebensgeschichte“, sagt Glomb. Jahre später, an einem Sonnabend, kam der Anruf ihrer Ex-Kommilitonin Brigitte Stepputtis (57), die damals schon bei Westwood arbeitete: „Kannst du Montag in London sein?“ Glomb konnte. Obwohl sie schon alle Scheine hatte und nur noch der Uni-Abschluss fehlte. Sie erlebte Westwoods Aufstieg hautnah mit: „Wir fingen mit einer Schreibmaschine und fünf Leuten an, heute ist das ein Imperium.“

Die Bremerin machte alles: Stoffe bestellen, Shows organisieren, an der Nähmaschine sitzen, designen. Zwischendurch zog sie ihr Diplom an der Universität durch. Zwölf Jahre war sie an der Seite der Designerin, die noch heute als „Queen of Punk“ gilt, aber längst zur „Dame“ geadelt wurde. „Ihr Stil und mein Stil sind nicht zu trennen“, sagt Glomb. 2002 trennten sich die Wege. „Es wurde viel, viel geweint und geschrien“, erinnert sie sich. Aber sie war sich sicher: „Es muss im Leben mehr als alles geben.“ Die Lehre zum Beispiel: „Wenn ich etwas sehen, höre, rieche oder fühle - dann entstehen in meinem Kopf Modebilder.“ Das will sie weitergeben.

Seit 2005 unterrichtet die Designerin an der Hochschule Hannover. Und zwar mit Leidenschaft. Sie zupft an ihrem Oberteil - „ich trage nur Kleidung, die meine Studenten entworfen haben“. Mode sei Storytelling, Designer setzten ihren Körper ein. „Alles, was mir passiert, nehme ich als modisches Ausdrucksmittel“, sagt sie entschlossen und schüttelt die kurzen Locken. Vor einigen Jahren war ihr Schädel blank, die Glatze war Folge einer Krebserkrankung. Westwood schickte damals ein Paket mit schicken Mützen. „Vivienne denkt immer an mich“, sagt Glomb. Klingt nach einer echten Freundschaft.