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Leben in Hannover Peter Maffay: "Ich bin schon crazy"
Hannover Leben in Hannover Peter Maffay: "Ich bin schon crazy"
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16:07 19.02.2014
Von Stefan Gohlisch
Peter Maffay
Peter Maffay Quelle: NANCY HEUSEL
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Nach fünf Jahren mal wieder ein neues Rockalbum. Hatte sich etwas aufgestaut, musste es raus?
Man hätte es ja auch bleiben lassen können. Aber das letzte Album dieser Art liegt ewig zurück. Zwischendurch gab es noch „Tattoos“ - alte Sünden geigenmäßig neu aufgelegt. Das war auch okay, denn damit ist die Vergangenheit jetzt abgehandelt und muss nicht mehr pausenlos wieder bemüht werden.

Gab es spezifische musikalische Vorbilder?
Die Überlegung war, zu entdecken, welche der musikalischen Fingerabdrücke von Annodazumal heute noch lebendig sind. Meine Heroes waren Cream, Eric Clapton, Ginger Baker, Jack Bruce, van Morrisson, diese Ecke.

Wie kam es zu dem Bob-Dylan-Cover „Gelobtes Land“?
Das war eher Zufall. Es gibt einen Soundtrack zu der Fernsehserie „Sons of Anarchy“. Die Band As Tall As Lions verbrät da diesen einen Song. Den habe ich gehört, fand ihn so geil und wollte ihn auch spielen.

Wussten Sie da, dass es ein Dylan-Song ist? „Girl from the North Country“ ist ja eher unbekannt.
Nein. Der Beat war fertig, wir hatten das im Kasten und mussten uns um die Rechte bemühen. Dann erfuhren wir das mit Dylan. Das hätte ein Wespennest sein können. War es aber - Gottseidank - nicht.

Musikalisch haben wir es hier also ein bisschen mit einer Rückschau zu tun. Textlich geht es entweder eher um eine Bestandsaufnahme und einen Blick in die Zukunft. Sind Sie generell eher ein rückwärts gewandter oder ein nach vorne schauender Mensch?
Ein rückwärts gewandt nach vorne schauender Mensch. Die musikalischen Erörterungen führen an den Ursprung, aber was daraus geworden ist, führt in die Zukunft. Es ging ja nicht darum, mit Gewalt etwas anderes zu machen, was es noch nie gegeben hat - das ist sowieso meistens eine Illusion. Ich wollte für mich herausfinden, wer ich bin, was ich bin, was ich will .

Ein Stück wie „Niemals wars besser“ klingt, als seien Sie mit sich absolut im Reinen. Ist das so?
Zu 80 Prozent ist es so. Zumindest musikalisch. Wenn wir es jetzt nicht wissen, dann werden wir es wahrscheinlich nie wissen.

Wie sieht es mit den Texten aus? Die schreiben Sie ja nicht selber, sie klingen aber immer sehr, sehr persönlich.
Das sind sie auch.

Wie kommt das?
Weil wir - also der Texter und ich - uns darüber unterhalten. Wenn ich Musik mache und schreibe, dann steckt ja dahinter ein Impuls. Man schreibt ja nicht eine Melodie einfach so.

Und dann gibt es eine Textidee?
Da sitzt bei mir ein junger Texter namens Nisse Ingwersen und sagt: „Tut mir leid, ich weiß nicht, wie du heißt, ich weiß nicht, wer du bist, ich habe noch nie wirklich deine Musik gehört, aber es interessiert mich. Was machen wir jetzt?“ Dann sage ich: „Wir hören ein bisschen Musik, und du sagst mir, ob dir das gefällt und ob du damit etwas anfangen kannst.“ Dann sagt der: „Okay, geht. Worum solls denn in dem Song gehen?“ Und dann erkläre ich ihm, aus welchen Stimmungen heraus etwas passiert ist. Und aus diesem Dialog heraus entsteht der Text.

Sie singen auch über Ihre Tattoos. Welche Bedeutung haben die für Sie?
Es sind immer Wegmarken meines Leben, weniger Deko. Von Zeit zu Zeit passiert etwas, von dem ich meine, es wäre von Bedeutung für mich, und dann lasse ich mich stechen.

Gibt es eines, das Sie bedauern?
Nee, es sind ja keine Damen oder so eingeritzt. Es sind Symbole, deren Bedeutung nur ich kenne, und die werde ich auch niemandem erklären.

Sie haben einen Sohn, der zehn Jahre alt ist, wenn der eines Tages ankommt und sagt: „Papa, ich will Musiker werden“ - wie reagieren Sie da?
Der macht schon Musik, er spielt ein bisschen Klavier, Gitarre will er noch nicht, das kommt aber. Ich werde ihn nicht drillen, er wird nicht müssen. Ich werde ihm aber versuchen zu übermitteln, welche schöne Qualität Musik im Leben haben kann. Ich werde ihm sagen, wenn er Musik macht, hat er immer den Arzneischrank neben sich.

Ist Musik das für Sie?
Absolut. Wenn es mir dreckig geht, höre ich Musik; wenn es mir gut geht, höre ich Musik. Jedes Mal geht es mir besser.

Versteht ihr Sohn, was Sie machen?
Ja, es ist erstaunlich, was so ein kleiner Mensch schon draufhat. Manchmal mache ich den Fehler zu sagen, dafür bist du noch nicht weit genug, das ist ein Fehler. Er überrascht mich immer wieder und zeigt mir, das ich mich täusche.

In Song „Wildnis“ heißt es: „Nur du spürst stets die Wildnis in mir“. Wie fühlt sich eine solche Wildnis an?
Ich bin so ein stiller Wilder, ich bin schon crazy. Ich muss dass nicht immer zeigen und muss auch nicht jedem mit meiner Unrast kommen. Aber sie ist da, sonst würde ich nicht so ein Leben führen.

Andere Leute in ihrem Alter denken an die Rente. Davon scheinen Sie weit entfernt zu sein.
Ich finde, Rente ist ein schlimmes Wort. Die Gesellschaft hat da etwas erfunden zum Wohle von Menschen, die sich ausruhen wollen nach einem arbeitsreichen Leben. Das ist auch gut so. Aber wenn jemand noch Hummeln im Arsch hat, warum sollte der in Rente gehen? Rock’n’Roll ist eben auch der Bruch mit dieser Konvention.

Was treibt sie an?
Neugierde. Was hat Herrn Messner angetrieben, ohne Sauerstoffgerät auf einen 8000er zu steigen? Neugierde. Geht das oder geht das nicht?

In den vergangenen Jahren engagieren Sie sich vermehrt sozial, auch in Rumänien. Wie kam das?
Das ist einfach ein Ableger, der zur Hauptstrecke geworden ist. Selbst die Musik ist inzwischen eher Mittel zum Zweck. Wobei im Moment, wegen des neuen Album, der Fokus wieder stärker auf der Musik liegt. Aber über das Jahr ist sie doch sekundär. Wichtiger ist die Stiftung.

Sie melden sich auch zu Wort, zum Beispiel in der Debatte um die angebliche Armutszuwanderung. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Diskussion ist aus meiner Sicht völlig falsch. Als erstes muss der Zynismus raus aus der Diskussion, der bringt niemandem etwas, der verschärft die Lage. Das braucht ein Herr Seehofer nicht. Es ist für mich auch schwer nachvollziehbar, wie sich jemand in dieser Position solche Äußerungen erlaubt. Natürlich gibt es welche, die werden den Schirm missbrauchen. Die werden rausholen, was geht. Dafür haben wir aber Gesetze. Und: Es gibt Völkerwanderung, seit es Menschen gibt. Wir dürfen nie vergessen, was 1945 in dem zerbombten Deutschland für Zustände geherrscht haben und wie viele hunderttausende Deutsche ihre Heimat verlassen haben, um woanders satt zu werden. Wir sind alle in Bewegung, und wer in Spanien lebt wie ich, der sieht die Boote kommen. Die Boote sind Boten des Problems, mit dem wir es zu tun haben: dass das Gefälle auf der Welt zu groß ist.

Wie sollte man diesen Menschen begegnen?
Man sollte in die Länder gehen und dort die Verhältnisse verbessern. So wie die Entwicklungshilfe das seit Jahrzehnten vorgibt. Man muss nur aufpassen, dass das Geld nicht in den verkehrten Taschen landet. Das ist in Rumänien so, in Griechenland, in Italien, ist in Spanien so, und leider - es ist wahr - es ist auch in Deutschland so. Wir haben genügend Menschen, die die Gesetze, die für alle gelten, anders auslegen.

Wie nehmen Sie die Situation in Rumänien wahr?
Ich bin zwei-, dreimal im Jahr da und lebe dann in einem Dorf, in dem der Anteil von Sinti und Roma 70, 75 Prozent beträgt. Dann muss ich und will ich mit diesen Leuten klarkommen, und das geht auch gut, wenn man die selbe Augenhöhe benutzt. Das sind Menschen. Die essen, die trinken, die lieben, wie wir. Die sind nicht anders, die haben aber eine andere Geschichte. Die haben eine Jahrhunderte anhaltende Diskriminierung ausgehalten. Man darf nicht hartherzig werden. Wenn das passiert, dann geht die Basis für einen Dialog kaputt.

Ist es die Pflicht des gut verdienenden Künstlers, sich zu engagieren?
Es ist die Pflicht jedes Einzelnen, der eine Möglichkeit dazu hat, etwas zu tun. Es ist die Pflicht eines Journalisten, eines Arztes, eines Wissenschaftlers ...

Im vergangenen Jahr gab es einen Dokumentarfilm über Sie, „Auf dem Weg zu mir“. Sind Sie angelangt?
Nein, das ist wie mit dem Horizont. Man erreicht ihn nie. Aber der Weg - hat das nicht mal jemand gesagt? - ist das Ziel.