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Leben in Hannover MHH-Oberarzt Jokuszies hat ein Händchen für Hände
Hannover Leben in Hannover

Oberarzt Andreas Jokuszies spielt in der "MHH Live Band" Schlagzeug

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10:00 25.09.2021
Hat ein Händchen für Hände: Oberarzt Andreas Jokuszies in seiner neuen Praxis im Zooviertel.
Hat ein Händchen für Hände: Oberarzt Andreas Jokuszies in seiner neuen Praxis im Zooviertel. Quelle: Ilona Hottmann
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Hannover

Wenn er von seiner Profession erzählt, dann gerät Andreas Jokuszies (55) ziemlich ins Schwärmen. Der Mann ist an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) Oberarzt der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie – alles rund um das Thema Hand hat es ihm angetan. „Sie ist ein Geniestreich der Evolution“, sinnierte er kürzlich in seiner Praxis im Zooviertel, mit der er sich gerade selbstständig gemacht hat.

Er schaut auf ein Modell, das auf seinem Schreibtisch steht. „Die Anatomie betreffend ist sie unglaublich anspruchsvoll.“ Jokuszies’ Blick richtet sich auf seine eigenen Hände: „Wir sind im 21. Jahrhundert und fliegen auf den Mars, sind jedoch noch nicht mal annähernd in der Lage, eine Hand herzustellen, die unserer gleicht.“ Klar gibt es Prothesen, aber welche, die etwa genau so zugreifen, wie es die menschliche Hand tut? Die wurde noch nicht erfunden. Es macht nun mal einen Unterschied, ob man nach einem rohen Ei greift oder einen Tennisschläger festhält.

Ein Arzt mit großer Leidenschaft: Andreas Jokuszies liebt seinen Beruf und sein Hobby, das Musizieren. Quelle: Ilona Hottmann

Die Arbeitsbereiche des 55-Jährigen sind vielseitig: Er behandelt Menschen nach Unfällen, das können Amputationen oder schwere Brandverletzungen sein, im Prinzip kommt er bei allem zum Einsatz, wo plastische Chirurgie gefragt ist. Dazu zählen übrigens auch Brustrekonstruktionen, die Behandlung von Narben, die kosmetisch oder funktionell stören, und der Botox-Piks im Gesicht für einen frischeren Look. Der Mediziner schätzt allerdings, dass er zu 70 Prozent handchirurgisch tätig ist.

Plastischer Chirurg geht Weg in die Selbstständigkeit

Seit 2002 setzt er sein Können an der MHH ein, ist dort Oberarzt. Das Arbeitstempo ist im Klinikalltag meist fremdbestimmt. Niemand weiß, wann Patienten eingeliefert werden und behandelt werden müssen. Andreas Jokuszies spürte immer mehr den Drang, seinen ganz eigenen Rhythmus in Sachen Arbeit zu finden. Nicht nur, „weil ich schon immer den Wunsch nach Selbstständigkeit hatte“. Der 55-Jährige wollte vor allem eins nicht: „Mir irgendwann mal sagen: Hätteste mal.“

Andreas Jokuszies

*16. Juni 1966 in Krefeld. Als Kind kommt er mit Kindern mit Behinderung in Berührung, da seine Mutter als Tagesmutter zwei behinderte Kinder betreut. Er absolviert eine Ausbildung zum Ergotherapeuten, holt das Abitur nach und schreibt sich mit 26 Jahren für das Medizinstudium in Bochum ein. Es folgen eine chirurgische Grundausbildung und ein halbes Jahr in der Unfallchirurgie. 2001 promoviert er, fängt ein Jahr drauf in der MHH als Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie an. Er hat den Zusatz Handchirurg. 2017 folgt die Habilitation. Jokuszies ist Träger des Edgar Ungeheuer Preises. In seiner Freizeit spielt er Schlagzeug, manchmal auch Saxofon, ist gerne draußen, fährt Rad. Er ist mit Physiotherapeutin Anne (48) verheiratet. Das Paar lebt in der Südstadt und hat zwei erwachsene Kinder, Ellen (20) und Justus (18).

Auch der Blick auf die eigene Gesundheit trug zu seiner Entscheidung bei. „Es gibt genug Beispiele von Kollegen, die selbst Patient geworden sind“. In die Karten spielte ihm zudem, dass er nie Ambitionen hatte, Chefarzt zu werden – und dass seine Frau Anne (48) in ihrer Praxis für Physiotherapie noch Platz hatte, ergänzt er lachend. Zwei Tage in der Woche arbeitet er nun an der MHH, die anderen Tage in seiner Praxis, „ich habe jetzt meinen eigenen Takt“.

In seinem Element: Andreas Jokuszies am Schlagzeug. Seitdem er elf Jahre alt ist, spielt er das Instrument. Quelle: privat

Apropos: Seitdem er elf Jahre alt ist, ist er dem Schlagzeug verfallen. „Trommeln fand ich schon immer gut, irgendwann bekam ich mein eigenes Instrument.“ Als größtes Vorbild nennt er Stewart Copeland (69), Drummer und Mitbegründer der Band Police. „Sein präzises Spiel spiegelt sich letztlich auch in der Präzision des Handchirurgen in der Diagnostik und beim Operieren wider“, spannt Jokuszies den Bogen vom Hobby zum Beruf.

In der Klinik stellte er irgendwann fest, dass nicht nur er in seiner Freizeit Musik macht. Mit dem Ergebnis, dass es seit 2009 eine Band gibt, die „Original MHH Live Band“. Jokuszies spielt Schlagzeug, außerdem sind Kollegen aus dem Bettentransport, der Zahnerhaltung, aus dem Labor, der Anästhesie dabei. Auch sein Chef, der Direktor der Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie an der MHH Peter Vogt (63), spielt mit – E-Bass.

Die „MHH Live Band“: (von links) Michael Möller (Saxofon, Anästhesie), Heiko Sorg (Trompete, Plastische Chirurgie), Rüdiger Mus (Posaune, Transportdienst), Peter Vogt (Bass, Chef Plastische Chirurgie), Alex Hanke (Gesang, Anästhesie), Andreas Jokuszies (Schlagzeug, Plastische Chirurgie) Andy Steiert (Keyboard, Plastische Chirurgie), Rainer Schreeb (Percussion, Zahnärztliche Prothetik) und Jürgen Weidemann (Gitarre, Radiologie). Quelle: privat

„Wir proben in der Hochschule, können einen Raum unter der Mensa nutzen“, erzählt der Arzt schmunzelnd. „Dort ist es schön warm, nicht ganz unwichtig für meine Finger.“ Da studieren sie dann Songs von Tom Jones (81), Simply Red, Michael Jackson (†50) und Bruno Mars (35) ein, die Kombo ist eine Coverband. Und die war europaweit schon viel zusammen unterwegs: etwa in Wien und in Graz, in München, im schottischen Edinburgh. „Wir haben eine große Fangemeinde auf Ärztekongressen“, verrät Jokuszies. Da gibt die (meist) neunköpfige Truppe ordentlich Gas, „in Bremen haben andere Hotelgäste sogar schon mal die Polizei gerufen. War wohl ein bisschen laut.“

Während der Pandemie spielte die Band ein Hofkonzert, spendete 1000 Euro an den Verein „A little help from my friends“. Auch zu Beginn von Corona hatten die Hobby-Musiker eine gute Idee: Sie haben den Song „Freedom“ von George Michael (60) teilweise umgetextet, etwa in „all we have to do know is stay at home, being on your own“. Im dazugehörigen Youtube-Video sind die musizierenden Bandmitglieder zu sehen, außerdem Fotos von vielen MHH-Kollegen während der Arbeit. Was für eine Motivation!

Im Gespräch: Andreas Jokuszies und NP-Redakteurin Mirjana Cvjetkovic. Quelle: Ilona Hottmann

Auch ein Stichwort, das gut zu Andreas Jokuszies passt. Er ist nämlich erst auf dem zweiten Bildungsweg Arzt geworden, hat zunächst eine Ausbildung zum Ergotherapeuten absolviert. „Ich war jung, 20 Jahre alt und wollte irgendwie noch mehr machen“, erinnert er sich an die Zeit als Berufsanfänger in einer kleinen Praxis in seiner Heimatstadt Krefeld. Als er die Gelegenheit hatte, einer Herz-OP beizuwohnen, „habe ich die Medizin für mich entdeckt, das Abi nachgeholt und in Bochum begonnen, zu studieren.“

Jokuszies betrachtet Patienten ganzheitlich

Dass er diesen Weg genommen hat, prägt ihn bis heute: „Ich sehe die Medizin ganz anders dadurch. Die Patienten spüren, dass ich ganzheitlich an die Thematik herangehe.“ Sich anderen Fachrichtungen nicht zu verschließen, interdisziplinär zu arbeiten, sich Zeit zu nehmen, all das ist ihm wichtig. „Die Chirurgie, also das Messer, sollte letzte Konsequenz sein.“

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Von Mirjana Cvjetkovic