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Leben in Hannover Second Hand, Drinks und DJ bei „Durch die Blume“
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Mode-Revolution: Second-Hand-Trends in Hannover

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08:00 01.10.2021
Nachhaltiger Stil: Olivia Pum und Ilker Atilgan haben „Durch die Blume“ eröffnet.
Nachhaltiger Stil: Olivia Pum und Ilker Atilgan haben „Durch die Blume“ eröffnet. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Gemütliche Loungesessel und Pflanzkisten mit grünen Gräsern vor der Tür, drinnen eine große Diskokugel, ein gut gefüllter Kühlschrank – und natürlich Kleiderständer. „Von so einem Mix habe ich immer geträumt“, sagt Ilker Atilgan (38). Zusammen mit Olivia Pum (30) hat er sich diesen Traum erfüllt: Die Freunde haben Mitte Juli „Durch die Blume“ am Schmuckplatz in Linden-Nord eröffnet. „Second Hand & Drinks“ steht groß an der Fensterfront.

Die obligatorischen Ballonseide-Joggingjacken aus den 90ern, die bei jungen Leuten derzeit angesagt sind, hängen hier. Damenbekleidung von schick bis leger, für Männer Jeans und Pullis. Olivia Pum bekennt sich klar zum Second-Hand-Prinzip: „Meine Wohnung ist fast komplett so eingerichtet“, erzählt sie. In Sachen Mode will sie weg von „günstig, schnell und viel. Wir wollen Fast Fashion aus den Köpfen der Leute bringen.“

„Die Schnitte kommen immer wieder“

Damit trifft das Duo den Puls der Zeit, gerade die jüngere Generation denkt um, will von einer Marke nicht mehr mit einem Dutzend Kollektionen im Jahr überschüttet werden. „Alte Stoffe sind besser, sie wurden oft gewaschen“, erklärt Pum einen weiteren Vorteil, „und die Schnitte kommen eh immer wieder, im Moment sind grad die 2000er angesagt.“ Manchmal ändert sich nur der Name – aus der Schlaghose wird die dann die „Flared Jeans“.

Einladend: Bei „Durch die Blume“ gibt es Mode und Drinks. Quelle: Frank Wilde

Wer gepflegte, frisch gewaschene Kleidungsstücke loswerden will: „Wir kaufen direkt an, arbeiten nicht in Kommission“, erklärt Pum das Prozedere. „Bei uns findet man Basics, und bisher haben wir den Geschmack der Kunden gut getroffen“, findet Atilgan, der Wert darauf legt, dass es auch eine Männerabteilung gibt. „Da stöbern auch die Mädels gerne, Oversize-Jacken sind ja angesagt.“

Seit 10. Juli ist das Geschäft mit dem ungewöhnlichen Namen geöffnet. Was will das Duo den Kunden „durch die Blume“ sagen? Pum schmunzelt: „Wir hatten erst einen Laden in der Blumenauer Straße im Auge, daraus wurde nichts. Wir wollten den Namen aber nicht mehr wechseln.“ Außerdem passe die Redewendung zum Konzept: Pum (sie hat zuvor Pressearbeit in Hannovers freier Theaterszene gemacht) und Atilgan geht es um mehr als Mode. „Wir wollen ungezwungene Atmosphäre schaffen, einen Abhäng-Spot“.“ Deshalb liegen auch Sitzkissen auf den Fensterbänken, große Fässer sind als Stehtische im Raum verteilt.

Kunst an den Wänden, Schminkspiegel, Accessoires: „Durch die Blume“ setzt viele Akzente. Quelle: Frank Wilde

Regelmäßig begleiten DJs das Shopping, dann glitzert die Diskokugel („die hat mit einem Meter Durchmesser millimetergenau durch die Tür gepasst“). In Kooperation mit dem Weinhandel „Dreiundreißig“ schräg gegenüber am Kötnerholzweg gab es auch schon Verkostungen. In den Pop-up-Regalen liegen derzeit „Maeshbags“ der Initiative „Unter einem Dach“, die Taschen werden von Frauen aus acht Nationen in Flüchtlingunterkünften gefertigt.

Betreiber „wollen eine gute Zeit haben“

Ausgeschenkt wird Limo, Kaffee oder Weinschorle des pfälzischen Gutes Graf von Weyher im speziellen 0,5-Liter-Glas für 4,90 Euro. „Die Drinks sollen Entschleunigung reinbringen“, sagt Atilgan. Und für die günstigen Preise hat der 38-Jährige auch eine Erklärung: „Wir wollen nicht Porsche fahren, sondern eine gute Zeit haben.“ Der Schmuckplatz, auf dem freitags ein Markt stattfindet und der mit dem beliebten Café „Corner“ und der Eisdiele „Nicezeit“ ein Gastro-Hotspot geworden ist, werde immer interessanter. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen.“

Breites Angebot: „Durch die Blume“ kauft gebrauchte Kleidung direkt auf. Quelle: Frank Wilde

Die neue Second-Sale-Kultur

„Kaufen und Besitzen ist nicht alles. Teilen, Nutzen und Wieder-in-den-Verkehr-bringen sind Spielarten des neuen Konsumierens.“ Das ist die Erkenntnis des renommierten „Zukunftsinstituts“ in Frankfurt, das Matthias Horx 1998 gegründet hat. Das sind die Indikatoren:

Die Corona-Krise hat den Trend zu „Tidyism“ verstärkt – die Menschen räumen auf. In den Lockdown-Monaten hatte man Zeit, Keller, Dachboden, den Kleiderschrank auszumisten. Für gut erhaltene, aber kaum genutzte Besitztümer suchte man in sozialen Netzwerken neue Verwendung. Der Hashtag #ditchyourstuff machte sogar in China Furore. Ebay verzeichnete rasante Anstiege bei den Kleinanzeigen.

Das Ende von Fast Fashion: Corona bremste das System mit unzähligen Kollektionen im Jahr aus, der Konsum in geschlossenen Fußgängerzonen wurde nicht eins zu eins in Online-Shopping verlagert. „Zukunftsinstitut“-Autorin Theresa Schleicher erkennt den Trend zu „achtsamen Konsum“.

Die Großen machen mit: Onlinehändler Zalando hat die Sparte „Pre-owned“ eingeführt. Mit der App Zircle hat das Unternehmen außerdem einen digitalen Marktplatz geschaffen, führt aber auch lokale Events durch – zum Beispiel am 30. Oktober ab elf Uhr im HCC (Theodor-Heuss-Platz 11). Auch Gucci und Levi’s haben Preloved-Fashion-Konzepte gestartet, H&M brachte die Plattform „Sellpy“ auch in Deutschland auf den Markt. Der Vorteil im Gegensatz zu Consumer-to-Consumer-Modellen wie bei Kleiderkreisel oder Ebay: Kunden können sich auf geprüfte Ware, Rückgaberecht oder versicherten Versand verlassen.

Der Second-Hand-Trend beschäftigt auch andere Forscher: Die Boston Consulting Group untersuchte die Beweggründe für den Kauf gebrauchter Kleidung bei Menschen in den USA, Spanien, Frankreich, Italien und Deutschland. 70 Prozent gaben an, dass sie nachhaltiger konsumieren wollen. Seit 2018 sei dieser Wert um acht Prozent gestiegen.

Diese Second-Hand-Läden gibt es in Hannover

Vallintage (Engelbosteler Damm 49) bezieht das Sortiment von professionellen Händlern in Europa. Der Name setzt sich zusammen aus „Vintage“ und dem Motto „All of a Kind“ – alle Richtungen will Inhaberin Saskia Weber auch aufgreifen. Eine Burg mit Kleiderbügel ist das Logo des Ladens, der sich über zwei Ebenen streckt und in dem immer mal wieder Events stattfinden, die auf Instagram angekündigt werden.

Saskia Weber leitet „Vallintage“ in der Nordstadt. Quelle: Christian Behrens

Die Lust auf Luxus wird bei „Vintage Queen“ (Königsstraße 54) befriedigt. Der Laden, der 2019 in der Altstadt gestartet war, führt Marken wie Prada, Louis Vuitton, Miu Miu, Armani und Chanel – und sieht auf den ersten Blick nicht aus wie eine Second-Hand-Boutique. Die Idee von Inhaberin Katja Rautenberg und ihrer Mutter Gudrun Stolte ist es, Garderoben durch exklusive Designerstücke aufzuwerten. „Im Moment haben wir viele Schätze, es ist einiges neu hereingekommen.“ Die aufgekaufte Ware sollte maximal ein bis zwei Saisons alt sein, also immer nah am Trend. Infos unter www.vintagequeen-hannover.de

Luxus pur: Gudrun Stolte (links) und Katja Rautenberg sind „Vintage Queen“. Quelle: Christian Behrens

Second-Hand-Ware, die aussieht wie „Ungetragen“: Regina Schinke, die den gleichnamigen Laden in der Egestorffstraße 11 in Linden-Mitte seit mehr als zehn Jahren leitet, stellt genau diese Ansprüche an Stücke, die bei ihr an den Kleiderbügel dürfen. „Ungetragen“ führt gängige Marken, versucht aber auch „den Geschmack der Lindenerin abzubilden“ – Schinke kauft gerne gebrauchte Kleidungstücke an, die aus den umliegenden Boutiquen des Stadtteils stammen.

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Viel zu entdecken: Sonay Hardt von „Elfie & Ignaz". Quelle: Rainer Droese

Ein Vintage-Paradies auf 800 Quadratmetern: „Elfie & Ignaz“ (Oberstraße 8) ist die Hinterhof-Entdeckung in der Nordstadt. Das kleine Schwarze oder der kuschelige Wollpulli – gibt es beides in der Auswahl, die Inhaberin Sonay Hardt zusammengestellt hat. Außerdem professionell restaurierte Stühle, Sessel, Kommoden und andere Wohn-Accessoires. „Die Wochenenden nutze ich zur Schatzsuche“, sagt Hardt, die bei Haushaltsauflösungen oder auf Flohmärkten fündig wird. Ihren Online-Shop für Mode hat sie nach Jahrzehnten geordnet – zu entdecken gibt es Stile von den 40er bis zu den 90er Jahren, Schuhe und Schmuck. Infos unter www.elfie-ignaz.de

Von Andrea Tratner