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Leben in Hannover Mit Weste und Cowboyhut: Reiten wie im Wilden Westen
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Mit Weste und Cowboyhut: Reiten wie im Wilden Westen

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08:06 22.10.2021
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Hannover

Worum geht es? Westernreiten ist eine Disziplin des Reitsports, die sich an die Arbeitsreitweise der Cowboys Nordamerikas anlehnt. Dabei wird das Pferd mit langen Zügen geritten und reagiert auf kleinste Hilfen, genauer gesagt: Impulse. Die erfolgen zum Beispiel durch Gewichtsverlagerung, per Schenkelhilfen und Zügelführung.

Die Vorbereitung: Ich habe eine Reithose an, trage ein Westerntrikot und einen Cowboyhut – das Outfit habe ich von Hillit Torres-Wengemuth geliehen bekommen. Ihr gehört auch „Belle Le Beau“, eine „Englisches Vollblut“, das sie selbst zum Westernreiten ausgebildet hat. Belle wird mit einem Westernsattel gesattelt, der etwas größer und wuchtiger ist als herkömmliche Sättel.

Das Training: Auf diese Probestunde habe ich mich richtig gefreut. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und habe mir als Kind nichts sehnlicher als ein Pferd gewünscht. Daraus wurde leider nichts, aber klassisches Reiten habe ich gelernt. Doch seit dem Abitur habe ich so gut wie nicht mehr im Sattel gesessen.

Wir starten in der Reithalle, denn es gibt einige Dinge, die ich neu von Hillit Torres-Wengemuth lernen muss. Außerdem sollen sich Belle und ich möglichst ohne Ablenkung aneinander gewöhnen. Es ist ein herrliches Gefühl, sich in den Sattel zu schwingen. Belle steht ganz ruhig da und spitzt aufmerksam die Ohren. Zuerst gehen wir Schritt, während Hillit Torres-Wengemuth eine Einführung ins Westernreiten gibt.

Die richtigen Impulse geben: Beim Westernreiten arbeitet das Pferd aktiv mit und reagiert auch auf kleine Signale. Quelle: Florian Petrow

Geritten wird mit losen Zügeln

Denn schon die Haltung der Zügel ist völlig anders: Sie sind lang, am Ende offen und hängen über Kreuz je zu einer Seite am Tier herunter. Geritten wird mit losen Zügeln und nicht, wie beim Dressurreiten, mit aufgenommen Zügeln.

Um mit dem Pferd einen Richtungswechsel beispielsweise nach rechts zu vollziehen, zieht man auch nicht wie beim Dressurreiten am rechten Zügel, sondern legt sacht den linken gegen den Hals und öffnet mit dem rechten Zügel die Seite. Gleichzeitig öffnet man etwas den rechten Schenkel – das Pferd weicht dem Druck aus und geht in die richtige Richtung. Ich probiere das aus und bin fasziniert, wie prompt Belle reagiert. Trotzdem muss ich mich sehr konzentrieren, da ich Schenkel- und Zügelhilfen einst umgekehrt gelernt habe. Außerdem reagiert Belle sehr sensibel. Sobald ich beispielsweise meinen Oberkörper kaum spürbar nach hinten verlagere, geht sie rückwärts. Beuge ich mich leicht nach vorn, wird sie schneller.

Im Quadrat: Hillit Torres-Wengemuth zeigt, wie man das Pferd auf dem Fleck dreht. Quelle: Florian Petrow

Nach ein paar Fehlkurven haben wir aber das Gefühl raus und ich darf antraben. „Jog“ heißt dazu der Befehl mit entsprechender Gewichtsverlagerung. Mein Herz hüpft vor Freude, der leichte Trab gelingt perfekt, es ist ein tolles Gefühl, so zu reiten. Ich bin sofort Fan dieser sanften, auf Vertrauen basierenden Interaktion zwischen Pferd und Reiter. Und Belle spiegelt sehr genau mein Verhalten, egal ob es etwa um Unsicherheit oder Zutrauen geht. Immer sicherer können wir die Kommandos umsetzen. Als plötzlich lautstark ein Ast auf das blecherne Dach der Reithalle knallt, zucken wir zwar kurz zusammen, bleiben aber ruhig – ich bin stolz auf uns!

Auf die Brücke: Hier kommt es auf Genauigkeit und Vertrauen an. Jacobs dirigiert Belle auf die Erhöhung und bringt sie oben zum Halten. „Wow“ heißt übrigens „Stop“. Quelle: Florian Petrow

Geschicklichkeit von Pferd und Reiter nötig

Dann dürfen wir nach draußen. Dort hat Hillit Torres-Wengemuth für uns einen Trail vorbereitet. Zuerst reitet sie ihn selbst und erklärt dabei, was wir zu tun haben, wie, wann und welche Impulse ich geben soll. Ich versuche, mir alles zu merken und werde vor Anspannung zunehmend aufgeregter. Schließlich darf ich wieder aufsitzen – es kann losgehen.

Der Trail erfordert Geschicklichkeit von Reiter und Pferd. So lenke ich Belle seitwärts über eine Stange, wir reiten über eine Holzbrücke. Direkt auf der Erhöhung soll ich Belle zum Stehen bringen. Beim ersten Mal gebe ich die Signale zu früh, Belle steht nur halb auf der Brücke. Beim zweiten Versuch halten wir oben, geschafft! Dann soll ich das Pferd in einem Viereck um 360 Grad wenden. Das ist gar nicht so leicht: Beim Drehen landet immer mal wieder ein Huf außerhalb des Vierecks und oft fallen meine Impulse auch zu stark aus, so dass Belle statt einem gleich drei Schritte rückwärts geht.

Herausforderung: Mit Belle reitet Jacobs durch ein Tor. Sie öffnet und schließt es vom Pferd aus und muss darauf achten, dass Belle beim Durchreiten die Öffnung versperrt. Quelle: Florian Petrow

Die größte Herausforderung aber ist es, mit dem Pferd an das Weidetor zu reiten, es vom Pferd aus zu öffnen, durchzureiten, ohne das Tor loszulassen und dann wieder zu schließen. Dabei soll das Pferd die Öffnung immer so mit seinem Körper verstellen, dass theoretisch keine Rinder durchlaufen könnten. Als mir das auf Anhieb zweimal hintereinander gelingt, bin ich megastolz. Und Belle, glaub ich, auch. Ihre Mohrrüben hat sie sich jedenfalls redlich verdient.

Von Maike Jacobs