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Leben in Hannover Milan Pejic: Seit 40 Jahren lebt er Integration
Hannover Leben in Hannover Milan Pejic: Seit 40 Jahren lebt er Integration
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08:43 10.02.2017
Von Mirjana Cvjetkovic
Milan Pejic ist seit 40 Jahren Erzpriester in der serbisch-orthodoxen Kirche in der List.
Milan Pejic ist seit 40 Jahren Erzpriester in der serbisch-orthodoxen Kirche in der List. Quelle: Heusel
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Hannover

An seine ersten Arbeitstage in Hannover im Dezember 1976 erinnert sich Milan Pejic (63) heute so: „Der damalige Kirchenvorstand wollte mich nicht haben. Und als ich in Hannover beim Ordnungsamt meinen Wohnsitz in Hannover anmelden wollte, ging das nicht – der Zuzug von Gastarbeitern war für eine Zeitlang gestoppt worden.“
Alles andere als ein gelungener Neustart für den damals 23-Jährigen, der von Nordrhein-Westfalen in die Landeshauptstadt gezogen war. Der Geistliche muss schmunzeln: „Aus der ersten Ablehnung ist ganz große Liebe entstanden.“ Nach zwei, drei Wochen waren damals alle Unwägbarkeiten (intern und extern) geklärt und Pejic konnte mit der Gemeindearbeit beginnen – ohne auch nur den Hauch einer Idee davon zu haben, was er 40 Jahre später alles geschaffen haben würde.

„Ich habe anfangs Gottesdienste in der Kapelle der Kreuzkirche in der Altstadt abgehalten“, erzählt Pejic. Etwa 50 Haushalte gehörten da dem serbisch-orthodoxen Glauben an, eine eigene Kirche hatten sie nicht, sie fanden Unterschlupf in dem evangelischen Gotteshaus. Gesten wie diese sollten ihm häufiger entgegengebracht werden: „Da mir die serbische Kirche kein Gehalt zahlen konnte, habe ich von der evangelischen Landeskirche
und dem katholischen Bistum jeweils 1000 Mark bekommen“, so der Geistliche, „anders hätte ich gar nicht überleben können.“

Einen Unfall im August 1977 überlebte er auf der Autobahn unverletzt – sein Ford, ein Geschenk seines Vaters, war jedoch nur noch ein Totalschaden. Wie er die Gemeinden von Fulda bis Cuxhaven und von Helmstedt bis Minden erreichen sollte (für elf Städte in diesem Bereich war er zuständig), wusste er nicht. Wieder eine Geste aus Nächstenliebe – die Landeskirche stellte ihm einen VW Passat zu Verfügung, inklusive Versicherung: „All das am serbischen Weihnachtsfest im Januar.“ Geschichten wie diese erzählt der Erzpriester viele. „Das ist Integration“, sagt er.

Und diese Lebenseinstellung behält er bis heute bei: Die Gottesdienste, die er in der in den 90er Jahren erbauten serbisch-orthodoxen Kirche in der List (er war am Bau maßgeblich beteiligt) abhält, hält er zum Teil auf Deutsch: „Es gehören ja nicht nur serbischsprachige Menschen der Gemeinde an, es kommen Deutsche, Rumänen, Russen, Bulgaren, sogar Menschen aus Afrika“, zählt er auf: „Außerdem leben mittlerweile Serben in dritter und vierter Generation hier, die nur Deutsch verstehen.“ Entscheidungen wie diese haben ihn oft auf harte Widerstände innerhalb seiner Gemeinde stoßen lassen, es gibt sogar einzelne Hardliner, die ihn deshalb als Verräter bezeichnen. Möglichen Unmut lässt sich Pejic nicht anmerken: „Ich will mich nicht abgrenzen. Mir geht es um Liebe zu Menschen, die den gleichen Glauben haben, ganz gleich, welche Sprache sie sprechen.“

Die Gesellschaft – egal, ob Politiker oder Vertreter anderer Kirchen – schätzen die Art des 63-Jährigen, deshalb hat man ihm zum Beispiel angeboten, Niedersachsens Beauftragter für orthodoxen Religionsunterricht zu werden. Nur eins der vielen Ehrenämter, die er innehat(te). Heute sind es übrigens 800 Haushalte, die seiner Gemeinde angehören, Menschen lassen sich von Pejic taufen und trauen und nehmen seine Seelsorge in Anspruch. „Ich bin stolz, eine lebendige Gemeinde aufgebaut zu haben“, sagt er rückblickend: „Und aus einem Gaststatus ist ein Dauerstatus geworden.“ Er freut sich, dass viele seiner Landsleute nun eine Perspektive haben. „Wir sind integriert. Und meine Frau Ivanka und ichsind hier so verwurzelt, dass wir bis an unser Lebensende hierbleiben wollen.“

Über Milan Pejic

* 22. Juni 1953 in Backo Petrovo Selo (Serbien). Schon als kleiner Junge spielt er Pfarrer, die Fensterbank in seinem Zimmer
ist der Altar, mit einem Wollknäuel „beweihräuchert“ er seine Umgebung. Nach der Schule besucht er ein Priesterseminar. 1973 zieht er nach Deutschland und studiert an der Uni Bonn altkatholische Theolgie. 1976 kommt er mit seiner Frau Ivanka (65) nach Hannover. Das Paar hat drei Kinder und neun Enkelkinder. Er liebt Italien und ist großer Fan von Hannover 96.