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Leben in Hannover Meniskus kaputt: Deshalb weicht Recken-Cheftrainer Christian Prokop auf das Fahrrad aus
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Meniskus kaputt: Deshalb weicht Recken-Cheftrainer Christian Prokop auf das Fahrrad aus

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06:10 05.10.2021
Kleiner Stopp am Maschsee: Recken-Cheftrainer Christian Prokop.
Kleiner Stopp am Maschsee: Recken-Cheftrainer Christian Prokop. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Premiere auf der prominenten Runde 103: Mein Gast und ich laufen nicht, wir fahren Rad. Denn mit 24 Jahren hatte Christian Prokop seine Profikarriere als Handball-Bundesligaspieler schon aufgeben müssen, weil das linke Knie nach vier Operationen nicht mehr belastbar war. Und sechs Wochen vor unserem Termin musste der TSV-Burgdorf-Cheftrainer mit dem rechten Knie unters Messer. „Kleines Fußballspielchen im Garten mit meinem Sohn. Stemmschritt, Schuss, Schmerz“, beschreibt der 42-Jährige den Unfall. Die Folge: Meniskus-Anriss plus Meniskus-Naht.

Unterwegs auf dem Rad: Reckencheftrainer Christian Prokop (links) und NP-Redakteur Christoph Dannowski. Quelle: Christian Behrens

Wie es ihm geht? „Ich kann mich ziemlich normal bewegen, aber lange Läufe gehen leider noch nicht“, erzählt Prokop. Also hat er sich für unsere Tour das Rennrad von Recken-Digitalmarketingkollegin und Ex-Nationalspielerin Franziska Müller ausgeliehen. „Ich habe mir ein cooles Trekking-Rad bestellt“, erklärt Prokop, „aber die Lieferzeit ist momentan sehr lang, ich muss noch mehrere Wochen warten.“

Los geht’s auf dem Leih-Rad durch eine Stadt, die Prokop kaum kennt, obwohl er Trainer bei Eintracht Hildesheim und dem TSV Anderten war. „Tatsächlich habe ich alles von Hildesheim aus gemacht und außer Hallen hier nicht viel gesehen. Wir haben mit der ganzen Familie deshalb gerade die große Stadtrundfahrt im Doppeldeckerbus gebucht und genossen“, sagt der gebürtige Köthener, während wir am Stadionbad vorbeirollen.

Löwenstark an der Löwenbastion: Christian Prokop schultert das Rad. Quelle: Christian Behrens

Prokop stammt aus einer sportverrückten Familie: Der Papa war Sportlehrer und Trainer, die Mama Leistungsturnerin der DDR, die Schwester Handballerin. „Bei uns endete vieles im Wettkampf. Wenn wir im Urlaub den Volleyball 287-mal hochgehalten hatten, sagte mein Vater Heinz: Da geht mehr, lasst uns die 300 versuchen“, erinnert sich Prokop und lacht. „So war ich nie wirklich zufrieden und habe gelernt, die Latte höher zu legen.“

Aufgrund seiner Größe von 1,90 Meter und seines vergleichsweisen geringen Gewichts von 84 Kilo machte das DDR-Sportsystem Prokop als Schwimm-Talent aus, später versuchte er sich im Schach und im Fußball. „Ich habe als Sechsjähriger aber lieber Gänseblümchen aus dem Rasen gepflückt als hinter dem Ball herzurennen“, beschreibt er schmunzelnd, „Fußball und ich, das geht nicht gut zusammen.“

Was für die Oberschenkelrückseite tun: Christian Prokop (links) und Christoph Dannowski dehnen ihre Beine. Quelle: Christian Behrens

Aber Handball und Prokop, „da trafen sich Spaß und Talent und dann hatte ich nach dem Abi sofort den Gedanken an Profihandball im Kopf“, betont Prokop, der als Plan B parallel zum ersten Vertrag bei Zweitligist Dessau ein Lehramtsstudium in Halle und Magdeburg begann. „Profisport und Studium in Kombination war Wahnsinn, das habe ich schnell eingesehen“, sagt Christian Prokop. Denn das hieß: Am sehr frühen Morgen aus dem Elternhaus in Köthen zum Studium nach Halle, weiter zum Studium nach Magdeburg, von dort zum Training nach Dessau und zurück nach Köthen. Den Master machte Prokop erst in Hildesheim, wo sich der Unterricht mit dem Trainerjob bei der Eintracht verbinden ließ.

Wir sind inzwischen bei der Swiss Life Hall angekommen, in der die Recken häufig trainieren. „Überhaupt“, sagt Prokop, „die Bedingungen für Profihandball sind in Hannover gut.“ 2017 wurde Prokop überraschend Bundestrainer, „wenn sich einem so eine Möglichkeit bietet, möchtest du es auch machen“. Einer schwachen EM in Kroatien folgte „eine Selbstreflexion, aus der ich sehr viel für mich gelernt habe“ und eine Heim-WM mit Platz vier, „bei der jeder gesehen hat, mit wie viel Begeisterung und Leidenschaft wir auf dem Platz gestanden haben“. Unterm Strich dieser knapp drei Jahre stehen 53 A-Länderspiele, die zweithöchste Siegquote aller bisherigen Bundestrainer (71,7 Prozent) und der Blackout beim EM-Auftakt 2020 gegen Holland, als er in der Auszeit den Namen von Recken-Nationalspieler Timo Kastening vergessen hatte. „Da kann ich heute drüber schmunzeln“, sagt Prokop und lacht, als wir auf dem Rudolf-von-Bennigsen-Ufer Fahrt aufnehmen.

Region soll sich mit Team identifizieren

Nun also die Recken mit Haut und Haaren. Prokop ist mit Ehefrau Sabrina und den beiden Kindern nach Wettbergen gezogen und will „entscheidend dazu beitragen, dass sich die Region Hannover mit unserem Team identifiziert. Ich möchte ein nahbarer, authentischer Trainer sein.“

Da trainieren sie häufig: Christian Prokop an der Swiss Life Hall. Quelle: Christian Behrens

Wir stehen wieder vor den Seeterrassen, als ich Prokop frage, warum er so gerne mal mit Hansi Flick oder Angela Merkel unterwegs wäre. Mit Bundestrainer Flick, „weil ich denke, dass wir uns vom Coaching her ähnlich sind. Eher kommunikativ als laut. Ich sehe und höre ihm gern zu“ Mit Kanzlerin Merkel, „weil ich sie bei der Heim-WM 2019 kennen lernen durfte und ich von ihrer authentischen und menschlichen Seite begeistert bin. Wir werden sie noch vermissen.“

Im Interview: NP-Marketingmann Christoph Dannowski (rechts) befragt Handball-Ass Christian Prokop. Quelle: Christian Behrens

DER FRAGEBOGEN

Was hören Sie gerne beim Laufen?

Aktuelle Charts und Podcasts in Kurzform.

Alleine oder in der Gruppe?

Fast immer alleine.

Mit wem würden Sie gerne mal unterwegs sein?

Mit dem österreichischen Tennisspieler Dominic Thiem, Fußball-Bundestrainer Hansi Flick und Kanzlerin Angela Merkel.

Wo kaufen Sie Ihr Equipment am liebsten?

Wir bekommen sehr viel Ausstattung über unseren Verein gestellt, aber ich kaufe auch schonmal in den lokalen Sportgeschäften. Hannover hat ja einige gute.

Welche sportliche Website besuchen Sie regelmäßig?

www.handball-world.de und www.die-recken.de

Wo wollen Sie unbedingt noch mal laufen?

Überall da, wo es eine 100-Meter-Bahn gibt, ich bin eher der Kurzstreckentyp und erinnere mich gerne zurück an meine Sprints zu Schulzeiten

Lernt die Stadt noch kennen: Recken-Trainer Christian Prokop am Maschsee-Nordufer. Quelle: Christian Behrens

Wo laufen Sie nie mehr?

Überall da, wo die Strecke zu lang ist. Nach meinen vielen Knie-Operationen ist läuferisch leider nicht mehr viel drin.

Gras, Sand, Asphalt, Tartanbahn oder Waldboden, welcher Untergrund gefällt Ihren Füßen am besten?

Urlaubssand.

Wie belohnen Sie sich für eine anstrengende Einheit?

Ein nettes Gläschen Wein zusammen mit meiner Frau.

Bei welchem Wetter bleiben Sie garantiert zu Hause?

Bei Regen und Sturm.

Schwächeln Sie im Winter?

Auf keinen Fall. Ich mag den Winter sehr.

Kann ein Laufband die Natur ersetzen?

Mit Sicherheit nicht, im Fitnessstudio ist es aber gut zur Erwärmung der Muskeln und Gelenke.

Können Sie einen Lauftreff empfehlen?

Leider nein, aber der Maschsee lädt doch geradezu ein, um sich zu einem gemeinsamen Läufchen zu verabreden.

Laufen nach durchzechter Nacht: Geht das?

Wer trinken kann, kann auch trainieren.

Was essen Sie vorher gerne?

Vor einer Einheit etwas Obst, gerne eine Banane oder einen knackigen Apfel.

Was haben Sie immer dabei?

Mein Handy für die Navigation, noch kenne ich in Hannover nicht jede Ecke.

Haben Sie ein laufendes Vorbild?

Alle, die auch im hohen Alter noch Sport treiben können und wollen.

Von Christoph Dannowski