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Leben in Hannover Marek Erhardts "Undercover"-Abenteuer
Hannover Leben in Hannover Marek Erhardts "Undercover"-Abenteuer
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15:42 12.04.2015
Von Andrea Tratner
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Was machen sie gerade?
Ich komme von einer Theater-Tournee, im Juli gehts nach Amerika - in New York drehe ich zusammen mit Ursula Karven den dritten Teil von „An deiner Seite“. Die Stadt ist so etwas wie meine zweite Heimat, ich habe dort Schauspiel studiert...

...weil sie kurz vor dem Abitur hingeschmissen haben!
Ich habe in meiner Schullaufbahn zweimal wiederholt. Da hatte ich dann 14 Jahre voll und dachte mir: 13 muss ich ja nur, da kann ich auch abbrechen (lacht). Im Nachhinein hat es sich gelohnt. Denn ich hatte Lehrer wie Dustin Hoffmann, das war toll. Ende der 90er war New York aber auch wahnsinnig gefährlich, es war ein Riesen-Abenteuer.

Ein anderes Abenteuer ist ihre Zeit „Undercover“ bei Zivilfahndern in Hamburg. Wie kam das?
Ich wollte für eine „Tatort“-Rolle und meine ZDF-Serie „Da kommt Kalle“ hospitieren, habe vier Nächte Zivilfahnder im Stadtteil Billstedt begleitet - das Viertel ist einerseits ein Brennpunkt mit hoher Kriminalität, aber auch ein fantastischer Stadtteil. Am Tag danach habe ich Oskar, den Chef der achtköpfigen Gruppe gefragt, ob ich ein Buch über ihre Arbeit schreiben kann.

War es schwierig, das Eis in der Ermittler-Truppe zu brechen?
Es hat bestimmt nicht geschadet, dass ich in einer der ersten Nächte stundenlang bei Minusgraden mit den Jungs in einem U-Bahntunnel gekauert habe. Wir waren auf der Spur einer Gruppe, die betrunkene Fahrgäste überfällt und ausraubt. Und ich war viel zu dünn angezogen ...

Besteht diese Arbeit vor allem aus warten, warten, warten?
Viele Aufträge sind Observationen, man sitzt im Auto, beobachtet Häuser, geht spazieren. Solche Nächte können sehr langweilig sein. Aber dann gibt es auch die „freie Jagd“. Man fährt mit Zivilfahrzeugen durch den Stadtteil - und nimmt alles mit, was die deutsche Kriminalitäts-Landschaft so zu bieten hat.

War Ihr Leben je in Gefahr?
Nein. Ich war immer gut bewacht - acht Zivilfahnder haben ja auf mich aufgepasst (lacht). Und ich habe immer schnell festgestellt, wann Situationen brenzlig wurden und habe mich zurückgezogen. Bei einer Verfolgungsjagd von Autoaufbrechern bin dann aber ausgerechnet ganz allein einem der Tatverdächtigen über den Weg gelaufen ...

Hat Ihre Schauspielkunst in manchen Momenten geholfen?
Zivilfahnder müssen täglich in neue Rollen schlüpfen. Wir haben mal einen bewaffneten Räuber verfolgt, der in einem Park verschwand. Ich war mit einer Kollegin unterwegs, als er uns entgegenkam. Am Zugriff sollte ich natürlich nicht teilnehmen, also haben wir ein Liebespaar gespielt und uns umarmt. Hundert Meter weiter ist er gestoppt worden.

Welche Eigenschaften braucht ein guter Zielfahnder?
Geduld - wenn man monatelang auf der Lauer liegt, um einen Brandstifter zu fassen, der Autos abfackelt. Viel Humor - ich habe unglaubliche Ausreden von Tatverdächtigen gehört (lacht). Ein dickes Fell - was man erlebt, darf man nicht mit nach Hause schleppen. Deshalb sitzt die Truppe nach der Schicht oft noch auf einem Kaffee zusammen und spricht die Erlebnisse durch - zum Teil mit viel Galgenhumor.

Was hat sich für Ihr Leben geändert?
Ich habe in Abgründe geblickt. Seitdem kann nicht mehr in Ruhe spazieren gehen, ich analysiere jeden Ort und jede Situation. Mit meinem Buch versuche ich ja auch zu vermitteln: Es ist keine Schande, den Notruf 110 zu wählen. Der kostet nichts, es gibt keine Geldstrafe, wenn die Polizei unverrichteter Dinge wieder abzieht. Aber oft können so Straftaten verhindert werden.

Wie fand Ihre Familie den Einsatz eigentlich?
Ich hab meine Frau anfangs beschummelt und nur von den lapidaren Fällen erzählt. Bis sie dann die Jungs kennengelernt hat (lacht). Sie hat mich dann gebeten, immer die schusssichere Weste anzuziehen und darauf vertraut, dass ich auf mich aufpasse. Allerdings ist der Adrenalinschub bei einem Einsatz gewaltig, man entwickelt einen irren Jagdinstinkt.

Am Ende des Buches danken sie dem „Corfu Grill“. Warum?
Das war unsere Würstchenbude wie im Kölner „Tatort“! Ein Grill mit sensationellem Gyros, da hab ich auch das eine oder andere Kilo draufgepackt ...

Sie waren Stadionsprecher beim HSV, saßen sogar im Aufsichtsrat. Wie gehts Ihnen mit Blick auf den Tabellenkeller?
Hallo? Jetzt wird die Telefonverbindung grad ganz schlecht ... Nein, ein Scherz. Seit meinem Abschied habe ich nicht ein Wort zum HSV gesagt, das Thema ist für mich ein für alle mal abgeschlossen.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihren Großvater Heinz Erhardt?
Kaum eine. Ich war drei Jahre alt, als er seinen ersten Schlaganfall hatte und nicht mehr reden konnte, zehn Jahre als er gestorben ist. Ich musste mir viel über ihn erzählen lassen. Als ein Viertel der Erbengemeinschaft kümmere ich um seinen Nachlass. Wir stehen gerade an einer Klippe, müssen gegen das Vergessen arbeiten. Heute gibt es neue Formen von Comedy, in den Köpfen der jungen Generation ist mein Großvater leider nicht mehr so präsent. Sein Humor ging nicht unter die Gürtellinie, war nicht bösartig - es waren liebevolle Wortspielereien.

Das Buch: Marek Erhardt, „Undercover“, Ullstein, 270 Seiten, 14,99 Euro.

Die Lesung: Donnerstag, 19 Uhr, im „Skylight“ zwischen Terminal A und B am Airport. Karten: 15 Euro.