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Leben in Hannover Kinderbuch-Star Kirsten Boie: „Lesen ist Grundlage für alles“
Hannover Leben in Hannover

Kinderbuchautorin Kirsten Boie: "Lesen ist Grundlage für alles"

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07:00 19.11.2021
Engagiert: Kirsten Boie hat beim „Hamburger Geschichten-Buch“ mitgemacht.
Engagiert: Kirsten Boie hat beim „Hamburger Geschichten-Buch“ mitgemacht. Quelle: Axel Heimken
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Hannover

Kirsten Boie (71) ist eine der erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautoren – mehr als hundert Bücher hat sie geschrieben, Generationen von jungen Lesern kennen sie von den Erlebnissen von Jan-Arne mit Meerschweinchen King-Kong, den Abenteuern der Kinder im Möwenweg, den Erlebnissen von Ritter Trenk, Detektiv Thabo in Afrika oder auch den „Sommerby“-Romanen. Neben dem Schreiben liegt ihr aber besonders die Leseförderung am Herzen.

„Jedes Kind muss lesen können“, fordern Sie. Wann kann ein Kind gut lesen?

Um wirklich lesen zu können, braucht das Kind eine gewisse Lesegeschwindigkeit – die sollte bei mindestens 60 sinnentnehmend gelesenen Wörter pro Minute liegen. Damit das Kind mit Spaß dabei ist, sollte es noch schneller lesen können.

Warum ist Lesen im Zeitalter von digitalen Medien noch so wichtig?

Lesen zu können ist die Grundlage für alles Weitere im Lebensweg. Wer nicht lesen kann, ist von vielen Dingen im Leben ausgeschlossen, das beginnt beim Führerschein und zieht sich weiter über viele Berufe, für die Lesen einfach eine Voraussetzung ist.

Vielfältiges Werk: Die „King-Kong“-Geschichten wenden sich an jüngere Kinder, „Thabo“ ist für ältere Leser. Quelle: Oetinger

Aber trotzdem können immer weniger Kinder wirklich lesen – laut IGLU-Studien etwa ein Fünftel der Zehnjährigen.

Die Zahlen sind erschreckend, denn diese Kinder haben wir bereits verloren: Kinder, die mit zehn Jahren nicht lesen können, haben keine Chance im Leben. Ohne Lesekompetenz kommen sie in der Mittelstufe in keinem Fach – sei es auch Biologie, Physik oder Mathematik – mit, sie können sich nicht informieren und qualifizieren, haben in der Berufsschule keine Chance, können keine fundierte Ausbildung durchlaufen. Die Auswirkungen, dass jetzt ein Fünftel der Zehnjährigen nicht lesen kann, zeigen sich erst später.

Das betrifft die Gesellschaft insgesamt...

Wir als Gesellschaft müssen uns gut überlegen, ob wir es wirklich wollen, dass so viele junge Menschen an den gesellschaftlichen Rand gedrückt und ausgeschlossen werden. Das kann auch für unsere Demokratie gefährlich werden.

Befürchten Sie, dass Corona die Situation noch verschärft hat?

Ja, Corona hat einen Rückschritt bewirkt, wir verlieren derzeit fast ganze Jahrgänge: Kinder aus bildungsfernen Familien oder aus Elternhäusern, in denen vielleicht nicht einmal Deutsch gesprochen wird, sind auch die Verlierer in der Coronazeit. Wenn Eltern den ganzen Tag arbeiten, können sie ihre Kinder nicht bei den Hausaufgaben unterstützen und üben. So ist die Bildungsschere weiter aufgegangen.

Begeisterte Leserin: Kirsten Boie als Kind – sie sagt, die Geschichten hätten ihren Alltag im Nachkriegsdeutschland „zum Leuchten“ gebracht. Quelle: privat/Kirsten Boie

Das wird schon lange diskutiert – warum ändert sich trotzdem nichts?

Es wird ja derzeit viel über Bildung diskutiert, aber immer nur über Bildung unter Corona und den Einsatz von digitalen Medien an Schulen – mir fehlt die inhaltliche Diskussion. Ein großes Problem ist der Bildungs-Förderalismus: Jedes Bundesland kann individuell entscheiden, dabei müssen wir gemeinsam an einen Strang ziehen. Denn dies ist tatsächlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, dem man nicht allein auf Länderebene begegnen kann. So brauchen wir ein Gremium, das bundesweit evaluiert, welche Organe und erfolgreichen Programme es gibt, und wie sie greifen. Wir müssen die Wissenschaft mit an Bord nehmen und gemeinsam ein Portfolio an Maßnahmen erstellen. Aber wir brauchen natürlich nicht nur Maßnahmen, sondern auch einen Topf für die Finanzierung.

An welche Mittel denken Sie da?

Da es die Gesellschaft im Ganzen betrifft, muss sich der Bundestag damit befassen. Wir wissen ja auch von dem Digitalpakt, dass es funktionieren kann. Auch um die Lesekompetenz, beziehungsweise einen flächendeckenden, fairen Zugang zu Bildung zu garantieren, müsste der Bund Mittel zur Verfügung stellen.

Beim Digitalpakt trat die Wirtschaft als Sponsor auf.

Bisher haben wir fürs Lesen keine Lobby. Aber die ist wichtig, denn das Thema Lesen und damit auch die Folgen für unsere Gesellschaft müssen mehr ins Bewusstsein kommen. Es geht hier auch um die wirtschaftliche Potenz unseres Landes! Und wir sollten uns klar machen: In jedem Jahr, das wir verstreichen lassen, verlieren wir mehr Kinder.

Was wären erste Schritte?

Wir dürfen nicht bis zur Schule warten, sondern müssen im Kleinkindalter, noch vor der Kita, die Kinder mit Sprachförderung erreichen. Auf das Lesen muss ein viel stärkerer Fokus gerichtet sein, in der Grundschule muss viel mehr gelesen werden. Wir müssen die Ausbildung für Lehramtsstudierende und Erzieher reformieren. Lehrer müssen nachqualifiziert werden. Wir brauchen Geld, um Leseförderung zu finanzieren.

In Hannover: Kirsten Boie bei der Jugendbuchwoche im Künstlerhaus. Quelle: Nancy Heusel

Und welche Rolle spielen die Eltern?

Wir können nicht immer alles auf die Eltern abwälzen. Das ist auch kein sicherer Boden: Klar, in Elternhäusern, in denen gelesen wird, werden die Kinder auch von Angeboten, die sich an den privaten Bereich richten, profitieren. Aber Elternhäuser, die keinen kulturellen und stabilen sozialen Hintergrund haben, sind mit so einem Auftrag überfordert – sie haben weder die Kraft noch die Kompetenz. Da reicht es nicht, den Menschen eine Broschüre in die Hand zu drücken. Sie brauchen wirklich Unterstützung.

Wie kann ich mein Kind zuhause unterstützen?

Eigentlich ist es ja ganz einfach: lesen, lesen, lesen. Lesen Sie vor, solange das Kind zuhört und es allen Spaß macht. Entdecken Sie gemeinsam Bücher, hören Sie nicht auf, auch wenn das Kind lesen kann. Ich kenne viele Familien, die noch gemeinsam lesen, auch wenn das Kind schon in der Pubertät ist.

Tipps zum Lesestart

Leseförderung beginnt nicht erst in der Schule: Der Verein Lesestart Hannover, bei dem Kirsten Boie auch Ehrenmitglied ist, die Stadtbibliothek und Hannovers Kinderärzte setzen sich dafür ein, dass Eltern bereits im Babyalter vorlesen und so den Spracherwerb als wichtige Voraussetzung für das spätere Lesen unterstützen. „Gib mir ein A – Sprachförderung von Anfang an“ heißt die Sprachentwicklungsbroschüre, die über die Kinderarztpraxen bei der U3 kostenlos verteilt wird. In ihr finden sich viele wertvolle Tipps wie man die Kinder gut unterstützen kann, worauf man als Eltern achten sollte und mehr. Übrigens: Die Broschüre mit vielen Tipps gibt es auch als PDF-Datei hier.

Im Alter von drei Jahren bekommen die Kinder und Eltern in den Stadtteilbibliotheken ein weiteres Set mit Tipps und einem Buch. Bei dem Programm der Stadtteilbibliotheken „Babys in der Bibliothek“ gibt es Fingerspiele zum Mitmachen, Lieder zum Mitsingen und Bücher zum Kennenlernen. Für Kindergartenkinder gibt es in den Stadtteilbibliotheken das „Bilderbuchkino“, bei dem Geschichten erzählt und Bilder an die Wand projiziert werden. Seit 13 Jahren gibt es den „Bilderbuchsonntag“ mit vielen Aktionen, Lesungen, Theater, Infostände und mehr. Auch für Sonntag, 13. Februar 2022, ist wieder ein Bilderbuchsonntag geplant. Gut zu wissen: Kinder und Jugendliche bis zum 20. Lebensjahr erhalten den Leseausweis der Stadtbibliothek kostenlos.

Haben Sie Lese-Tipps, mit denen wir Kinder fürs Lesen begeistern?

Es gibt so viele unglaublich tolle Bücher, da kann ich gar nicht eines speziell herausgreifen. Es kommt ja auch immer auf das Kind an. Neulich war ich beim Zahnarzt und beobachtete im Warteraum einen Zwölfjährigen, der intensiv las Als ich ihn fragte, ob er freiwillig lese, nickte er und meinte, dass er sogar sein Taschengeld für diese Buchreihe ausgeben würde. Es ging um Kinder, die von Staaten zu Spionage eingesetzt werden und mit Waffen kämpften...

Klingt aber nicht sehr pädagogisch ...

Das war jetzt bestimmt nicht sehr anspruchsvoll, aber es ist super, wenn sich Kinder von sich aus für Bücher begeistern. Dieser Junge wird später kein Problem mit dem Lesen haben! Und seien wir doch mal ehrlich: Meine Lieblingsautorin als Kind war neben Astrid Lindgren tatsächlich Enid Blyton. Ich habe ihre Bücher verschlungen. Dabei sind die nun wirklich nicht anspruchsvoll.

Von Maike Jacobs