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Leben in Hannover Wie Oliver Stokowski zu TV-Koch Horst Lichter wurde
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"Keine Zeit für Arschlöcher": Oliver Stokowski spielt Horst Lichter

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08:00 06.01.2022
Ist in einer ganz besonderen Rolle zu sehen: Oliver Stokowski spielt im ZDF-Film „Keine Zeit für Arschlöcher“ den Fernsehkoch Horst Lichter.
Ist in einer ganz besonderen Rolle zu sehen: Oliver Stokowski spielt im ZDF-Film „Keine Zeit für Arschlöcher“ den Fernsehkoch Horst Lichter. Quelle: Imago
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Hannover

Beide werden in diesem Jahr 60 alt, ihre Lebensläufe könnten sonst nicht unterschiedlicher sein: Oliver Stokowski (59) ist Schauspieler und verkörpert in seinem aktuellen Film „Keine Zeit für Arschlöcher“ den Fernsehkoch Horst Lichter (59).

Es gibt eine schöne Szene in Ihrem neuen Film, da heißt es: „Wo ein Schmetterling ist, da ist das Glück“. Was bedeutet Ihnen Glück?

In erster Linie bedeutet es, dass meine Familie gesund und glücklich ist. Meine beiden Söhne, meine Frau, meine Eltern. Wenn sie es sind, dann bin ich es auch.

Die Frage nach dem Glück stellt sich Horst Lichter gleich zu Anfang von „Keine Zeit für Arschlöcher“. Sind Sie sich schon mal begegnet?

Wir wollten uns wegen des Films unbedingt treffen. Es war ein sehr langes, intensives, spannendes und emotionales Gespräch. Ich habe ihm viele Fragen gestellt, wie er mit schlimmen Dingen wie dem Tod seines Babys fertig geworden ist. Und wie sein Seelenzustand war, nachdem er seine Mutter in den Tod begleitet hatte. Er hat sein Herz geöffnet, worüber ich sehr dankbar war. Dieses Gespräch war in der Vorbereitung auf die Rolle der wichtigste Punkt, den ich brauchte, um ihn so wahrhaftig wie möglich darzustellen.

Hemd, Brille, Bart: Äußerlich kommt Oliver Stokowski (links) Horst Lichter schon mal recht nah. Der Fernsehkoch besucht den Schauspieler bei den Dreharbeiten am Set. Quelle: ZDF/Willi Weber

Für den Rest benötigten Sie quasi nur Bart, Brille und karierte Westen. Wie haben Sie seinen rheinischen Akzent draufbekommen?

Ich habe seine Sprachmelodie aufgesaugt. Sein Hörbuch hat er ja selbst eingesprochen, ich habe es sehr oft angehört, immer und immer wieder geübt. Ich versuche es nach der Anthony-Hopkins-Methode: Er rezitiert 250- bis 500-mal die Texte, dann sind sie zumindest technisch drin. Grundsätzlich tue ich mich mit Dialekten aber nicht schwer. Es war, als würde ich in einer anderen Sprache drehen. Mir war wichtig, mir das draufzuschaffen, um wirklich nah an ihn heranzukommen.

Wissen Sie, ob Horst Lichter schon in den Film reingeguckt hat?

Ich weiß, dass er Teile gesehen hat. Zu mehr hat er sich bislang nicht im Stande gesehen, weil es ihn emotional zu sehr mitnimmt. Er wartet auf einen ruhigen Moment.

Zurück zu Hause: Horst Lichter alias Oliver Stokowski sitzt mit seiner Mutter Margret (gespielt von Barbara Nüsse) in seinem alten Kinderzimmer. Quelle: ZDF/Willi Weber

Lichter gilt als Frohnatur, im Film kommen die dunkleren Kapitel seines Lebens zutage. Welche Szenen haben Sie besonders berührt?

Während der Dreharbeiten habe ich immer wieder an unser Gespräch gedacht, habe seine Stimme gehört. Er war quasi bei mir. Die Szene, vor der ich am meisten Respekt hatte, war die am Sterbebett seiner Mutter, als er ihr Geschichten aus dem gemeinsam Leben erzählt. Das hat mich sehr bewegt.

Haben Sie in Sachen Tod vorgesorgt?

Ich habe das Glück, dass meine Eltern noch leben. Ich habe als Zivildienstleistender 16 Monate als Rettungssanitäter auf dem Notarztwagen gearbeitet und sehr viele Erfahrungen mit dem Tod gemacht. Von sehr nahestehenden Menschen musste ich noch keinen Abschied nehmen.

Oliver Stokowski

*8. August 1962 in Kassel. Eigentlich will er Tiefseeforscher werden, entscheidet sich nach dem Abitur (1981) für ein Musikstudium (1982 bis 1985) mit dem Schwerpunkt Klavier und Kontrabass. Dieser Ausbildung schließt er ein Schauspielstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz an. In Hannover steht er in Stücken wie „Onkel Wanja“ und „Die Dreigroschenoper“ auf der Bühne, wechselt dann nach München ans Residenztheater, ist außerdem bei den Salzburger Festspielen und dem Wiener Burgtheater zu sehen, es folgen Stationen in Bochum, Zürich, Berlin. In seiner TV-Karriere ist er in diversen Krimis („Derrick“, „Der Alte“, „Tatort“, „Polizeiruf 110“) zu sehen, bekommt Rollen in diversen Fernsehfilmen. Er wird unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Stokowski hat zwei Söhne und ist seit 2014 mit Schauspielerin Lilian Naumann (40) verheiratet. Die Familie lebt in München.

Ich meinte schon bei Ihnen selbst …

In trockenen Tüchern ist nichts, ich muss das Thema angehen. Durch den Film bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich mir Gedanken darüber machen und mich kümmern muss. Es ist ein Prozess.

Und wie sieht es mit Vergebung aus? Gibt es Redebedarf?

Es gibt sicherlich Dinge in der Familie, die zu klären sind. Da hat mir der Film auch zu denken gegeben.

Im Film wird die Frage gestellt „Warum bekommt man den Hintern erst hoch, wenn man Angst hat, dass die Zeit abgelaufen ist?“

Das ist ein guter Satz. Oft denkt man, dass gewisse Dinge noch Zeit haben, dass man sich nicht jetzt mit ihnen befassen muss. Oft ist es dann allerdings zu spät. Manchmal braucht es scheinbar gewisse Erlebnisse, um Dinge anzupacken. Auf das Erlebnis zu warten, das einen darauf bringt, ist weniger gut.

In Hannover auf der Bühne: 1989 ist Oliver Stokowski an der Seite von Barbara Melzl im Theaterstück „Der Weibsteufel“ zu sehen. Quelle: Joachim Giesel

Einen Teil Ihres Lebens haben Sie in Hannover verbracht.

Nach der Schauspielschule in Graz hatte ich am Staatstheater Hannover mein erstes Engagement, zunächst im Ballhof, dann im Schauspielhaus. Das war 1989 und ich bin vier Jahre geblieben. Damals habe ich in „Gier unter Ulmen“ den Sohn gespielt, heute spiele ich den Vater (lacht). Unter anderem habe ich an der Fraunhoferstraße in der List und der Albert-Niemann-Straße in der Südstadt gewohnt, später dann in einem alten Bauernhaus in Barrigsen. Da hatte ich eine WG. In der Stadt sind nach der Vorstellung oft ins Plümecke gegangen.

Vielseitig: Im NDR-Tatort „Das verschwundene Kind“ aus dem Jahr 2019 spielt Oliver Stokowski den Boxtrainer Ralf Schmölke, der von Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, rechts) und ihrer Kollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) befragt wird. Quelle: NDR/Christine Schroeder

2022 werden Sie 60. Feiern Sie gerne groß – und glauben Sie, dass das im Sommer wieder möglich sein wird?

Eigentlich habe ich nie groß gefeiert. Ich habe im August Geburtstag, das war als Kind schon schwierig, weil oft Schulferien waren und ich dann nachfeiern musste. Wenn Corona es zulässt, würde ich gerne größer feiern. Ich werde 60, meine Frau 40 – zusammen werden wir 100, passen würde es. Ob es geht, kann uns jetzt wohl niemand sagen.

Von Mirjana Cvjetkovic