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Leben in Hannover Kalkofe sieht "keine Gegner mehr"
Hannover Leben in Hannover Kalkofe sieht "keine Gegner mehr"
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11:48 10.12.2012
Von Stefan Gohlisch
Hannover, Oliver Kalkofe   (Foto: Frank Wilde)
Hannover, Oliver Kalkofe (Foto: Frank Wilde) Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Wirds besser, wirds schlimmer?, fragen wir alljährlich: Wie sieht es aus mit dem Fernsehen des Jahres 2012?

Es ist so traurig. Ich würde ja so gerne mal etwas Anderes sagen, weil ich das Fernsehen im Grunde meines Herzens wirklich liebe: Aber es tatsächlich noch mal viel schlimmer geworden - abgesehen davon, dass es heute einige der tollsten Serien aller Zeiten gibt. Aber die werden im Normalfall im Pay TV, nachts oder auf anderen schlimmen Sendeplätzen gezeigt.

Hat sich das nicht gebessert? „Sons of Anarchy“ wird mit vier Jahren Verspätung endlich gezeigt. „Once upon a Time“ läuft zur Hauptsendezeit...

Ja, letztere aber nur auf Super RTL und davor im Pay TV. Und dies ist ja nur ein Bruchteil dessen, was auf dem Markt an wirklich großartigen Juwelen vorhanden ist. Wenn sich dann mal ein Sender wirklich traut und zu seiner Entscheidung steht, dann kann es auch wunderbar funktionieren, wie man auch bei „The Walking Dead“ und „Game of Thrones“ gesehen hat. Aber normalerweise sind die Programmmacher nicht mutig genug.

Was ist das Schlimmste zur Zeit?

Es gibt eine ganz schlimme Tendenz, die metastasenhaft um sich greift: dass es nicht mehr darum geht, Programm zu machen, sondern nur noch darum, die Sendezeit zu füllen. Das geschieht zunehmend mit Doku-Soaps und Scripted Reality - es kostet ja nichts. Es gibt keinen Autor, sondern nur noch einen Schimpansen, der ein paar Stichwörter notiert. Es gibt keine richtige Regie, keine Kostüme, keine Maske, kein Set und auch keine Schauspieler. Der Rest ist Nachbearbeitung. Das hat nichts mehr mit Fernsehen zu tun.

Was ist die Folge?

Für unsere Generation, die noch mit richtigem Fernsehen aufgewachsen ist, war es noch eine Fluchtmöglichkeit vor der langweiligen Wirklichkeit. Man sah „Enterprise“, „Bonanza“, Colt Seavers... - und dachte: Das war cool, das will ich auch mal erleben. Heute sieht man fern und denkt sich: Oh, mein Gott, diese Menschen möchte ich niemals kennenlernen, was ich da sehe ist ja noch viel schlimmer als all das was ich erlebe. Heute flieht man nicht mehr zum, sondern man flieht vom Fernsehen.

Haben solche Formate nicht vielleicht sogar eine gesellschaftliche Funktion? Weil den Leuten gezeigt wird, dass es Menschen gibt, denen es noch schlimmer geht?

Wenn man Verschwörungstheoretiker wäre, könnte man jedenfalls die tollsten Theorien aufstellen. Früher wurde ja gerne behauptet, dass Fernsehen verblödet. Darum hatten alle Gameshows immer etwas mit Lernen zu tun. Darauf hatte man irgendwann auch keinen Bock mehr, weil Fernsehen so belehrend war. Heute aber geht es nur noch auf Doof. Da ist alles Party, Party und wenn nicht, kann man sich zumindest noch für wenig Geld besaufen. Man könnte fast glauben, dahinter steckt ein Masterplan - doch dafür müsste man Intelligenz voraussetzen. Mir wäre das fast lieber: Wenn du weißt, wer der Feind ist, kannst du dich gegen ihn wehren. Bei einer planlosen Gruppe von Vollidioten geht das nicht.

Wie arbeitet es sich in einem solchen Umfeld?

Es ist nicht einfach, man hat als Satiriker gar keine ernst zu nehmenden Gegner mehr. Es gibt nur noch ein paar Moderatoren, die dann aber auch gleich alles machen: Pilawa oder Pflaume zum Beispiel. Die anderen sind alle gleich, austauschbare Gesichter wie Marco Schreyl und Stefan Gödde, die gut aussehen und beim Sprechen nicht hinfallen, aber damit ist bereits das komplette charakterliche Spektrum beschrieben.

Gödde hat vergangenes Jahr den Überraschungserfolg „The Voice of Germany“ moderiert und wurde dieses Jahr durch den noch gesichtsloseren Thore Schölemann ersetzt...

Weil der Moderator inzwischen egal geworden ist. Da kann man auch eine Handpuppe nehmen oder einen sprechenden Hund. Und in einem Großteil der anderen Sendungen geht es gleich nur noch um namenslose Opfer. Man ist ja schon froh, wenn es so etwas wie die Geißens gibt...

Die sind inzwischen schon ein Lichtblick?

Ja, so weit ist es gekommen. Die sind wenigstens halbwegs authentisch. Man muss kein Mitleid mit ihnen haben, sondern kann zu ihnen stehen, wie man will - im Gegensatz zu den Anderen, die im Fernsehen nur noch zum Auslachen vorgeführt werden. In einem dieser Scripted-Reality-Formate musste neulich eine fette Frau spielen, dass sie fresssüchtig und auch noch geizig ist. Deswegen klettert sie über den Rücken ihrer ebenso dicken Tante in einen Müllcontainer und frisst mit den Händen eine weggeworfene Torte. Das ist komplett inszeniert, dazu auch noch furchtbar schlecht. Die Frau denkt, sie wäre jetzt Schauspielerin, wird aber nur total boshaft lächerlich gemacht.

Früher ging es in Ihrer Mattscheibe eher gegen die handelnden Personen. Heute greifen Sie die Macher solcher Sendungen an. Warum?

Weil es heute kaum noch wiedererkennbare Personen und Profis gibt. Den Zuschauern muss gezeigt werden, was alles Fake ist, wie sie belogen und verarscht werden. Und wie böse und herzlos mit den Menschen vor der Kamera umgegangen wird. Dabei ist solch ein Denken auch fatal für die Sender: kurzfristig ist es vielleicht erfolgreich, weil man so billig produziert, dass fast immer ein rechnerisches Plus bleibt, da freuen sich dann die Aktionäre. Aber wenn man nur noch so produziert, verliert ein Sender am Ende komplett sein Gesicht und seine Bedeutung, wie jetzt zum Beispiel Sat1, die haben sich selber ruiniert und kommen jetzt nicht mehr auf die Füße, weil der Sender sich selbst unwichtig und bedeutungslos gemacht hat.

Sind die Nischensender eine Lösung?

Ja, sie bieten zumindest die eine oder andere Lösung, aber sie sind eben eine Nische. Fast alles, was interessant oder irgendwie anders ist, läuft dort, zum Beispiel auf ZDF neo. Warum aber sind die vom ZDF nicht mutiger und zeigen etwas davon in ihrem Hauptprogramm? Immer nur auf ihr braves Heizdecken-Programm zu setzen, ist nicht die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Senders.

Sie sind jetzt selber in der Nische, zeigen „Kalkofes Mattscheibe“ auf Tele 5. Wie geht es Ihnen da?

Wunderbar, denn endlich habe ich dort wieder die komplette inhaltliche Freiheit, und - so doof das jetzt erst einmal klingt - die freuen sich, wenn ich etwas gemacht habe. Bei den größeren Sendern bekommt man höchstens eine Reaktion wie: „Schön, aber was machen wir jetzt damit?“ Weil diese Sender nur noch ganz selten stolz auf etwas sind, was sie gemacht haben. Mir jedenfalls macht es wahnsinnig Spaß; wir alle sind fast so euphorisiert wie damals bei den Anfängen.

Diese Anfänge gibt es jetzt auf CD.

Ja, sie ist gerade herausgekommen: die komplette Radio-ffn-Zeit, remastered auf acht Doppel-CDs in einer herrlichen Komplett-Box mit jeder Menge Infos und Extras. Es gibt so unheimlich viel, an das ich mich gar nicht mehr erinnert habe. Manchmal musste ich sogar selber lachen, weil ich wirklich nichts mehr davon wusste, manchmal hab ich mich auch gewundert, was da wohl in meinem Kopf vorgegangen ist. Und manchmal bin ich auch geschockt, was ich alles so über Leute gesagt habe, die ich inzwischen kennengelernt habe - wenn auch meist zu Recht: Thomas Koschwitz zum Beispiel, mit dem ich heute gut befreundet bin. Aber es gibt noch eine Sache, die ich erzählen muss: Wir machen jetzt Crowdfunding. Man kann Koproduzent der Mattscheibe werden.

Warum das?

Leider wird es heute immer mehr nötig, dass man die Fans und Zuschauer bereits vorher in eine Produktion mit einbinden muss, damit sie überhaupt stattfinden kann. Wir haben die Mattscheibe komplett selber auf die Beine gestellt, haben Tele 5 als Hauptpartner und Yahoo als Zweitpartner - und trotzdem haben wir noch eine Lücke, weil unser Pay TV-Partner im letzten Moment abgesprungen ist. Jetzt haben wir uns für Crowdfunding beziehungsweise Kalkfunding entschieden, aber so dass der Partner neben der Ehre auch richtig was bekommt für sein Geld. Wir kooperieren dafür mit Amazon: Es gibt Gold-, Silber- und Bronze-Paketete zu 100, 50 und 20 Euro. Dafür bekommt man jede Menge Fan-Artikel, exklusive Clips und Präsente, Live-Tickets, die DVD und so weiter. Das fängt damit an, dass ich die Geldgeber namentlich auf der DVD nenne oder dass sie eine Urkunde als Koproduzent bekommen inklusive der Bescheinigung, dass sie eine private Castingcouch betreiben dürfen. Das ist schließlich nicht nur für Fans eine tolle Sache.

Sie klagten über den Mangel an echten Namen im Fernsehen; nennen wir mal ein paar: Wie haben Sie es erlebt, als Tom Hanks über Markus Lanz’ „Wetten, dass...?“ gelästert hat?

Ach, der hat doch nur einen Spaß gemacht. Jeder ausländische Gast leidet in einer solchen Sendung. Das ginge mir doch genauso, wenn ich in der größten dänischen Sendung wäre und ein Komiker nach dem anderen käme, der bescheuerte Klamotten trägt, und die Stimme im Ohr sagt mir: „Der ist hier total bekannt und irre witzig!“ Und wenn ich dann noch eine Katzenmütze aufsetzen muss und um mich herum Sackhüpfen veranstaltet wird, da fühlt man sich doch wie auf einem anderen Planeten. Tom Hanks hat das einfach nur lustig auf den Punkt gebracht.

Wie sieht es aus mit Stefan Raab? Der hat sich in diesem Jahr am Polit-Talk versucht.

Bei ihm schlagen immer zwei Herzen in meiner Brust. Seine Musik-Geschichten und Eventshows sind größtenteils super, auch „Schlag den Raab“ ist eine großartige Idee - „TV total“ finde ich aber stinklangweilig und eine Frechheit gegenüber dem Zuschauer. Und auch die Polit-Show fand ich leider nicht gelungen. Raab hat offenbar den Drang zu zeigen, dass er alles kann. Aber irgendwann muss er auch einsehen, dass es Dinge gibt, die doch andere besser können. Und dann sollte er es besser denen überlassen.

Ein Gewinner des Fernsehjahres scheint der Modeschöpfer Harald Glööckler zu sein, der jetzt sogar seinen eigenen Jahresrückblick bekommt.

Offenbar sind wir dankbar, wenn wir mal etwas sehen, was außerhalb der Norm ist und nicht vollkommen blöd. Auf den ersten Blick ist der Mann eine Lachnummer - auf den zweiten Blick aber ein richtig cleverer Geschäftsmann. Und: Er redet zwar ganz viel dummes Zeug, aber man merkt, dass er auch ein sehr netter Mensch ist. Solch schräge Persönlichkeiten sind vielleicht bekloppt, aber eine Bereicherung für die Medienlandschaft. Ich persönlich vermisse Menschen wie Achim Mentzel und sogar Karl Moik. Sie haben die Welt bunter gemacht.

Ein Florian Silbereisen ist dafür kein Ersatz?

Der ist mir zu geleckt und eher eine Art Raab der Volksmusik. Der muss auch immer zeigen, was er alles kann und es allen recht machen. Die Mängelexemplare fehlen, die sind in ihrer Unvollkommenheit viel sympathischer.