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Leben in Hannover Käßmann: „Ich habe sehr viel Lust am Leben“
Hannover Leben in Hannover Käßmann: „Ich habe sehr viel Lust am Leben“
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22:20 03.10.2014
Von Mirjana Cvjetkovic
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Hannover

Frau Käßmann, Sie schreiben sehr offen und detailliert über den Tod Ihrer Mutter. Haben Sie sich damit etwas von der Seele geschrieben?

Ich habe nach der ARD-Themenwoche mit dem Titel „Sie werden sterben. Lasst uns darüber reden“ angefangen, das Buch zu schreiben. Dort war ich neben Reinhold Beckmann und Dieter Nuhr Patin. Es folgte eine enorme Resonanz, die deutlich machte: Die Menschen haben so viele Fragen! Zum Thema Beerdigung, Friedhof, Patientenverfügung, Nahtod, Selbstmord. Da wusste ich, ich will ein Buch darüber schreiben. In der Zeit, es war im Januar und ich hatte mir zehn Tage Urlaub genommen, starb meine Mutter. Das hat vieles verändert, ich bin mit dem Thema sehr viel emotionaler umgegangen, das Buch ist so nicht nur sachlich und nicht nur theologisch geworden.

Sie schreiben: „Das Ignorieren der eigenen Sterblichkeit empfinde ich als traurig.“ Wieso schieben wir in unserer Gesellschaft das Thema Tod so weit weg?

Einige Soziologen sagen ja, es gebe eine Karnevalisierung der Gesellschaft: Gut ist nur, was Spaß macht. Und da will keiner etwas mit dem Tod zu tun haben, der ist ein Spaßkiller. Interessant ist aber, dass ich so vielen Menschen begegnet bin, die alle etwas über den Tod zu sagen hatten, aus ganz unterschiedlichen Erfahrungen heraus. Wir sollten uns die Tiefe des Lebens nicht nehmen lassen, es ist nicht der schnelle Kick, um den es geht!

Sich frühzeitig Gedanken über die eigene Beerdigung zu machen, damit Angehörige entlastet werden. Sie hatten ja für sich lange Zeit an einen schönen Friedhof in Hannover gedacht, inzwischen soll es einer auf Usedom, Ihrem Zweitwohnsitz nach Berlin, sein. Sonst noch Wünsche?

Ich könnte mir gut vorstellen, in einem Hospiz zu sterben. Meine Kinder sind ja über die Republik verteilt, sie könnten zu mir kommen. Und ich würde mir wünschen, dass sie den Mut haben, dabei zu sein. Ich kenne das Sterben in solchen Einrichtungen, etwa durch das Uhlhorn-Hospiz in Hannover.

Haben Sie weitere Vorkehrungen getroffen?

Ja, durch Betreuungsvollmacht, Ge-spräche mit meinen Töchtern über meine Beerdigung. Und mit meiner Patientenverfügung habe ich gelernt: Da gibt es eine ganze Menge, das ich entscheiden kann. Zum Beispiel möchte ich nicht durch eine Magensonde ernährt werden.

Um die Lust am Leben zu beleben, muss man das Sterben einbeziehen, schreiben Sie. Was bereitet Ihnen Lust am Leben?

(Lacht). Ich habe sehr viel Lust am Leben, auch durch meinen Beruf. Lesen, reden, schreiben, das sind alles Dinge, die ich gerne mache. Rausgehen - ich habe einen großen Drang, in der Natur zu sein. Usedom spielt da eine große Rolle. Meine Freiheit und meine Kinder bereiten mir Lust am Leben. Und meine zweijährige Enkeltochter, wenn sie mit Omi Hühner gucken geht (lacht). Es bereitet mir große Freude, die junge Generation nachwachsen zu sehen. Ich sehe mich sehr privilegiert, ich bin ohne Krieg und ohne Hunger aufgewachsen, konnte auch als Frau jedes Bildungsziel verfolgen. Und das ist gewiss nicht überall so.

Wie sehr hat Ihnen das Älterwerden geholfen, gelassener zu werden?

Sehr. Ich werde keinen Marathon mehr laufen, sondern nur noch meine Sieben-Kilometer-Strecken. Ich muss auch nicht mehr Schlittschuh laufen, das konnte ich noch nie so richtig. Es hat schon Vorteile, keinen Druck zu haben, unbedingt etwas erreichen zu müssen. So wie es in einem Bibelvers heißt: Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn.

Ich habe Ihr Buch als eine Mischung aus Ratgeber und Biografie empfunden. War das Absicht?

Viele sagen, dass sie in meinen Büchern wie im Dialog dabei sind. Ich führe eine Art Dreiecksgespräch über die Bibel, unsere Gesellschaft und meine Erfahrungen.

Verraten Sie uns doch bitte: Vermissen Sie Hannover?

Manchmal schon, ja! Ich habe schließlich elf Jahre hier gelebt - nach meiner Kindheit habe ich noch nirgends länger gewohnt. Hannover hat alles, was eine Großstadt attraktiv macht, und dabei auch so viel Grün - eine unterschätzte Stadt. Ich jedenfalls werde immer ein Faible für Hannover haben, und eine meiner Töchter lebt ja auch noch hier.

Wie sieht Ihr neues Zuhause aus?

Ich lebe in Berlin in einer Altbauwohnung mit Stuck und Dielen, es ist wirklich sehr nett.

Noch einmal zurück zum Buch: Sie werfen einige existenzielle Fragen darin auf. Einige möchte ich Ihnen zurück stellen. Bereit?

Sicher!

Haben Sie das Leben gelebt, das Sie führen wollten?

(überlegt kurz) Ja - mit allen Höhen und Tiefen würde ich wohl alles wieder so machen. Und Fehler macht jeder.

Welche Träume wollen Sie sich noch erfüllen?

(zuckt mit den Schultern) Ich bin glücklich und zufrieden, wie es ist. Ich möchte weiter Enkel hüten und Bücher schreiben.

Reiseziele?

Habe ich keine mehr. Ich bin 20 Jahre lang in der Welt unterwegs gewesen. Ich kann ganz in Frieden auf Usedom sein.

Und haben Sie die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden?

Für mich besteht der Sinn darin, das Leben als Geschenk aus Gottes Hand zu nehmen und die Jahre, die du hast, am Ende zurück in Gottes Hand zu legen. Und zu sagen, ich habe versucht, das Beste daraus zu machen.