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Leben in Hannover Homeoffice: Die Tipps für intensives Arbeiten mit weniger Stress
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Homeoffice: Die Tipps für intensives Arbeiten ohne Stress

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18:21 13.01.2022
Um die Ausbreitung des Coronaviruses zu verlangsamen, arbeiten viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen von zu Hause aus.
Um die Ausbreitung des Coronaviruses zu verlangsamen, arbeiten viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen von zu Hause aus. Quelle: Sebastian Gollnow
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Hannover

Die Pandemie hat für viele Menschen das Homeoffice zum alltäglichen Arbeitsplatz gemacht. Und damit sind auch mental ganz neue Herausforderungen auf die Arbeitnehmer hinzu gekommen. Denn um zu Hause auch konzentriert arbeiten zu können, muss man in der Lage sein, Ablenkungen möglichst gut auszuschalten: Für manche sind es die Menschen im gleichen Haushalt, die Aufmerksamkeit wollen. Für andere ist es die Einsamkeit, wenn sie allein sind – beides fällt aber nicht jedem immer leicht.

Der Hannoveraner Sebastian Purps-Pardigol, der als Autor und Trainer die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung mit Methoden des Managementtrainings kombiniert, kennt diese Probleme von vielen seiner Kunden und Seminarteilnehmern sehr gut. Ein erster Rat von ihm: „Wir werden deutlich leistungsfähiger, wenn wir konsequent Impulse reduzieren und Multitasking vermeiden.“ Man könne nicht gleichzeitig eine Präsentation vorbereiten, nebenbei Mails beantworten und dem Kind bei den Hausaufgaben helfen, während man den Kollegen am Telefon hat: „Unser Hirn ist nicht multitaskingfähig“, warnt Purps-Pardigol.

Multitasking verlangsamt das Gehirn

In seinem neuen Buch „Leben mit Hirn“ demonstriert er das an einem einfachen Beispiel: Reihen von Zahlen wie 1, 2, 3, 4, 5. 6, 7, 8 oder von Buchstaben wie A, B, C, D, F, G, H lassen sich sehr schnell sprechen. Länger aber dauert es bei einer Reihe wie A1, B2, C3 und folgende. Das kann man gern mal ausprobieren.

Sebastian Purps - Pardigol Quelle: Frank Wilde

Laut Purps-Pardigol liegt das daran, dass wir bei der Kombination von Zahlen und Buchstaben auf unterschiedliche neuronale Netzwerke zugreifen. Bereits diese einfache Form des Multitaskings zeigt, wie schnell das Gehirn bei solchen Aufgaben verlangsamt. Denn komplexe Denkprozesse kann das Gehirn nicht parallel ausführen. „Wenn wir mehrere Dinge gleichzeitig machen, schalten wir nur rasend schnell zwischen verschiedenen Bereichen unseres Gehirns hin und her. Das kostet viel Kraft“, erklärt Purps-Pardigol. Beim Multitasking ist das Gehirn schneller erschöpft, wird langsamer und ist nicht so fokussiert auf eine Sache.

Aber nicht nur die Menschen im Homeoffice sind neu gefordert, auch die Arbeitgeber: Von ihnen braucht es eine klare und ebenfalls regelmäßige Kommunikation, sagt Purps-Pardigol. Denn in schweren Zeiten würden Menschen Informationen teilweise auf eine irrationale, ja pathologische Weise verknüpfen. Dem gelte es gegenzusteuern, indem präzise kommuniziert wird, was das Unternehmen entscheidet und warum. Sei das schon vor Corona ein Erfolgsfaktor gewesen, hätte die Kommunikation innerhalb der Firma jetzt eine noch größere Bedeutung: „Wenn Mitarbeitende verstehen, was geschieht, entsteht kein ‚Kopfkino‘, sie bleiben neuronal ruhiger und können ihre höheren kognitiven Fähigkeiten bestmöglich nutzen“, rät Sebastian Purps-Pardigol.

Ablenkungen vermeiden

Viele Menschen starten in den Tag mit dem Lesen von E-Mails, oder sie surfen in den sozialen Medien. Damit aber verschwenden sie gleich am Anfang neuronale Ressourcen. Denn die Nachrichten nehmen jede Menge Impulskontrolle in Anspruch, sie wühlen auf, fordern, bewegen. Die Folge: Das Gehirn braucht schon morgens jede Menge Kraft – wenn dieser Prozess auch unbewusst abläuft.

Dabei sind wir tatsächlich empfindlicher als wir oft glauben: Whatsapp, Mails, der Anruf des Kunden oder der Kollegin – nicht nur jede Unterbrechung, sondern schon der Gedanke daran stört die Konzentration: „Weil bereits die Erwartung einer Störung messbar die Leistung und das Wohlbefinden verringert, ist es eine gute Idee, seine Chats und E-Mail-Nachrichten auch während der Arbeit nur zu fixierten Zeitpunkten anzuschauen“, meint Purps-Pardigol. Er rät auch, Handy und andere Kommunikationstools während fokussierter Arbeit stumm zu stellen. Nach Abschluss der Aufgabe kann man Zeit einplanen, um auf Anrufe von Kollegen, Mails oder Whatsapp-Nachrichten zu reagieren.

Arbeitspausen fest einplanen

„Unser Gehirn braucht Zeiten wie Ebbe und Flut. Zu der Arbeitsflut brauchen wir zwischendurch die Ebbe im Gehirn, damit es neue Verknüpfungen bilden kann und auf neue Ideen kommt“, unterstreicht Sebastian Purps-Pardigol die Bedeutung von Pausen.

Er selbst nutzt eine Sanduhr für seine Pausen: Ist eine Aufgabe erledigt, dreht er die Sanduhr um und die Pausenzeit beginnt. So erinnert ihn die Uhr auch daran, sich Pausen überhaupt einzuräumen. Denn oft neigt man dazu, durchzuarbeiten – in dem falschen Glauben, so Zeit zu sparen. Dabei kann sich die eigene Leistung bis zu 25 Prozent steigern, wenn Pausen gemacht werden.

Letztlich gehe es im Homeoffice noch mehr als am Arbeitsplatz im Unternehmen darum, Single-Tasking zu betreiben – bewusst Pausen zu planen, aber auch stringent zu arbeiten, sagt Purps-Pardigol.

Um konzentriert in der Arbeitszeit am Ball zu bleiben, rät der Coach zur sogenannten Pomodoro-Technik nach Francesco Cirillo: Man schreibt sich die zu erledigenden Dinge auf und arbeitet jeweils nur eine ab. Dabei läuft 25 Minuten eine Stopp- oder Sanduhr mit. „Während dieser Zeit darf man nur die zuvor ausgewählte Aufgabe erledigen“, sagt Purps-Pardigol: „Der Sand läuft einfach weiter und ich muss fokussiert bleiben, um sie zu schaffen. Das spornt an.“

Atmung zählen

Wenn der Stress dennoch zu groß wird, schafft laut Purps-Pardigol eine einfache Atemübung Abhilfe: Beim Einatmen bis vier zählen und anschließend so lange ausatmen, wie es dauert, um im gleichen Tempo bis sechs zu zählen. „Das aktiviert das parasympathische, entspannende Nervensystem. Und egal, was um einen herum geschieht, man beruhigt sich und wird kognitiv wieder leistungsfähiger.“

Einsamkeit im Homeoffice?

Wir alle brauchen das soziale Miteinander. Es gibt uns das Gefühl von Verbundenheit und das sei ein neurobiologisches Grundbedürfnis, sagt Purps-Pardigol. Wenn dieses nicht befriedigt werde, gehe es im Kopf hoch her. Denn das Gefühl von Getrenntsein wird von den Bereichen des Gehirns verarbeitet, die bei körperlichem Schmerz aktiv sind: Hat ein Mensch das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, schüttet der Körper vermehrt Entzündungsmarker aus.

Umgekehrt versorgt ein Verbundenheitsgefühl den Menschen mit Energie, verringert Ängste, steigert das Wohlbefinden, mache zufrieden. So konfrontierten Wissenschaftler in Stanford zwei Gruppen von Studierenden mit einer unlösbaren Mathematik-Aufgabe. Der einen Gruppe war zuvor suggeriert worden, im Studium würde sehr stark zusammengearbeitet, der anderen wurde das Gegenteil erzählt. Ergebnis: Die Mitglieder der ersten Gruppe waren wesentlich ausdauernder beim Suchen nach einer Lösung. Ihre Motivation, in diesem Studienfach weiterzumachen, war doppelt so hoch.

Aber wie kann Verbundenheit im Homeoffice gelingen? Das Gute sei, sagt Purps-Pardigol, dass Verbundenheit auch ohne persönliche Begegnung funktioniere. Es reiche ein Telefonat oder der digitale Austausch mit vertrauten Menschen. Zur Not helfe es, sich den Dialog vorzustellen, das habe psychisch ähnlich positive Effekte. Sehr wirksam sei es auch, sich am Abend bewusst an die drei angenehmsten sozialen Interaktionen des Tages zu erinnern.

Gut sortieren

Wer verschiedene Aufgaben zu bearbeiten hat, sollte bedenken: Komplexe Entscheidungen kann unser Hirn besser treffen, wenn es ausgeruht ist. Einfache Entscheidungen können wir auch noch mit halber Kraft treffen. Wer seine Arbeit sinnvoll sortiert, macht auch weniger Fehler. So sollte man sich beispielsweise kurz vor der Mittagspause oder vor Dienstschluss lieber Aufgaben legen, die einfach und routiniert abzuarbeiten sind.

Ein Verbundenheitsgefühl durch die sozialen Medien hingegen wirkt wenig: „Das ist, wie wenn man drei Tüten Chips isst. Das vertreibt den Hunger, aber es nährt nicht“, warnt Purps-Pardigol.

Von Maike Jacobs